Das Märchen von den vier klugen Königen

Geschrieben von messitschbyburns am 25. Januar 2008 | DRM, Filesharing, Musik


Es war einmal vor vielen Jahren, da begab es sich, daß ein jeder, der eine große runde Schallplatte und ein leise surrendes Tonbandgerät sein eigen nannte, die knisternde Musik von der Schallplatte auf das Tonband überspielen durfte. Die großen runden Schallplatten wurden von fleißigen Arbeitsleuten in Manufakturen geschmiedet. Diese Manufakturen gehörten vielen kleinen und einigen großen Prinzen. Die Prinzen packten die Schallplatten auf große Karren und ließen sie zum Markt transportieren. Dort tauschten die Untertanen ihr Gold gegen die Schallplatten. Und weil die Untertanen gern Musik hörten, gaben sie ihr Gold gern und reichlich.

Wenn die Prinzen aus ihren Fenstern blickten, schauten sie auf einen Berg puren Goldes, der immer größer und größer wurde. Das Gold gehörte ihnen ganz allein, und es schien, als wüchse der Berg zum Himmel!

Die Prinzen lächelten, strichen sich über ihre kecken Kugelbäuche und sahen wohlgefällig auf den kleinen Klaus. Der sammelte eifrig Schallplatten, traf sich mit anderen Kläusen, tauschte, was doppelt war und überspielte von Schallplatte auf Tonband, was ihm in seiner Sammlung fehlte. Dem kleinen Klaus glühten die Ohren, so freudig war er bei der Sache, und manchmal winkte er den Prinzen frohgelaunt zu. Die winkten freundlich zurück und ließen ihn gewähren. Denn nur ein zufriedener Klaus würde noch mehr Gold zu ihrem Berge tragen. Das wußten die klugen Prinzen, und sie sahen es mit Wohlwollen.

Die Jahre gingen ins Land. Die kleinen und großen Prinzen waren verschwunden. Vier Könige bestimmten jetzt über alle Schallplatten. Aber nicht lange, und die Schallplatten wurden immer seltener. Die vier Könige wollten ihren Berg puren Goldes immer höher wachsen lassen, bis zur Mondsichel! Darum ließen sie die meisten der großen runden Schallplatten sacht verschwinden und schufen kleine glänzende Dinger, die sie Silberlinge nannten. Einer dieser Silberlinge kostete viel mehr Gold als eine Schallplatte. Der kleine Klaus war erschrocken: Woher sollte er so viel Gold nehmen? Doch die Könige lachten und sagten: “Arbeite fleißiger, dann belohnen wir dich mit einem Silberling! Denn darauf klingt die Musik viel besser als auf deinen alten Schallplatten!”

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Da rackerte der kleine Klaus voller Vorfreude auf die besser klingende Musik doppelt so schnell und trug doppelt so viel Gold auf den Berg der vier Könige. Dafür gaben sie ihm einen Silberling, und gegen ein Säckchen Extragold gaben sie ihm auch ein Abspielgerät.

Der kleine Klaus eilte nach Hause. Kaum konnte er es erwarten, die Musik zu hören, die viel besser klingen sollte. Er schob den Silberling in das Abspielgerät, drückte auf “Play” und spitzte die Ohren. Es knisterte und rauschte wie zuvor. Der kleine Klaus vermißte den vollen, tiefen Klang und die Dynamik seiner lieben alten Schallplatten. Er schüttelte seine Lautsprecher, aber die schauten ihn nur vorwurfsvoll an. Hat man denn je gehört, daß sich Lautsprecher am Klang der Musik gütlich täten?

Enttäuscht ging der kleine Klaus zu den vier Königen und weinte gar bitterlich: “Ihr habt mir die Höhen und Tiefen gestohlen! Eure Silberlinge klingen so flach wie die Eierkuchen unserer Muhme, und zwischen den Liedern rauscht es, als wehte draußen ein Sturm ums Haus!” Da lachten die klugen Könige und sagten: “Unsere Silberlinge klingen viel besser als deine alten Schallplatten. Du mußt nur fest daran glauben!”

Also glaubte der kleine Klaus fest daran, obwohl tief im Innern der Zweifel, dieser mürrische Oheim, an seinem Herzen nagte. Doch Klaus beschied: „Schweige still, garstiger Zweifel!“, legte den mürrischen Oheim an die Kette und kaufte Silberling um Silberling. Die vier Könige lächelten leise, strichen sich über ihre kugelrunden Bäuche und schauten satt und zufrieden zu, wie ihr Berg puren Goldes bis zur Mondsichel wuchs.

Aber ach! Mit einem Male stand die Welt Kopf! Die Dinge überschlugen sich, bevor die vier Könige ihr nächstes Bäuerchen machen konnten!

