Der Russe, das Schwein

Geschrieben von messitschbyburns am 30. Oktober 2008 | Berliner Zeitung, DDR, Knabe, Unsere Besten


Hätte man auf Hubertus Knabe gewettet, der Gewinn wäre gewiß, die Quote jedoch mickrig gewesen. Daß unser Held Knabe den Start des Films “Anonyma” zur schäumend gegeiferten Abrechnung mit den slawischen Barbaren mißbraucht, war vorhersehbar.

Doch wo würde er veröffentlichen? In der Jungen Freiheit, Welt, FAZ oder dem Tagesspiegel? Weder noch — die Berliner Zeitung fühlte sich berufen, dem Schokotörtchen aus der Normannenstraße ein öffentliches Forum für seine antibolschewistische Hirnwichse zu bieten.

Knabe, der schon lange dagegen kämpft, den 8. Mai 1945 in der sowjetischen Zone als Tag der Befreiung zu feiern, schreibt sich in einen russophoben Rausch: brutal vergewaltigt, willkürlich getötet, unvorstellbare Brutalität, systematisch verübte Verbrechen, Exzesse, Rache, Gewalttaten, Massenvergewaltigungen, Kriegsverbrechen, Gewohnheitsrecht russischer Soldaten.

Seine Vorliebe für die brutal angesuppte Steigerung des Wortes “Vergewaltigung” könnte man glatt als Symptom einer trüben Obsession deuten. So, als würde er heimlich russische Rapevideos downloaden, mit glühendem Kopf und qualmender Hand. Ist Knabes Bürotür manchmal abgeschlossen, und der Schlüssel steckt von innen? Wir wissen es nicht.

Die Vergewaltigungen von Mädchen und Frauen durch Soldaten der Besatzungsmächte sind nicht entschuldbar, gleich, welcher Armee die Täter und welcher Nation die Opfer angehörten. Davon ist auch die Rote Armee nicht ausgenommen.

Was aber selbst in spektakulärsten Prozessen wie dem Fall des Vergewaltigers und Inzesttäters Josef Fritzl selbstverständlich ist, verweigert Knabe im historischen Kontext der Roten Armee: Die Frage nach den Ursachen.

Er schreibt lapidar:

“Die Massenvergewaltigungen werden oft bis heute als spontane Vergeltung für die deutschen Verbrechen in Russland erklärt - und damit indirekt gerechtfertigt.”

Mehr schreibt er nicht. Im gesamten überlangen Text vermeidet Knabe, die deutschen Verbrechen zu konkretisieren.

Kennt man die Geschichte des Zweiten Weltkriegs nur flüchtig — zum Beispiel aus Guido Knopps Hitlerei oder den Panzerschlacht-Schnipseln auf N24 –, könnte man als Knabe-Leser glauben, die Russen wären vom Himmel gefallen, hätten sich auf der Erde zu einer gigantischen menschlichen Walze vorzivilisatorischer, zähnefletschender Diebe, Mörder und Frauenschänder materialisiert und seien vandalisierend über das erschrockene, unschuldige Deutschland hergefallen, das eben noch wie ein süßes Rehkitz mit den großen Äuglein blinkte, womit es aber fatalerweise den perversen Instinkt des triebgesteuerten Iwans weckte und im nächsten Moment von riesigen slawischen Bauernschwänzen gepfählt wurde. Auf Befehl des lüsternen Sadisten Stalin.

Armes, unschuldiges Rehkitz.

In Knabes antirussisch fixierter Welt gibt es kein Unternehmen Barbarossa und keinen Kommissarbefehl; keine Zwangsarbeiter, Konzentrationslager und Geißelerschießungen; keine Leningrader Blockade, keine Taktik der verbrannten Erde und keine Vernichtung durch Arbeit. Nur den Russen, dieses üble Tier, das die deutsche Reichsgrenze überschritt, ohne um Erlaubnis gefragt zu haben.

130 Zeilen Hass.

Inzwischen wurde Knabe widerlegt. Dr. Bert Hoppe zerpflückte Knabes ideologie-besoffenes Pamphlet — in der Berliner Zeitung. Hoppe stauchte die verbogenen Fakten zurecht, wies Fehler nach und deckte selektive Geschichtsumdeutungen auf.

Sein Resümee:

“Es gab keine ‘Systematik’ hinter den Massenvergewaltigungen 1945 […]

Neben dem zweifellos vorhandenen Motiv der Rache an den deutschen Angreifern resultierte die Gewalt der Rotarmisten aus einem Bündel von Faktoren, die sich insbesondere aus ihrer spezifischen Gewalterfahrung ergeben […]

Für die Suche nach den Ursachen der Gewalt ist [die Erörterung der Motive] jedoch unabdingbar, da sonst an Stelle von Erklärungen weiter jene Zerrbilder tradiert werden, wie sie sich beispielsweise noch immer im Bild des vermeintlich ‘mongolischen’ Vergewaltigers in Rotarmistenuniform wiederfinden. Solange solche Restbestände der NS-Propaganda in der Debatte über deutsche Opfer umhergeistern, wird man nicht von einer ressentimentfreien Ursachenforschung sprechen können.”

“Restbestände der NS-Propaganda”: Diese Backpfeife hat gesessen. Man fragt sich: Ist Knabe ein Lügner oder ein Dummkopf? Könnte er beides sein?

Nun muß Knabe wohl wieder vor Gericht ziehen. Mit Klagen gegen Kritiker kennt er sich ja aus, unser Held.

Knabe hat nur zwei Probleme: Bert Hoppe ist gebürtiger Westfale. Bei ihm klappt die gängige Stasi-Verleumdungs-Nummer nicht. Und er arbeitete fünf Jahre lang in der Deutsch-Russischen Historikerkommission, unter Prof. Heinrich August Winkler. Wissenschaftlicher Sachverstand trifft auf antikommunistische Eiferbeule.

Das könnte ein vergnüglicher Prozeß werden. Aber nicht für Knabe.

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