Arno Widmann blickt zurück auf die Zeit, als Gerhard Schröder regierte und gleich zu Beginn seiner Kanzlerschaft Oskar Lafontaine verlor:
“Ich habe noch im Ohr, wie Gerhard Schröder über Oskar Lafontaine höhnte, der bilde sich ein, er könne dem internationalen Finanzkapital Fesseln anlegen […]
Ich […] fand, dass Schröder recht hatte. Lafontaine erschien mir als ein kleiner Mann, der seine Fäustchen ballte und sie gegen Leute erhob, die mit dem Bruchteil ihres Jahreseinkommens die ganze SPD hätten aufkaufen können. Sein Fäusterecken hatte etwas Lächerliches.”
An dieser Stelle hätte er seinen Standpunkt zementieren können: “… und lächerlich ist er noch heute.” Das kennt man als Methode Reinhard Mohr.
Arno Widmann geht einen anderen, steinigeren Weg. Er mißt Lafontaines Worte an der heutigen Finanzkrise.
Im Ergebnis geschieht etwas Erstaunliches. Arno Widmann leistet öffentlich Abbitte:
“Lafontaine hatte Recht. Er hatte Recht nicht nur in der Analyse. Der Weg in die Katastrophe hatte begonnen mit der Entfesselung des Finanzkapitals […]
Lafontaine hatte auch Recht, sich dieser Entwicklung entgegen zu stellen. Jetzt, da die westliche Welt die Krise hat, vor der die ‘unverbesserlichen Linken’ immer gewarnt hatten, da rufen - fast - alle plötzlich nach dem Staat […]
Sie wünschen ihn sich groß und stark mit kräftigen Zähnen, damit er sie retten möge aus den Schlünden der drohenden Depression. Oskar Lafontaine aber hassen sie jetzt auch noch dafür, dass er Recht hatte.”
Sich nicht erst im Ruhestand mit den Weisheiten eines “Das hätte ich euch schon früher sagen können”-Elder Statesmen zu empfehlen, sondern mitten im Berufsleben, im Fokus der Öffentlichkeit, zu seinen Irrtümern zu bekennen, ist geradezu sensationell.
Denn Arno Widmann kann keiner als irrelevanten Piesepampel abservieren. Er ist Feuilletonchef der Frankfurter Rundschau.
Uns fällt niemand ein, der — auch noch in der heiklen Personalie Lafontaine — so souverän seinen Schatten übersprungen hätte. Respekt.

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