Bigelf
“Cheat the Gallows”
(p) 2008, Custard Records

Beatles plus Black Sabbath: Welcome to the Retro-Show.
Wissen Sie, was Retro ist? Das ist Retro:

In Worten (beachten Sie die Jahreszahlen):
Ace Mark spielt: 1961 Gibson Les Paul/SG, 1965 Gibson SG Custom, 1973 Gibson Flying V, 1971 Orange 120 & Orange 4×12 cabinets, 1972 Laney Klipp 100w & 4×12 Laney cabinet, 1969 Laney Supergroup 100w head.
Damon Fox spielt: Hammondorgel, Mellotron, Synthesizer, Moog, Minimoog, Memorymoog, Korg, String Machine, Electric Harpsichord, Pianet.
Duffy Snowhill spielt: 1971 Fender Precision Bass, 1968 Gibson EB-3 Bass, 1969 Acoustic 360 amp Bass.
Froth spielt: 1972 Hayman drums, 70’s Ludwig Green Vistalites.
Mark, Fox, Snowhill und Froth sind Bigelf. Bigelf sind Retro.
Keine Band gibt sich dem Retro-Rausch intensiver hin. Keine Band beherrscht das Spiel mit dem Zeitgeist der späten 60er, frühen 70er Jahre perfekter als Bigelf.
Ihre Songs sind Liebeserklärungen an The Move, Uriah Heep, Deep Purple, Alice Cooper, Pink Floyd, Moody Blues oder die Beatles — ohne die rumpligen und grottigen Studiobedingungen vergangener Jahrzehnte zu rekonstruieren. Bigelf spielen auf historischen Instrumenten, klingen aber nicht wie eine 100-Dollar-Produktion aus dem Jahr 1972. Sie wirken eher wie das musikalische Pendant zur zärtlichen Romanze Death Proof, der liebevollen Verneigung von Quentin Tarantino vor dem kinematografischen Schund der 70er Jahre, gefilmt mit der Technik und den Erzählmustern von heute.
So, wie Tarantino jeden verdammten Film der 60er und 70er Jahre kennt, rotiert jede verdammte Schallplatte aus der Goldenen Ära des Rock’n'Roll in den Köpfen von Bigelf. Sie sind Retro bis in die Haarspitzen.
Sie spielen mit der Selbstverständlichkeit von Zeitreisenden, die gestern noch mit Roy Wood, John Lord und David Byron plauderten und heute selbst im Studio stehen. Sie haben einen gigantischen Fundus guter Musik aufgesogen und schöpfen daraus neue Songs. Das unterscheidet Bigelf von bemühten Kunstgewerblern wie den Fleet Foxes. Bigelf verehren die Meister, hören ihre Werke — und entwickeln ihren eigenen Stil. Sie verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart. Die Fleet Foxes bleiben in der Verehrung stecken.
Seit 1995 touren die Kalifornier mit einer Show durch Europa und die USA, die Augenzeugen zufolge so spektakulär sein soll, daß kein Auge ungerührt, kein Fuß unbewegt und kein Kopf ungebangt bleiben. Damon Fox klemmt sich zwischen Hammondorgel und Moog, spielt beide Instrumente simultan, wie ein Derwisch mit Zylinder, und singt dabei, bis die Stimme versagt. Dann bleibt er ein paar Tage stumm. Kehrt die Stimme zurück, geht’s weiter. Sein Stimmtrainer meint, Fox könne nicht jede Show singen, als wäre es die letzte. Er macht es trotzdem. Wofür gibt es Sauerstoffduschen und Halsbonbons?
Bigelf nahmen bisher Closer to Doom (1996), Goatbridge Palace (2000), Money Machine (2000) und Hex (2003) auf; außerdem die EPs Madhatter (2003) und Pain Killers (2003). Jede CD ist prima, aber Cheat the Gallows ist die beste. Man kann auch sagen, die reifste.
Cheat the Gallows beginnt mit der Zirkusnummer The Gravest Show on Earth, einem pompösen Opening für die große, glitzernde Showtreppe. Die Stimme von Damon Fox kippt in die schrille, spitze Tonlage von Peter Gabriels Nursery Crime. Die Band treibt den epischen Song im Stil der frühen Genesis (vor der Phil-Collins-Vergewaltigung) mit Bläsern, Streichern, dünner Kirmes- und brausender Hammondorgel, schweren Riffs aus tief gestimmten Gitarren und einem kurzen diabolischen Ozzy-Gelächter bis zum bombastischen Finale. Kurz Luftholen — und weiter, von Song zu Song; ohne Lückenfüller und Aussetzer und mit mindestens zwei potentiellen Hits (Money, It’s Pure Evil — mit Video — und No Parachute).
Man kann in jedem Song Bruchstücke großer Bands entdecken: Blackball ist ein Bastard aus Deep Purple und dem Roadhouse Blues der Doors, The Evils of Rock and Roll kreuzt Uriah Heeps Looking yourself mit Deep Purple, Counting Sheep vereint Peter Gabriel, Pink Floyd und A day in the live von den Beatles, Race with Time ist u.a. von Sweet inspiriert, The Game von Eleanor Rigby und Superstar von T. Rex.
Bigelf nennen sich selbst die “Evil Beatles”. In den USA, wo sie — im Gegensatz zu Europa, vor allem Skandinavien — lange Zeit erfolglos blieben, werden sie als Vertreter des Psychedelic Doom mit Wurzeln im Stoner Rock kategorisiert. So kompliziert müssen wir es nicht machen: Bigelf spielen hochmodernen klassischen Rock.
Fotos (c) by Bigelf, Henry Diltz und Stephen Linsley
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