Haben Sie, liebe Leser, schon mal darüber nachgedacht, ob Lehrer klüger oder dümmer sind als ihre Schüler? Natürlich sind Lehrer klüger! werden Sie antworten. Und wir gestehen: Das hätten wir auch vermutet. Bis wir dieses Interview lasen:
“Herr Treptow, die generelle Einführung von Gemeinschaftsschulen würde also die Herausbildung einer Bildungs-Elite behindern?”
“Es gibt dazu noch keine aussagekräftigen Studien. Ich selbst, der von 1984 bis 1989 in der DDR als Lehrer gearbeitet hat, würde dies aus der Erfahrung der DDR-Schulen so sagen.”
“Wieso?”
“Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass an der Einheitsschule der DDR nur gut zehn Prozent eines Schülerjahrgangs in die Abiturstufe gegangen sind und dann sind davon noch einmal zehn Prozent gescheitert. Wir wollen heute in Deutschland eine Abiturrate von 50 Prozent erreichen, das passt nicht zusammen.”
Herr Treptow heißt mit Vornamen Ralf, ist 48 Jahre alt, Schulleiter des Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasiums und Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren. Er liebt Gymnasien und verachtet Gemeinschaftsschulen.
Um sich vom Lehrer (Ost) zum Oberstudiendirektor (West) zu wenden, muß Treptow die Konstitution eines Korkenziehers besitzen. Und auch die Fähigkeit, Fakten aus seinem früheren Berufsleben radikal umzudeuten.
Denn die zehn Prozent Abiturienten pro Schülerjahrgang hatten nichts, überhaupt nichts, wirklich gar nichts mit der Oberschule zu tun, der Oberstudiendirektor Treptow den Westberliner Kampfbegriff Einheitsschule umhängt. Die Anzahl der Abiturienten war in der DDR vorgegeben. Selbst eine Schulklasse, in der 30 Superhirne mit Einserdurchschnitt saßen, hätte nur 2-3 Schüler an die EOS delegieren dürfen.
Das weiß Oberstudiendirektor Treptow. Er weiß auch, daß er die Tatsachen absichtlich verdreht, denn es wird von ihm erwartet. Treptow muß sich dankbar zeigen, zum Oberstudiendirektor ernannt worden zu sein, trotz des Makels DDR-Lehrer.
Sein Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), ein reaktionärer Import aus Rheinland-Pfalz, plant in diesen Tagen den forcierten Ausbau von Grundständigen Gymnasien, auf die man seine Kinder schon nach der vierten Klasse schicken kann. Die in Berlin traditionelle gemeinsame sechsjährige Schulzeit wird Stück für Stück geschliffen. Ein paar Gesamt- und Gemeinschaftsschulen bleiben für die Alibi-Ecke.
Jeder Lehrer und erst recht jeder Oberstudiendirektor, der den Rücksprung des Senators in die verheerenden Schulverhältnisse der alten Bundesländer propagandistisch unterstützt, darf mit dessen wohlwollender Aufmerksamkeit rechnen. Vielleicht glaubt Treptow, er wäre mit seiner heuchlerischen, geschichtsfälschenden Anbiederei besonders schlau und rücke jetzt ein paar Plätze auf der Beförderungsliste nach oben.
Wir glauben das nicht. Für uns ist Oberstudiendirektor Treptow der Beweis, daß die Dummheit zwischen Schülern und Lehrern gerecht verteilt ist. Wir schätzen, daß auf fünf kluge Schüler ein dummer Lehrer kommt. Einer heißt Ralf Treptow.
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