Neulich hast du entdeckt, daß dein Rathaus keine Insel ist. Das konntest du bisher nicht wissen, weil du zwar seit sieben Jahren im Roten Rathaus sitzt, aber immer so irre viel arbeitest. Da bleibt keine Zeit für Spaziergänge, die weiter reichen als von der Rathaustreppe bis zur Tür deiner Dienstlimousine.
Aber vor drei Wochen hast du dir gesagt: “Scheiß auf die Arbeit! Heute will ich wissen, was sich hinter den Bäumen verbirgt, die vor den Fenstern meines Arbeitszimmers wachsen!”
Du zogst dir festes Schuhwerk an, zeigtest mit dem Finger auf deine Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und riefst: “Mitkommen!” Dann seid ihr beide losgestiefelt wie Pat & Patachon, die lustigen Vagabunden.
Frau Regula hat dir unterwegs erklärt, daß das Expeditionsgebiet repektable 500 Meter von deinem Rathaus entfernt liegt und von den Ureinwohnern Alexanderplatz genannt wird. Komischer Name, hast du gedacht. Mal prüfen lassen, ob dieser Alexander Kommunist war. Falls ja, den Platz sofort umbennenen. Klausplatz klänge doch viel hübscher.
In Windeseile habt ihr den großen Platz überquert und seid im Haus des Reisens mit dem Aufzug bis zum Dach gefahren. Das Reisebüro im Haus des Reisens ist schon lange abgewickelt, aber einen anderen Namen hat das Haus nicht. “Hochhaus” ist schließlich kein Name, mit dem man das Hochhaus von anderen Hochhäusern unterscheiden könnte.
Vom Haus des Reisens schautest du über den Alexanderplatz — und warst schockiert: „Ist das häßlich! Dafür ist vermutlich der Bezirk zuständig.”
Dann bist du wieder ins Rathaus gegangen. Oder gefahren worden. So genau wissen wir es nicht.
Lieber Klaus, wir müssen dir leider widersprechen. Erstens war für die Planung solcher Großbaustellen wie der schlüpferfarbenen Alexa deine Senatsverwaltung für Stadtentwicklung verantwortlich; zumindest als Masterplaner. Der Bezirk hatte sich eher mit Kleinkram wie Parkplätzen und Straßenbäumen zu befassen.
Und zweitens, verehrter Herr Wowereit, lieber Klaus, ist der Alex gar nicht häßlich. Das können wir beweisen. Wir sind zum Alexanderplatz gefahren, haben eine ganze Stunde fotografiert und dabei kein einziges Schmuddeleckchen gefunden.
Nirgendwo sahen wir häßliche Häuser oder häßliche Fassaden. Statt dessen kamen uns glückliche Menschen entgegen, die zwischen Einkaufstempeln und Gourmetpalästen lustwandelten. Fröhliche Kinder tollten über sandfarbene Granitplatten. Ein Hund badete im Brunnen der Völkerfreundschaft und wedelte lustig mit dem Schwanz.
Der Alex leuchtete in perfekter Harmonie. Hier sind Yin und Yang zu Hause. Sieh selbst, lieber Klaus, und erfreue dich an den schönen Bildern:
Sorgfältige Stadterneuerung:
Geschmackvolle Einkaufstempel:
Liebevolle Platzgestaltung:
Mannigfaltige Stadtmöblierung:
Fotos (c) by Ch. Brinkmann
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