Nehmt mehr Drogen!

Geschrieben von messitschbyburns am 28. Oktober 2008 | Musik, Primal Scream


Primal Scream
6. Oktober 2008
Berlin, Columbiaclub

Was soll man von Primal Scream live erwarten? Ein Sträußchen bunter Melodien aus 21 Jahren verwegenster Soundtüftelei und bocksprüngigster Richtungswechsel? Eine rumplige Setlist, gefüllt mit Songs von so grundverschiedenen Alben wie Screamadelica, XTRMNTR und Beautiful Future? Das kann doch nichts werden. Oder nur Murks.

Aber es funktioniert.

Erste Überraschung: Keine Vorband. Wunderbar. Das spart Zeit, Nerven und im teuren Langeweile-Bier versenktes Geld. Zweite Überraschung: Bobby Gillespie sieht fabelhaft aus. Ein schlanker Hering mit prachtvollem Haar, das sich als dunkler Vorhang vor den Augen teilt, vom Seitenscheitel bis auf die schmalen Schultern.

Wie ein junger, schlaksiger Spund stakst Bobby Gillespie über die Bühne und klammert sich mit beiden Händen ans Mikrofon. Ein verspielter Tanzbär, der einen Arm gen Himmel reckt und dazu auf einem Bein im Kreis herumhüpft, im Takt, soweit möglich. Mal klatscht er ungestüm in die Hände, mal zuckt er rhythmisch mit dem Oberkörper oder schwingt federnd in die Knie. Er ist sich seiner Wirkung bewußt, vor allem, wenn er sich schlangengleich um den Mikrofonständer schraubt, wie ein Go-Go Boy beim Tabledance. Das pulsierende Leben, lasziv und sinnlich.

Der Dauerkonsument bewußtseinserweiternder Drogen hat seinen Körper im Stadium der Jungenhaftigkeit konserviert. Würde man ein Foto von Bobby Gillespie auf Plakate mit dem Slogan “Keine Macht den Drogen” pappen, nähme der Drogenkonsum sprunghaft zu. So gut, liebe Leser, möchte in diesem Alter jeder aussehen. Auf zur Hasenheide.

Die Frage, wie die Band ihre Songs, die im Studio mit ellenlagen Gästelisten, technikverliebten Gimmicks und merkwürdigsten Instrumenten aufgenommen wurden, live präsentieren kann, war nach den ersten Sekunden beantwortet: Hart, laut und schnell.

Primal Scream sind heftig schwitzende Rocker, keine glücklich bekifften Tamburinschüttler. Sie verdichten ihre Songs auf das klassische Instrumentarium: Gitarren, Bass, Schlagzeug und Keyboard. Ein Backgroundchor steht nicht auf der Bühne. Werden himmlisch süße Gospelstimmen verlangt (Movin’ On Up), läuft ein Sample. Manche Songs beschleunigen sich, daß die Ohren schlackern. Andere muß man an markanten Refrainzeilen erkennen. Der sanfte, benebelnde Hall und die in dumpf puckernden Dub-Echos werden live radikal gekillt. No time for Vanishing Point.

Die absolute Gnadenlosigkeit, mit der Primal Scream über eine Stunde auf ihr Publikum einprügeln, ist beeindruckend. Sie packen das Publikum und schütteln es am ganzen Körper. Sie jagen alle Songs durch ihren Turboprop. Aber nichts wird sinnlos verfremdet oder verbogen. Primal Scream bleiben Primal Scream.

Überhaupt ist jeder Vergleich mit anderen Bands, der auf CDs unumgänglich und berechtigt ist, live völlig sinnlos. Gitarrist Andrew Innes trägt zwar eine Wuschelmatte auf dem Kopf wie einst der junge Ron Wood, doch Primal Scream sind live keine Stones-Tribute-Band. Nicht im Geringsten. Auch das andere Extrem wird nicht bedient: Primal Scream pumpen ihre Songs nicht zu ultra-aggressiven Industrial-Attacken auf.

Die Band paßt ihre Stücke lediglich an die Tourbedingungen an: Keine aufwendige Technik, keine Gastmusiker, bescheidene Lichtshow, optimale Power. Reduced to the Max.

Das klappt. Mit einer Einschränkung: Primal Scream sind brutal laut.

Im Zentrum des Columbiaclubs hockte ein stumm ergebener Tontechniker hinter seinem respektablen Mischpult. Ein grauhaariges Faktotum, das vermutlich seit Jahrzehnten mit Bands um die Welt reist und unterwegs sein Gehör verlor. Er saß mit steinernem Gesicht auf seinem Schemel und regelt stoisch die Lautstärke hoch. Nach der ersten Viertelstunde, in der Primal Scream im kakophonischen Lärm ersoffen, hatte jemand ein Einsehen und drehte die Regler sacht zurück. Bei 130 dB beruhigten sich die Trommellfelle.

Abgesehen von der wahnwitzigen Lautstärke gab es nur glückliche Momente. Primal Scream gehören nicht ohne Grund zur Crème de la Crème des britischen Rock-Kanons. Bei ihrem ersten Auftritt nach achtjähriger Abwesenheit müßte eigentlich ein ausverkauftes Haus zu erwarten sein, vor dem flüsternde Schwarzhändler Tickets zu Mondpreisen anbieten. Aber ach. Wenn nicht die in Berlin lebenden Engländer gewesen wären, hätte man Büschel aus Wüstengras über den Boden rollen können. Das Publikum war überschaubar.

Doch wer den weiten Weg nach Tempelhof gewandert ist, hat es nicht bereut. Der Bass von Gary Mounfield summte und brummte noch lange im Schädel. Bobby Gillespies hyper-cooles Genäsel ließ die Augen der Fans leuchten. Wie beseelte Kinder sangen sie die unsterblichen Hymnen:

I’m movin’ on up now, Gettin’ out of the darkness; My light shines on, My light shines on, My light shines on.

Get your rocks off, Get your rocks off, honey; Shake it now now, Get’em off downtown.

Come on, come on; Hit the accelerator, the accelerator.

Eine intime Party mit Primal Scream, den Kopf im brüllenden Triebwerk eines Düsenjets. Das erlebt man wirklich nicht alle Tage.

Auch dafür lieben wir sie.

primal_scream_02_s.jpg

Bobby Gillespie (zweiter von rechts)
feierte am 22. Juni seinen 46. Geburtstag.

Die Setlist, wegen heftigen Ohrenklingelns unter Vorbehalt:

  • Can’t Go Back
  • Dolls
  • Miss Lucifer
  • Jailbird
  • Beautiful Future
  • I’m Losing More Than I’ll Ever Have
  • Suicide Bomb
  • Uptown
  • Shoot Speed/Kill Light
  • Swastika Eyes
  • Rocks
  • Country Girl
  • Movin’ On Up
  • Accelerator
  • Deep Hit of Morning Sun
  • Beautiful Summer

Keine Kommentare ↓

Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.

Mein Kommentar: