Halleluja, Herr Ustorf!

Geschrieben von messitschbyburns am 21. September 2008 | Eisbären Berlin, Immer wieder sonntags


Den Spruch “Sport ist Mord” hielten wir bisher für einen flotten Kalauer; eine Retourkutsche der neidgrünen Unsportlichen auf die durchtrainierten Sixpacks, die auf Goldmedaillen beißen und im Fernsehen unentwegt Nutella essen.

Dann lasen wir ein Interview mit Ihnen. Anschließend mußten wir uns ein paar Minuten sammeln. Was Sie erzählen, klingt für Menschen wie uns, die höchstens mal vom Fahrrad fallen, wenn der Waldboden weich ist, wie der Auszug aus einer Prozeßakte über Abu-Ghraib.

Wir glauben Ihnen, daß Sie ehrlich waren, als Sie über die Gesundheit eines Hochleistungssportlers sprachen. Genauer: Über Ihre Gesundheit.

Sie sind 34 Jahre alt und spielen seit Ihrer Kindheit Eishockey. Sie sind einer der Stars der Eisbären Berlin. Was Sie über sich und Ihren Körper erzählen, der sich nach über zwei Jahrzehnten Eishockey, 128 Länderspielen, vier Olympia- und sechs WM-Teilnahmen dem Zustand eines Wracks nähert, ist so unglaublich, daß wir es unseren Lesern unmöglich vorenthalten können:

  • Zähne: künstlich
  • Linker Fuß: zwei Mal gebrochen
  • Rechter Fuß: ein Mal gebrochen
  • Linkes Knie: fünf Mal komplett abgerissen
  • Rechtes Knie: zwei Mal komplett abgerissen
  • Knöchel: vier bis fünf Mal Bänder gerissen
  • Linke Schulter: zwei Mal Haarbruchriß; Bänder und Kapsel gerissen
  • Rechte Schulter: ein Mal Haarbruchriß
  • Kopf: fünf oder sechs Gehirnerschütterungen
  • Linkes Handgelenk: Kahnbeinbruch und Knochenbruch

Sie können Ihre Arme nicht mehr über den Kopf heben. Sie haben immer Schmerzen, jeden Tag: Im linken Handgelenk, in beiden Schultern und beiden Knie. Sechs oder sieben Jahre lang nahmen sie täglich Schmerzmittel.

Wenn Sie sich aus dem aktiven Sport zurückziehen, muß ihr Handgelenk versteift werden. Sie brauchen zwei künstliche Knie und zwei künstliche Schultern.

Ihr persönliches Resümee:

“Ich werde jemand sein, der im Alter von 40, 45 erhebliche körperliche Probleme haben wird […] Ich hab’ nicht den Körper gekriegt, den ich hätte haben wollen. Er hat nicht so mitgespielt, wie ich mir das meine Karriere lang vorgestellt habe, deshalb bin ich im ständigen Duell, weil ich vom Kopf her sehr viel mehr will, als mir mein Körper geben kann.

Der Körper gewinnt. Haushoch.”

Trotzdem würden Sie nichts anders machen. Sie wollen Eishockey spielen, bis Sie nicht mehr auf den Kufen stehen dürfen.

Sie zerreißen sich — wortwörtlich — für Ihre Leidenschaft. Und wenn Ihnen der letzte Arzt befohlen hat: Schluß jetzt!, dann werden Sie nur noch zum Spaß auf Schlittschuhen laufen.

Neil Young prägte den legendären Satz: It’s better to burn out than fade away. Sollten Sie irgendwann eine Abschiedsrunde drehen, dann muß der Hallenwart My My, Hey Hey (Out Of The Blue) in den Player legen. Die Puhdys-Hymne kann einen Tag pausieren.

Ganz unironisch: Respekt und Hochachtung
Messitsch by Burns

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Stefan Ustorf im Trikot der Eisbären

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