Am 10. September wurde in Berlin die O2 World eröffnet, eine Mehrzweckhalle für 17.000 Zuschauer. Die Berliner Zeitung ließ sich nicht lumpen und schickte u.a. ihren Redakteur Marin Majica.
Majica ist kein Berliner. Der 33jährige Lohnschreiber aus Frankfurt am Main dienerte sich jahrelang als freier Autor bei Verlagen wie Bertelsmann-Spiegel und Holtzbrinck an, bis ihm die Berliner Zeitung — nach dem Exodus fast der gesamten redaktionellen S-Klasse — einen Vertrag anbot. Als Teil der vorkonkurslichen Notbesetzung.
Seine Kolumne “Sag mal Bruder”, in der Majica mit irgend einem Yuppieheinz (angeblich seinem Bruder) jugendtümelnd über Schnulli und Verwandtes blafaselte, startete am 29. Dezember 2006 und wurde am 01. März 2007 wieder eingestampft. Ein großer, großartiger Journalist.
Auch die Partygänge, die er sich im Auftrag der Zeitung mit der ebenfalls 33jährigen Wiebke Hollersen teilt, sind berühmt. Oma und Opa gehen schwofen, schreiben darüber und streicheln ihr Peter-Pan-Syndrom. Wunderbar. Exzellent.
Partyblümchen Majica mußte also zur Eröffnung der Arena sein Kreuz auf der Gästeliste abhaken lassen und dann den ganzen Abend ausharren. Auch vor der Halle. Dort trafen ihn gleichzeitig der Schlag, der Blitz und der Schock.
Denn zum Abschluß der Eröffnungsfeier wurde die Glasfassade der Halle mit riesengroßen Leuchtbändern illuminiert, auf denen Millionen Leuchtdioden strahlten. Als Laufschrift eilten Slogans vorbei, bei denen Grandpa Majica die Spucke wegblieb.
Als sie wieder da war, blaffte er den Designer Enno-Ilka Uhde an, der die Feier konzipierte:
“Am Ende wurde zum Feuerwerk ein Stück von Rammstein gespielt, über die Glasfassade liefen dabei Schriftzüge wie ‘Gebaut für Kraft’, ‘Platz für Helden’ und ‘Raum für Siege’. Können Sie nicht nachvollziehen, dass so etwas in Berlin ein wenig befremdlich wirkt?”
Uhde blieb cool:
“Man will doch siegen beim Eishockey1 . Wie stellt man das dar? Die Schöneberger Sängerknaben wären da nicht das Richtige. Und Helden - Helden scheitern doch auch immer. Die Arena ist ein Platz für Siege, aber es gibt auch Raum für Niederlagen, für Tränen, wenn eine Mannschaft absteigt. Sport ist doch nichts anderes als kulturell besänftigter Krieg. Das Spielfeld ist ein archaisches Symbol, sonst würde es keinen Sinn machen, dass man sich zum Spiel anmalt und Schlachtgesänge anstimmt. Aber es wird ja friedlich gelöst.”
Er hätte auch sagen können: Majica, gehen Sie Gänseblümchen pflücken oder legen Sie sich in den Schoß Ihrer Mutter, weinen Sie kräftig und stecken Sie dann Ihren Kopf in den Gasherd, aber labern Sie mich nicht bescheuert von der Seite voll.
Uhde ist wohlerzogen und kultiviert. Er wird sich sein Teil gedacht haben.
Majica dagegen war in Fahrt. Höchst motiviert tippte er nicht nur das Interview ab, sondern schrieb auch einen Kommentar zum eigenen Artikel. Sich selbst zu kommentieren ist der Gipfel aller Journalistenkunst. Der Mount Everest gediegener Redaktionsarbeit. Höher geht’s nicht:
“Diejenigen, die trotz Verspätung bis zum Feuerwerk aushielten, erlebten eine krachend pompöse Soundkulisse, zu der Slogans wie ‘Platz für Helden’ und ‘Raum für Siege’ über die LED-Glasfassade liefen. Die Hallen-Gegner waren in diesem Moment nicht die Einzigen, bei denen diese Bilder vage Erinnerungen an eine andere berühmte Berliner Mehrzweckhalle weckten.
Den abgerissenen Sportpalast.”
Haben Sie sich, liebe Leser, auch spontan von Ihren Plätzen erhoben, als Sie die große, großartige Assoziationskette des scharfsinnigen Analytikers Majica durchschauerte?
Rammstein — Sportpalast — Goebbels — Sportpalastrede:
“Die Engländer behaupten, das deutsche Volk wehrt sich gegen die totalen Kriegsmaßnahmen der Regierung. Es will nicht den totalen Krieg, sondern die Kapitulation. Ich frage euch: Wollt ihr den totalen Krieg? Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?”
Wir waren baff und auch ergriffen. Wir standen stumm, viele Minuten, vielleicht auch Stunden, und dann applaudierten wir so heftig, wie westdeutsche Muttis in Flugzeugen nach geglückter Landung applaudieren: Endlich spricht es einer aus!
Wir Verblendeten sahen die Zeichen nicht, die doch meterhoch die Halle umrundeten! Dabei lag es auf der Hand: Rammstein sind wie Goebbels, nur jünger!
Wir wissen wirklich nicht, warum die Berliner Zeitung inzwischen jedem Leser 100 Euro schenken muß, damit er ein Abonnement unterschreibe. Dorthin, wo große Köpfe Großes denken, sollten die Leser doch in Scharen strömen.
- In der Halle spielen auch die Berliner Eisbären. [↩]
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