Neurosis
Europatour 2008
18. August 2008
Leipzig, UT Connewitz
Feinde der Sonne, Feinde des Lichts. Wie eine Kohorte Nazgûl galoppieren sie donnernd aus kahlen Bergen über die zuckende Erde. Einen Schleier werfen sie über den Tag und hüllen ihn in finsterste Nacht. Dichte Nebelschwaden folgen ihrer Spur. Eine grautrübe Schattenbahn, gekrönt von Türmen schwärzester Wolken. Die Münder formen unmenschliche Schreie, gellend und tief zugleich. Eine Welle aus Angst schäumt in die tiefen Täler hinab. Sie kündigt das letzte Strafgericht an, vor der ewigen Nacht.
Neurosis im Konzert. Willkommen im Albtraum.
Sie fangen sofort an. Sie betreten die Bühne, kurzes Kopfnicken: Given To The Rising. Brachial und ohne Vorwarnung. Die Meister der Laut-Leise-Dynamik lassen leise weg und beginnen laut. Dröhnend laut und unglaublich präzise. Mit einer Wucht, von der man lange zehrt.
Man steht in der Menge und wird winzig klein. Von der Bühne branden Wellen aus Lärm, brechen sich an den kahlen Wänden und umspülen das Publikum wie eine tosende Gischt. Die tiefen Frequenzen sind körperlich spürbar. Sie umkrallen Herz und Magen und bohren sich züngelnd in die Trommelfelle. Die Bierflasche zittert in der Hand. Ohropax wird herumgereicht.
Neurosis explodieren auf der Bühne mit einer epischen Brutalität, die man mit eigenen Sinnen aufgesogen haben muß. Sie entfesseln eine Wut, als würden sie in Dantes innerer Hölle stecken, bis zu den Knien im heißen, zähen Blutstrom, umgeben von schwefelgelben, zischenden Dämpfen, ohne zu versinken, ohne sich befreien zu können. Mit zorngespeister, übermenschlicher Kraft stemmen sie sich gegen den blutigen Strom, wieder und wieder.
Sie geben niemals auf, aber sie lehren uns das Fürchten. Wenn Scott Kelly in einem abgrundtiefen, infernalischen Röhren die Worte “To The Wind” ins Mikrofon schreit, dann ist das nicht weit entfernt vom entsetzlichen Ruf Saurons, des Abscheulichen. Man möchte eine Ritze suchen, um darin zu verschwinden und nicht als willenloser Teil der Armee der Orks und Haradrim zu verröcheln.
Die Gitarren von Scott Kelly und Steve von Till wirken wie dürre Zweige in den Händen von Giganten. Sie schütteln, reißen und rütteln sie, schleudern sie vor ihren Bäuchen, zerren wie besessen an den Gitarrenhälsen, aber sie verwunden ihre Instrumente nicht. Nichts geht zu Bruch, keine Zertrümmerungsshow wird abgespult.
Die Musiker gleichen brodelnden Magmaströmen, die sich in Menschengestalt materialisiert haben. Als müßten sie alle innere Energie binden, um nicht selbst zu zerreißen, schwingen Steve von Till, Scott Kelly und Dave Edwardson ihre Körper vor und zurück, mit beängstigender Intensität, bis zur Belastungsgrenze der Wirbelsäule, immer im Gleichklang zur Musik.
Sie spielen sich in Trance. Sie spielen nicht für das Publikum. Sie verschwinden in einem Tunnel und erwachen erst nach 90 Minuten. Wer es wagt, Scott Kelly aus seiner Selbstversenkung zu reißen, muß seinen heiligen Zorn fürchten. Den unwirschen Blick, mit dem er uns strafte, als wir beim Fotografieren versehentlich den Blitz auslösten, werden wir noch im Jenseits als brennende Scham auf unserer Seele spüren.
Als Neurosis vor zwei Jahren mit Made Out Of Babies spielten und die Babies, entzückt über Neurosis’ Auftritt, die Bühne zum Stage Diving erklommen, ließ es Scott Kelly so gewaltig krachen, daß es allen eine Warnung sein sollte: Keep Distance, Sterblicher.
Scott Kelly gab Anfang August in Oslo und Warschau jeweils einen Tag vor dem Neurosis-Konzert zusätzlich einen Soloauftritt. Wie halten sie das durch? Speisen sie ihre Kraft aus sich selbst? Lodern in ihnen glühende Brennstäbe, wo andere Menschen ein Herz tragen? Wie kann ein Musiker aus Fleisch und Blut eine Tour überstehen, in der jedes Konzert auf dem gleichen höchsten Level stattfindet? Bestehen diese Männer nur aus Energie?
So viele Hüte gibt es gar nicht, wie man vor Neurosis ziehen müßte.