Zuerst entdeckte ein Alchimist, daß man Musik winzig klein pressen kann. Er nannte dieses Winzigklein “MP3″, und dessen Benutzung geriet so spielend leicht, daß es auch der dumme Hans kapierte. Dann verknüpften andere Menschen ihre neumodischen Computer und tauschten ihre winzigkleine Musik miteinanander. Hui, war das ein Tauschen! Der kleine Klaus, der inzwischen ein großer Klaus geworden war, tauschte hin und tauschte her, daß es eine Lust war — und noch viel mehr! Denn der große Klaus fand auf anderen neumodischen Computern, wonach er viele Jahre gesucht hatte und was ihm die vier Könige auch für viel Gold nicht geben wollten. Seltene Lieder aus fernen Ländern wanderten zum großen Klaus, und seine Musikbibliothek wuchs schneller als die Bäuche der vier Könige. Die blickten erschrocken auf ihren Berg puren Goldes. Er wuchs nicht mehr — nein, er bröckelte und schrumpfte gar!

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Da erhoben sich die Könige im großen Zorn und riefen: “So höre, großer Klaus! Wir, die vier Könige, tun kund: Von Stund an sei es jedermann verboten, Musik von Computer zu Computer zu tauschen! Ebenso sei es verboten, Musik auf einen leeren Silberling zu überspielen, um ihn im Abspielgerät seiner Postkutsche zu hören! Denn merke auf: Alle Musik auf einem jeden Silberling gehöret uns!”

Der große Klaus fragte verwundert: “Aber ich gab euch doch mein Gold für die Musik? Warum soll ich das, was ich gegen Gold eintauschte, nicht überspielen dürfen, um es in meiner Postkutsche zu hören, wenn ich viele Stunden unterwegs bin? Ihr habt doch früher nicht gezürnt, wann immer ich die Musik von der Schallplatte auf das Tonband überspielte?”

“Schweig still!”, donnerten die vier Könige. “Wir sind die Könige, und wir sind klüger als du. Deshalb verfügen wir, wo du unsere Musik hören darfst und wo nicht. Gib gut acht: Es sei dir nicht nur das Tauschen verboten, sondern jegliches Überspielen. Weil du aber schwach bist und wir dich vor dir selber schützen wollen, verschließen wir jeden Silberling mit einem Kopierschloß und nennen es ‘DRM’. Wenn du das Schloß ohne unsere königliche Erlaubnis öffnest, wirst du hart bestraft. Und weil wir wissen, daß du ein aufsässiger Gesell bist, werden wir dich vom heutigen Tage an streng beobachten.”

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So sprachen die vier Könige, und während sie sprachen, rasselten und zerrten hinter ihnen schwarze, übelriechende Tatzelwürmer an ihren Ketten. Doch der große Klaus lachte die vier Könige aus und glaubte ihnen nicht. Er lachte auch über das Kopierschloß und gab weiter sein Gold für Silberlinge. Doch wie erschrocken war er, als die Silberlinge in seinem neumodischen Computer nur “krcks” machten! Und wie sehr erboste es ihn, daß die Silberlinge, für die er viel Gold gegeben hatte, in seiner Postkutsche nicht mal mehr “krcks” machten!

Wütend stapfte er zu den vier Königen: “Ihr habt mich schon wieder betrogen! Ihr habt mein Gold genommen und mir dafür eure verschlossenen Silberlinge gegeben! Ich will aber richtige Silberlinge, ohne euer Schloß!” Da feixten die vier Könige und sagten: “Niemand zwingt dich, uns dein Gold zu geben.” Dabei lugten sie verstohlen zum Berg puren Goldes. Der schmolz immer schneller, und die Könige wurden bleich um die Nase.

Der große Klaus ging nach Hause und murmelte: “So will ich euer Schloß aufbrechen!” Gesagt, getan. Er bastelte einen kleinen Hebel und schwupps! war das Schloß perdu. Der große Klaus tauschte fröhlich seine Musik, als wäre nichts geschehen. Das aber hatten die vier Könige gesehen, und sie ließen ihre schwarzen Tatzelwürmer von den Ketten. Die stürzten sich auf den großen Klaus, verbissen sich in ihn, saugten ihm das Blut aus den Adern und bellten ihn mit ihrem stinkenden Odem an, daß ihm jede Farbe aus dem Gesichte wich. Mit letzter Kraft setzte der große Klaus seinen Namen unter eine vielhundertseitige Urkunde, in der er sich verpflichtete, nie wieder Musik zu tauschen und ein Kopierschloß zu öffnen. Beim Weggehen biß ihn ein Tatzelwurm ins Bein. Als Warnung, daß sie wiederkommen und ganz andere Saiten aufziehen würden.

