The Gates Of Slumber
“Conqueror”
(p) 2008, Profound Lore/I Hate Records

In der Liste der Flops der Sommersaison 2008 souverän auf Platz 5: The Gates Of Slumber.
Damen und Herren, liebe Leser. Wir haben uns vor dieser Urne versammelt, um Abschied zu nehmen von einer großen Hoffnung des Doom. Bitte setzen Sie Ihre Mützen ab und senken Sie Ihr Haupt für eine Minute stillen Gedenkens.
Vielen Dank.
1998 gründete der Gitarrist, Sänger, Mythologe und Volkskundler Karl Simon in Indianapolis die Band The Gates Of Slumber. 2001 stieg mit Jason McCash ein anerkannter Doom-Experte am Bass ein. Am Schlagzeug sitzt nach einigen Wechseln Bob Fouts.
Vor vier Jahren erschien die erste CD The Awakening. Und wahrlich, wir sagen euch: Es war eine Erweckung. Mächtige Glockenschläge, knarrende Kerkertüren, hirnzerschmetternde Riffgebirge — die Freude höret nimmer auf.
Wenn eines Tages Das Große Buch vom guten Doom geschrieben wird, muß The Awakening im ersten Kapitel unter der Überschrift “Lobpreisungen und Seligsprechungen” gehuldigt werden, geschrieben mit feuriger Feder, getunkt in das stickichte Blut des abscheulichen Homunculus Bruce Dickinson.
Begeistert ob des grandiosen Debüts, schlugen wir im Jahr 2006 eine Woche vor Verkaufsstart des Nachfolgers Suffer No Guilt unser Zelt am Eingangstor des Plattenhändlers auf. Wir kampierten in Regen und Sturm, wir ertrugen Hohn und Spott, um die Ersten zu sein, die das sehnsüchtig erwartete Werk in den heimischen Player schieben durften. Endlich, endlich, war es so weit! Das Tor wurde geöffnet, wir stürmten zum Regal, Buchstabe “G”, rissen Suffer No Guilt an uns, zahlten, rannten nach Hause, zerrten die CD aus der Verpackung — und trauten unseren Ohren nicht.
Was für eine Enttäuschung.
The Gates Of Slumber erfanden den Bonanza-Doom. Mal klangen sie wie der Titelsong der berühmten Fernsehserie, mal besannen sie sich auf den guten alten Doom. Schlagzeuger Chris Gordon lag völlig neben der Kappe. In jedem Song klapperte er enthusiastisch mit einem Set preiswerter Topfdeckel. Vielleicht waren es topfdeckelgleiche Hi-Hats. Egal, es klang zum Fürchten.
Karl Simon bemühte sich, noch höllenschlundiger zu singen, tief und doomig und bedeutungsvoll. Er machte sich nur lächerlich. Wenn ein Sänger nicht merkt, daß er seine stimmlichen Grenzen überschreitet, muß es jemand geben, der ihn warnt. Wofür werden eigentlich Produzenten bezahlt?
Die Gitarrensoli hätten von den schlimmsten Fingern des NWOBM eingespielt sein können. Nerviges Zwei-Finger-Geklöppel auf dem Griffbrett. Dazwischen Fagott und Pferdegetrappel und am Ende eine 20-minütige Kunstanstrengung mit dem dümmsten “Whoa-oh-oh”-Chorus der Doom-Geschichte. Und als wäre das Maß noch nicht voll, galoppierte die Band teilweise in einem Tempo, als müßte sie mit Gewalt die Fans von Thin Lizzy erobern.
Geläutert stellten wir Suffer No Guilt ins Regal. Als uns die Ankündigung erreichte, daß Conqueror veröffentlicht werden würde, erwarteten wir nichts. Wir hatten uns nicht getäuscht.
Zwar gibt es eine partielle Besserung. Karl Simon singt weniger angestrengt. Manchmal ähnelt seine Stimme der von Scott Weinrich (St. Vitus) oder Justin Marler (The Sabians). Die Band besinnt sich teilweise wieder auf Black Sabbath, St. Vitus und The Obsessed (To Kill And Be King, Conquerer). Das ist eine sichere Bank.
Allerdings ist die neu entflammte Liebe zum Traditional Doom derart innig, daß sie wie ein Tribute Of Black Sabbath klingt. Daß die Gitarre nach dem Vorbild von His Highness Tony Iommi gestimmt ist, versteht sich von selbst. Die Übernahme verdammt ähnlich klingender Riffs ist eher zum Stirnrunzeln. Es gibt einen verdammt großen Sack voller Doom-Bands, die Black Sabbath anbeten, ohne deren Riffs täuschend echt nachzuempfinden (um es zurückhaltend zu formulieren).
Auch auf Conqueror kann sich Karl Simon mit The Dark Valley Suite sein 16-minütiges Liebhaberstück nicht verkneifen, aber diesmal kriegt er die Kurve. Das integrierte Bass-Solo von Jason McCash ist mehr als respektabel.
Der neue Schlagzeuger Bob Fouts hat die Topfdeckel eingemottet. Große Erleichterung. Dafür brachte er eine Double Bass-Drum mit (Eyes Of The Lair, The Machine).
Lassen Sie uns an dieser Stelle noch einmal in Erinnerung rufen, wie das Genre heißt, in dem die Verblichenen musizierten: Doom. Der Einsatz der schnellstmöglichen Bass-Drum in der langsamstmöglichen Musikrichtung ist ähnlich sinnvoll, wie das Engagement eines protestantischen Posaunenchors im Speed Metal. Oder von Cozy Powell (mit Double Bass-Drum) bei Black Sabbath. Die erschütternden Resultate hießen Headless Cross und Tyr.
Kommen wir zum Grund des Ablebens, liebe Trauergemeinde. Die Band pendelt auf Conqueror zwischen zwei Welten, die so unvereinbar sind wie Feuer und Wasser: Doom und Spandex. In Songs wie Children Of Satan, Trapped In The Web, The Machine, Eyes Of The Lair und Ice Worm’s Lair driftet sie in das Genre der Unaussprechlichen, deren Namen wir uns tapfer, aber vergeblich sträubten, sie aufzuschreiben.
Wir schwören, daß man uns am Stuhl festbinden und mit Gewalt unsere Hand führen mußte, um uns zu zwingen, die Namen der widerwärtigsten, ekelhaftesten Pseudo-Mugger des Universums wie eine teuflische Anrufung in die Tastatur zu tippen. Jeder Buchstabe brannte sich in unsere Fingerkuppen wie ein satanisches Kainsmal. Der Gestank verbrannten Fleisches waberte durch den Raum, und als das böse Werk vollendet war, öffnete sich zischend die Pforte zur Unterwelt. Ein rotglühender Gesell mit Bocksfuß und einem abgebrochenem Horn an der Schläfe entblößte grinsend seine gelb-schwarzen Zahnstummel, stieß eine Wolke aasigen Geruchs aus seiner verfluchten Lunge und rief schrill meckernd:
I-R-O-N M-A-I-D-E-N! M-A-N-O-W-A-R!
Der Bock verschwand, aber die Namen waren ausgesprochen. Namen sogenannter Bands, die noch widerwärtiger und ekelhafter sind als Metallica. Diesen Bands fühlen sich The Gates Of Slumber immer zugeneigter. Unüberhörbar.
Mögest du in der Hölle schmoren, Karl Simon.

The Gates Of Slumber (1998-2008).
Im stillen Gedenken an eine verwehte Hoffnung.
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