Die Entwicklung von Neurosis ist beeindruckend. Es schreibt sich so leicht dahin: Sie werden immer besser. Aber was soll man anderes schreiben? Ihre Fähigkeit, sich zu steigern, scheint an keine Grenzen zu stoßen. Nach 23 Jahren und 10 CDs geht es immer weiter. Sie bleiben ihrem Genre treu, ohne sich zu kopieren.
Und sie experimentieren. Mit ihrem Ableger Tribes of Neurot durchwandern sie die sphärischen Hallen von Dark Ambient und Tribal Noise. Das wird nicht jedem Neurosis-Fan gefallen, folgt aber dem Selbstverständnis der Band: Sie machen grundsätzlich keine Musik für Fans, weder im Studio noch auf der Bühne. Neurosis spielen für Neurosis. Nur für Neurosis.
Manche sehen sie als Erfinder, manche nur als expressive Vertreter des Sludge, einem Gemenge aus Doom, Stoner, Southern und Punk. Ersteres können wir nicht belegen, vor allem, weil die Melvins — die offensichtlich als eierlegende Wollmilchsau für die Erfindung aller möglichen Musikstile herhalten müssen — ebenfalls als Sludge-Pioniere betrachtet werden. Und wir sind auch nicht sicher, ob traditioneller Sludge tatsächlich die richtige Kategorie für Neurosis ist. Zwischen Crowbar, einer exzellenten, lupenreinen Sludge-Band, und Neurosis klaffen einige Welten.
Neurosis füttern ihren Sludge mit Noise, Ambient, Trance und Folk. Sie bauen ihr eigenes Universum, ob im Sternhaufen des Sludge oder anderswo, und werden inzwischen von Tochtergalaxien wie Isis, Minsk und Cult of Luna umkreist, die sich vom Mutterstern Neurosis erwärmt und angezogen fühlen.
Die lebensferne Düsternis des Neurosis-Infernos wird seit acht Jahren von Josh Graham optisch illustriert. Seine Visuals laufen als Projektionen am Bühnenhintergrund. Keine blubbernden Blasen, sondern konzeptionelle Interpretationen der Songs aus Sicht eines audiovisuellen Künstlers. Für To The Wind kombiniert er Sequenzen von Atomexplosionen mit dem immer wiederkehrenden Gesicht einer Frau. Die Wirkung ist phänomenal: Der Song ist unbarmherzig, und die Bilder dazu sind wunderschön.
Erschrocken fragt man sich: Eine schöne Frau neben explodierenden Atombomben? Geht das? Ja! Es ist wunderschön. So schön.
Josh Graham liefert keine Auftragswerke ab, sondern versteht sich als Teil von Neurosis. Umgekehrt brauchen Neurosis den kreativen Input von Graham. Er begleitet die Band auf Tour, produzierte die DVD “A Sun That Never Sets”, gestaltet die Plattencover und entwirft die Motive für das Merchandising. Neurosis haben Josh Graham zum festen Bandmitglied erklärt. Er ist der sechste Mann auf den offiziellen Bandfotos.

Man fragt sich bei einer Ausnahmeband wie Neurosis, warum sie nur selten auf Tour gehen. In Deutschland waren sie zuletzt 1999, in Europa 2004 und 2006 (London) und 2007 (Stockholm). Die Erklärung ist so banal wie ernüchternd: Neurosis leben nicht von ihrer Musik. Alle Bandmitglieder haben feste Jobs. Um nach Europa zu fliegen und zu touren, müssen sie Urlaub nehmen oder sich unbezahlt freistellen lassen. Und, was man den wilden Gesellen vermutlich ganz zuletzt zugetraut hätte: Sie sind keine whiskey-seligen Junggesellen. Zu Hause warten Frau und Kind. Die werden nicht begeistert sein, wenn Papa zwei Wochen durch Europa geistert und am Ende, wenn alles gut geht, keine Schulden mit nach Hause bringt.
Denn Neurosis spielen nicht immer vor großem Publikum. In London waren es 400, in Leipzig zwei Mal 500 Zuschauer (ausverkauft). Als Scott Kelly am 22. April 2008 im UT Connewitz auftrat, verloren sich gerade mal 30 Leute vor der Bühne. Hochgerechnet. Es könnten auch weniger gewesen sein.
Der Band sind die Besucherzahlen schnuppe. Sie spielen immer an der Grenze zur Verausgabung. Sie bestrafen nicht das Publikum, wenn weniger Leute kommen, als für die Tourkasse gesund wäre. Und sie wählen ihre Auftrittsorte bewußt aus. Neurosis spielten am 18. und 19. August in Leipzig, weil sie sich dort wohlfühlen. So einfach ist das.
Wir kennen nicht die Locations der anderen beiden Deutschland-Konzerte in Köln und München, aber für Neurosis ist das UT Connewitz ein idealer Ort.1 Ein altes, entstuhltes Kino mit himmelwärts gewölbter Decke, besucherfreundlich ansteigendem Boden, größtenteils abgeschlagenem Putz und dem originalen Kassenhäuschen aus jener Zeit, als Tickets noch Billets hießen. Im Vorraum stehen zwei Reihen rotplüschiger Kinosessel. Wem die Vorband mißfällt, der kann sich hier meditativ entspannen.
