Selbstverstümmelung vor laufender Kamera [update]

Geschrieben von messitschbyburns am 28. August 2008 | Berliner Zeitung, Knabe, Selbstverstümmelung


Das Massaker an der Berliner Zeitung beschleunigt sich.

Nach unseren Informationen wird die Seite Media (= Medienseite) zum nächstmöglichen Zeitpunkt eingestellt. Auch das schon reduzierte, aber noch existierende Feuilleton und die Kommentar-Seite (Meinung) sollen auf der Kippe stehen, zumindest im jetzigen Umfang. Der Umbau der Berliner Zeitung zum Anzeigenblatt mit preiswerten Agenturtexten ist wohl nicht mehr aufzuhalten.

Personell wird ebenfalls die Axt angelegt. Der von der Redaktion eingesetzte Ehrenrat, der sich über die Stasi-Akten der Redakteure beugen durfte, empfahl den Rauswurf des Politikredakteurs Roland Heine. Lokalredakteur Tomas Morgenstern ist von selbst gegangen. Beide Redakteure hatten sich als IM verpflichtet. Heine war noch bis November 1989 aktiv.

Roland Heines Eifer für die Stasi ist nicht unbedingt ein Ruhmesblatt. Andererseits schreiben wir nicht mehr 1990, sondern 2008. Der Mann hat 19 Jahre seinen Job gemacht. Plötzlich kommt der große Gewissensprüfer und richtet scharf. Andere Redakteure, die sich 19 Jahre lang wie Wasserlinsen mit der Strömung drehten und die charakterlich so verrottet waren, gegen Geld beim Ministerium für Wahrheit anzuheuern, schwimmen jetzt oben. Wie eine Aule auf der Spree.

Der geplante Rauswurf von Roland Heine ist auch deshalb bemerkenswert, weil Heine einer der ganz wenigen Politikredakteure der Berliner Zeitung war, die sich nicht dem von Bertelsmann oktroyierten rechtsnationalen Mainstream unterwarfen. Heine analysierte und benannte, was andere — auch im eigenen Blatt — lieber verschwiegen:

  • Die vom Westen betriebene Abspaltung des Kosovo unter Mißachtung des Völkerrechts
  • Die berechtigten Sorgen Russlands vor der US-Raketenabwehr auf polnischem Territorium
  • Das “Weiter so” von George W. Bush nach dem Guantanamo-Urteil des Obersten Gerichts der USA

Warum ein Redakteur, dessen Artikel und Kommentare bis vor ein paar Wochen — also fast zwei Jahrzehnte lang — nicht einmal von Knabes persönlicher Betriebszeitung beanstandet wurden, über Nacht zum politisch unzumutbaren Mensch mutiert sein soll, quasi von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde, erschließt sich wohl nur dem Birthler-Fanclub in der Redaktion. Wurde er schlagartig dumm oder politisch extrem? Wuchsen ihm Fell und spitze Zähne?

Vermutlich wirft man jetzt die alte Leier an: Wir sind enttäuscht und fühlen uns hintergangen. Hätte er sich doch früher offenbart. Um schneller arbeitslos zu werden?

Wir können uns mit der Denk- und Handlungsweise von IMs nicht identifizieren. Zum Spitzel wurde niemand gezwungen. Nur: Wo sollen die Leute denn hin? Sind sie arbeitslos, kommt BILD und schlagzeilt: IM kassiert Staatsknete! Hat er Arbeit, kommt BILD und schreibt: IM sitzt im Büro und lacht, Stasi-Opfer leben von Hartz IV!

Heine wird gehen. In Konsequenz müßte nun die nächste Löschorgie stattfinden und das Online-Archiv der Berliner Zeitung von Heine-Artikeln gesäubert werden. Mit Säuberungen kennen sich die Birthler-Boys schließlich aus.

Das Politikressort ist jetzt clean: Ein Zirkel antirussischer, zuweilen mit schnitzlerischer Emphase schäumender Vollzugsschreiber der offiziellen Regierungspolitik. Wie früher, nur mit umgekehrter Stoßrichtung.

Es gibt zwei rühmliche Ausnahmen. Deren Namen werden wir aber nicht nennen. Birthlers Schoßhündchen liest hier mit, und wir wollen nicht riskieren, daß über beide Redakteure eines Tages Schriftstücke auftauchen, die noch nach Klebstoff riechen.

In der Empfehlung des Ehrenrates steht etwas verschwommen: “Vier Redakteure waren zu unterschiedlichen Zeiten beim Wachregiment ‘Feliks Dzierzynski’ des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR tätig.” Sie dürfen bleiben.

Diese Information wäre relativ belanglos, wenn nicht einer der vier Redakteure Andreas Förster hieße. Sein Name (wie auch die Namen der anderen drei) wird zwar schamvoll verschwiegen, aber es weiß eh’ jeder, wer gemeint ist. Und wenn nicht, kann man es in der Berliner Zeitung vom 01. November 2003 lesen.

Förster ist ein Paradebeispiel für die Domestizierung ostdeutscher Journalisten. Er war ein hervorrragender Rechercheur, der großartige und fundierte Artikel schrieb und wirkliche Affären aufdeckte. Bis er Kreise störte, die sich nicht stören lassen wollten. Sie starteten eine Kampagne gegen Förster, die fast deckungsgleich war mit der gegen Thomas Leinkauf: Im Ministerium für Wahrheit Akten suchen, Akten finden, Akten an Springers Welt und andere Medien geben, parallel mit Hubertus Knabe angreifen und so lange zuschlagen, bis das Objekt aufhört, zu zucken.

Der Aktenfund im Fall Förster war eine Bagatelle. Sein Dienst bei Dzierzynski war nicht gleichbedeutend mit dem Dienst beim MfS. Das mußte auch Knabe einsehen, der Förster einen Stasi-Mitarbeiter genannt hatte, und eine Unterlassungserklärung unterschreiben.

Die Redaktion kämpfte damals für Förster. Sie ließ ihn nicht fallen. Er durfte bleiben, steht aber seit dem unter Bewährungsdruck: Knabe und Springer warten nur auf einen Angriffspunkt.

Förster wurde zahm. Nie wieder schrieb er einen Artikel mit früherer Brisanz und Sprengkraft. Er deckt nichts mehr auf, was die alten Geister wecken könnte. Das Stasi-Gespenst läßt ihn nicht mehr los. Die Kampagneros können zufrieden sein. Förster hat sich kaltstellen lassen. Das wäre auch Heines Schicksal. Da ist es wohl besser, zu gehen.

Wenigstens einer fühlt sich prima in diesem Theater:

“‘Wir sollten den Weg der Selbstüberprüfung weitergehen’, sagte der Sprecher des Redaktionsausschusses, Thomas Rogalla.”

Ja ja. Alles freiwillig.

“Du bist doch auch für den Weltfrieden”, sagte der Parteikoordinator des Berliner Verlags.

Es ist wie früher, bis ins Detail. Die größten Kriecher und schleimigsten Lurche lancieren Ausschüsse und lassen sich hineinwählen. Dann schärfen diese kleinen Lichter ihre Sensen und hauen weg, was heller leuchtet als sie. Nur zwischen blakenden Funzeln fühlen sie sich wohl.

Zwischen ihresgleichen.

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