Seit genau 10 Jahren werden Sie von einer kunstbanausigen Meute durch die Gerichte gehetzt. Man beschmutzt Ihr Ego und auch Ihr Werk; man behauptet, Sie hätten keinen Schimmer von der Bildhauerei und überhaupt.
Schämen sollten sich die Kleingeister, die Ihnen nicht den Kalk unterm Meisel gönnen. Sie allein haben einen wunderbaren Brunnen entworfen und den Kreuzbergern in den Görlitzer Park gestellt. Der Brunnen ist nicht irgend ein Wasserspeier mit Putten und Engeln, sondern ein den Kalk-Sinterterrassen im türkischen Dorf Pamukkale nachempfundenes Kunstwerk.
Wir kennen das türkische Naturwunder nicht, das Ihnen als Vorbild diente, vertrauen Ihnen aber blind. Sie sind ein Weltenbummler und erfahrener Steineklopfer. Mit Ihrer Frau, der Schauspielerin Angela Winkler — ältere Menschen werden sich erinnern, daß man sie in der späten Nachkriegszeit in einer Hauptrolle sah –, sammeln Sie verfallene Häuser in Italien, Deutschland und Frankreich. Sieben Stück sollen es inzwischen sein, die sie eigenhändig, Stein für Stein, wiederaufgebaut haben.
Wofür ein Mensch sieben Häuser braucht, wäre eine typische Frage von Neidhammeln, die Ihnen Böses wollen. Wir stellen diese Frage nicht.
Im August 1998 wurde der Brunnen als Zeichen deutsch-türkischer Freundschaft eingeweiht. Im März 1999, nach dem ersten Winter, mußte er gesperrt werden. Der Frost hatte in den Steinen gewütet. So etwas kann passieren; ein Frost ist schließlich kein Pappenstiel.
Der Bezirk wollte den Brunnen fix reparieren und im Frühjahr 2000 wieder in Betrieb nehmen. Dagegen hätten Sie wohl nichts einzuwenden — wäre der Bezirk nicht auf die verwegene Idee gekommen, Schadenersatz bei Ihnen einzutreiben.
850.000 Euro beträgt die Forderung. Fast die Hälfte der Bausumme von 1,9 Millionen Euro. Will sich da ein Bezirksbürgermeister gesundstoßen? Eventuell den klammen Haushalt auf Kosten eines einfachen Bildhauers sanieren, der hart an der Kante lebt und sich gerade mal sieben Häuser leisten kann?
Sie als alter Sponti wußten, was zu tun war: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt! Zwar wurden Sie in allen Instanzen als Schuldiger verurteilt. Man behauptete frech, Sie hätten den portugiesischen Kalkstein nicht auswählen dürfen, der so wasseraufnahmefähig sein soll wie ein alter Schwamm. Angeblich schluckt er 7,1 Prozent des auftröpfelnden Wassers, obwohl nur drei Prozent erlaubt sind. Das würde den wassersatten Stein bei Frost in tausend Stücke sprengen.
Das sind natürlich wilde Verleumdungen. Sie haben ein reines Gewissen, einen ruhigen Schlaf und alle Zeit der Welt. Denn Sie wissen, daß der Fehler nicht bei Ihnen lag, sondern bei der Baufirma, die gepfuscht hat.
Um das zu beweisen, legten Sie nach jedem Urteil Berufung ein. Präsentierte die Gegenseite ein Gutachten, parierten Sie mit einem Gegengutachten. Am 21. November treffen Sie Ihre Widersacher vor dem Kammergericht Berlin. Zunächst zur mündliche Verhandlung. Gut Ding will Weile haben.
Inzwischen sind 10 Jahre ins Land gegangen. Der Brunnen ruht und ergibt sich seinem Schicksal. Anläßlich des 10. Jahrestages sahen wir uns Ihr Meisterwerk aus der Nähe an. Während wir standen und staunten, dämmerte uns Ihre wahre Intention.
Sie wollten keinen plätschernden Brunnen bauen, in dem verzogene Gören an den Steinen popeln und testosterongesteuerte Jungmänner ihr Gemächt kühlen, bevor sie türkische Jungfrauen entschleiern. Wer das will, soll ein Hamam besuchen.
Ihnen lag Größeres am Herzen: Eine Allegorie auf das Werden und Vergehen. Demut vor der Schöpfung und dem Urknall. Nichts ist von Dauer. Panta Rhei. Tempus fugit.
Sie bauten einen Tempel der Vergänglichkeit.
Sah man nicht im Winter 1998 des nächtens ein Männlein über den Brunnen huschen, mit einer Gieskanne in der Hand, verschmitzt lächelnd die Steine tränkend und im hellen Licht des vollen Mondes einen starken Frost beschwörend?
Wer Augen hat, zu sehen, kann der stillen Transformation des stolzen Steines zur feinkörnigen Düne beiwohnen, die der Wind verweht. Der Brunnen ist ein Ankerpunkt in hektischer Zeit, um innezuhalten, in sich zu horchen und sich ein Stück weit zu befragen: Wer bin ich? Wohin will ich? Und warum?
Was für eine schöne, große Tat in einer Zeit des Jugendwahns und der vergeblichen Jagd nach dem ewigen Leben.
In tiefer Verneigung vor dem Schöpfer der Kreuzberger Sanduhr
Messitsch by Burns
Aufmerksame Bürger fotografierten die
Sandwerdung des Steins im Abstand von 10 Jahren:

Das Memento Mori auf dem Weg zur eigenen Vergänglichkeit:










Fotos (c) by Ch. Brinkmann
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