Der historische Kino- und jetzige Veranstaltungssaal wirkt wie eine Mischung aus Weltkriegsbunker, Technoclub und Architekturdenkmal. Wer sich hier nicht wohl fühlt, soll dorthin gehen, wo der Pfeffer wächst. Oder ins Berliner ICC, dem häßlichsten Platz der Welt.
Dominierender Teil der Bühnenrückwand ist ein Stuckportal, das einem antikem Portikus nachempfundenen wurde: Zwei Pilaster, darüber ein Dach: Der stilisierte Säulengang vor einem antiken Tempel, ganz im Geschmack der Zeit um 1912, dem Baujahr des Kinos. Das war die Kulisse für Neurosis: Links außen Noah Landis (keyb), in der Mitte Steve von Till (g, voc) und Scott Kelly (g, voc), rechts Dave Edwardson (b, voc) und hinten, zwischen den Pilastern, Jason Roeder (dr). Die Band vor diesen wuchtigen Stucksäulen zu plazieren, im kalten Licht blauer, grüner und gelber Scheinwerfer, vor den Projektionen von Josh Graham, das war umwerfend perfekt.
Sie standen vor dem Portikus wie brüllende Götter, eingesperrt in einer Kathedrale, die tief unter der Erde in den schwarzgrauen Fels geschlagen wurde. Sie standen am Eingang zur Schattenwelt und schrien. Haß, Ekel und Abscheu quoll aus ihren Leibern. Sie schrien so dröhnend und tief, wie kein Mensch zu schreien vermag. Sie schrien lauter als die Elenden und Verdammten der Schattenwelt, deren Stimmen hinter dem Portikus niemand zu hören vermochte. Das Tor blieb verschlossen, doch sie schrien weiter und läuterten sich. Sie durchlitten ihre eigene Hölle. Sie peitschten ihre Gitarren und brüllten markerschütternd, bis ihre Seelen bluteten. Sie leerten alle Schalen des Zorns.
Sie füllten die Kathedrale mit purer Gewalt.
Zu spät, wer Neurosis jetzt noch im Konzert feiern und huldigen will. Die Europa-Tour ist beendet. Aber sie kommen wieder. Vor neun Jahren gründeten Neurosis ihr eigenes Label Neurot Recordings. Nach stotternden Anfängen läuft der Betrieb inzwischen rund. Das 10jährige Jubiläum wird im nächsten Jahr spektakulär gefeiert. Neurosis dürfen am 25. April 2009 auf dem Roadburn Festival in Tilburg (Holland) 15 Bands ihrer Wahl einladen.
Sie bräuchten nur 15 Bands aus ihrem eigenen Neurot-Katalog anzurufen, und wir würden zu Fuß nach Holland laufen. Für den Anfang fielen uns sofort Isis, Red Sparowes, Tarantula Hawk, OM, Grails, Bee & Flower und die Galloping Coroners ein (letztere sind hier als Rasende Leichenbeschauer bekannt — wenn sie noch aktiv sind, dann sind sie allein jede Reise wert. Nach Neurosis, versteht sich.)
Vielleicht erinnern sich Neurosis auch an ihr früheres Label Alternative Tentacles und bitten Jello Biafra auf die Bühne. Oder sie treten nur mit ihren eigenen Solo- und Side-Projects auf. Was auch immer sie vorbereiten, es wird gut.
Kann es eigentlich eine außerplanmäßige Sonnenfinsternis geben? Wenn ja, dann soll sich die Sonne am 25. April 2009 über Tilburg hinter den Mond verziehen. Zu Ehren einer großen Band ist das gewiß nicht zu viel verlangt.

Für Statistiker die Setlist vom 18. August 2008:
- Given To The Rising
- At The End Of The Road
- Distill (Watching The Swarm)
- Locust Star
- To The Wind
- Left To Wander
- Fear And Sickness
- Water Is Not Enough
- Stones From The Sky
Allerdings ohne Gewähr. Sich im akustischen Orkan die Titelfolge zu merken, ohne sich zu irren, ist eher eine Aufgabe für Wetten, dass? Falls die Setlist fehlerhaft ist: Korrekturen sind willkommen.
Neurosis am 18. August 2008 im UT Connewitz:
Fotos (c) by Ch. Brinkmann
- Im UT Connewitz spielten außer Neurosis und Scott Kelly auch Isis, Silver Mt. Zion, Boris und die Red Sparowes. Alles Bands, denen man nicht nur zu ihrer guten Musik, sondern auch zu ihrem guten Geschmack in puncto Veranstaltungsort gratulieren kann. Neidlos, denn manche spielen gar nicht mehr in Berlin, sondern nur noch in Leipzig und anderswo. [↩]
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