Die vier Könige nahmen die dicklaibige Urkunde und triumphierten. Doch heimlich spähten sie zum Berg aus purem Gold. Sie konnten schon seine Spitze sehen, die sich seit Jahrzehnten hinter den Wolken verbarg. Sorgenvoll runzelten sie die Stirn.

Ächzend humpelte der große Klaus zu seinem Regal voller Silberlinge. Er dachte nach und faßte einen Entschluß: Nie wieder würde er sein Gold gegen einen Silberling tauschen, der ein Kopierschloß trägt, um ihn zu hindern, seine Musik zu hören und zu tauschen, wo und wann es ihm beliebt. Die vier klugen Könige, die ihn aus der Ferne beobachteten, winkten gelangweilt ab: “Niemand zwingt dich, uns dein Gold zu geben.” Da zischte es im Berg nebenan, und ein großer Klumpen puren Goldes verdampfte in der Sonne.

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Die Zeit verging, und der große Klaus hatte die vier Könige beinahe vergessen. Er kaufte keine Silberlinge mehr, sondern trug sein Gold zur Bank. Gleich ihm konnten sich viele Untertanen nur noch verschwommen an die Könige der Musik und ihre verschlossenen Silberlinge erinnern. Die Könige aber trauten sich kaum noch, nach ihrem Berg zu schauen. Entsetzt mußten sie zusehen, daß er inzwischen so klein wie die Pyramiden von Gizeh geworden war. Und dabei berührte er dereinst die Mondsichel!

Die vier klugen Könige hielten Rat. Sie beschlossen, die Silberlinge sacht verschwinden zu lassen und an ihre Stelle noch kleinere Silberscheibe zu setzen, um dem großen Klaus noch einmal so viel Gold aus der Tasche zu ziehen wie damals, als er brav seine Schallplatten durch Silberlinge ersetzte. So trieben sie ihre Alchimisten an, ein Wunderding nach dem anderen zu erfinden. Aber nichts wollte wirklich gelingen.

Der große Klaus zuckte nur mit den Schultern und kümmerte sich nicht um die Nöte der Könige der Musik. So wie viele andere Untertanen auch. „Niemand zwingt dich, uns dein Gold zu geben“ — an diesen Satz erinnerten sich immer mehr Menschen. Sie ließen ihn durch ihre Köpfe wandern, drehten und wendeten ihn, und dann sagten sie sich: „Stimmt.“

Da gab der kleinste der vier Könige auf. Er verbannte das Kopierschloß von seinen Silberlingen. Der kleine König glaubte, es wäre Zeit, den großen Klaus nicht länger zu bekämpfen. Früher waren sie doch gut zurecht gekommen, und da wuchs der Berg puren Goldes schier ins Unermeßliche! Darauf hob ein Hauen und Stechen zwischen den Königen an. Die drei dicken Könige zürnten und drohten dem kleineren König mit ihren schwarzen Tatzelwürmern, aber vergebens.

Doch unaufhaltsam schmolz der Berg puren Goldes. Den drei dicken Königen wurde angst und bange. Heimlich tat es einer von ihnen dem kleinen König gleich und schubste das Kopierschloß von seinen Silberlingen. Die beiden anderen dicken Könige blinzelten matt, schwiegen aber. Selbst ihre Tatzelwürmer knurrten nur noch leise. Denn der Berg puren Goldes konnte nicht länger Berg genannt werden. “Hügel” träfe es besser.

Und so kam es, daß eines schönen Tages, als der große Klaus nicht mal mehr im Traum daran dachte, sein Gold gegen Silberlinge zu tauschen, sich auch der letzte dicke König vom Kopierschloß verabschiedete. Ganz still und leise geschah dies, denn keiner der klugen Könige wollte vor dem großen Klaus zugeben, eine Dummheit begangen zu haben. Nun riefen sie: “Schau her, großer Klaus! Du hast erreicht, was du wolltest. Wir haben unsere Silberlinge vom Kopierschloß befreit. Nun komm und gib uns all dein Gold, auf das unser Berg wieder wachse bis zur Mondsichel!”

So riefen sie, aber der große Klaus hatte sich längst von den vier Königen verabschiedet wie von einem Freund, der ihn bitter enttäuschte. Der große Klaus äugte kurz zu den klugen Königen und erwiderte: “Ich tausche kein Gold mehr gegen Silberlinge. Ich singe lieber in der Badewanne.” Da erhob sich ein großes Geschrei: “Ohne unsere Erlaubnis?”

Aber das, liebe Kinder, ist ein anderes Märchen.

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