Redakteur Harald Schumann fordert auf der Titelseite des Tagesspiegels einen gesetzlichen Mindestlohn in Deutschland:
“So erweist es sich nun als strategischer Fehler, dass der Mut der Reformer zwar ausreichte, die Arbeitnehmer nach angelsächsischem Vorbild zu ‘flexibilisieren’, aber nicht, um nach diesem Vorbild auch deren Entlohnung abzusichern und damit das Lohngefüge insgesamt zu stabilisieren. Die Beispiele von Frankreich und Großbritannien belegen, dass ein halbwegs fairer gesetzlicher Mindestlohn keineswegs zum Verlust von Jobs führt.”
Mindestlohn! Im Tagesspiegel! Auf der Titelseite!
Wenn es wenigstens heiß wäre oder schwül. Dann könnte man an eine Verwirrung der Sinne glauben. Aber so?
Zwar hat sich der Tagesspiegel im Sommerloch um mindestens eine Potenz verbessert — dank temporärer Abwesenheit des ultrarechten Personals Lehming und Blödel (hoffentlich beschwören wir jetzt nicht ihre sofortige Rückkehr). Aber mit einem dringenden Ruf nach Mindestlohn hätten wir nicht gerechnet.
Denn bisher klang es ganz anders.
Wir erinnern uns: Tagesspiegel = Holtzbrinck = Pin Group.
9. Juli 2008:
“Mindestlohn bei der Post kostet Jobs. Bei Privaten fallen 6000 Stellen weg.”
4. April 2008:
“Die Pin-Gruppe und ihre Tochtergesellschaften kämpfen seit Ende vergangenen Jahres ums Überleben, nachdem die Eigentümer des Konzerns – darunter mit geringen Anteilen die Holtzbrinck- Gruppe (’Tagesspiegel’, ‘Zeit’) – wegen des Post-Mindestlohns nicht mehr bereit waren, weiteres Geld bereitzustellen.”
12. März 2008:
“Pin hatte die Idee, das Briefmonopol der Post in Deutschland zu brechen. Dann beschloss die Bundesregierung einen Mindestlohn für Briefzusteller, der Pin allein in diesem Jahr 35 bis 45 Millionen Euro zusätzlich kosten sollte. Zu viel für das junge Unternehmen.”
Gibt es dafür eine Erklärung? Ist der geplante Kauf von Pin Berlin durch Holtzbrinck geplatzt? Muß Holtzbrinck den Tagesspiegel nicht mehr als Agitationskeule mißbrauchen, um im Konzerninteresse den Mindestlohn zu diskreditieren?
Was auch immer der Anlaß für den lichten Moment gewesen sein mag: Wir haben Harald Schumanns Kommentar gebookmarkt und vorsichtshalber als Text gespeichert. Doppelt hält besser. Für den Fall, daß der Kommentar aus Versehen gelöscht wird.
2 Kommentare ↓
So ein Unfug. Wir sind eben eine Zeitung und kein Partei-Blatt. Folglich gibt es unterschiedliche Ansichten in den Meinungsbeiträgen, genauso wie es eben unter den Autoren und Redakteuren der Fall ist. Ich habe schon mindestens in einem halben Dutzend Kommentaren und Leitartikeln ganz ähnlich argumentiert und immer ganz ohne Umsturz. Aber ist ja schön, wenn es mir gelungen ist, ein Vorurteil aufzubrechen…Gruß vom Umstürzler
Hallo Herr Schumann,
die Kampagne gegen den Mindestlohn wurde vom Tagesspiegel monatelang und äußerst aggressiv geführt, mit dem Beitrag von Marc Neller als vorläufigem Höhepunkt: http://www.tagesspiegel.de/zeitung/Die-Dritte-Seite;art705,2493033
Artikel wie dieser prägen das Bild des Tagesspiegels, nicht Ihre Beiträge. Deshalb brechen Sie kein Vorurteil auf. Die politische Ausrichtung des Tagesspiegels wird von Ihren Beiträgen begleitet, aber nicht revidiert. Sonnige Wochenendgrüße :)
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