Uwe Tellkamp!

Geschrieben von messitschbyburns am 26. Oktober 2008 | Birthler/Gauck, DDR, Immer wieder sonntags, Knabe, Tellkamp


Sie haben den großen, dicken, von Kritikern und Lesern Kritikern sehnsüchtig erwarteten Wenderoman veröffentlicht. Gott sei Dank. Nun hat das jährliche “Wo bleibt denn bloß der große dicke Wenderoman?”-Gejammer ein Ende.

Obwohl es den kleinen, feinen Wenderoman längst gibt. Er heißt “Der Zimmerspringbrunnen”, wurde von Jens Sparschuh geschrieben und erschien 1995 im Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Macht aber nichts, lieber Herr Tellkamp. Auch ihre Wenderoman-Kollegen Thomas Hettche, Reinhard Jirgl, Thomas Brussig, Ingo Schulze, Erich Loest, Volker Braun, Erik Neutsch, Gert Neumann, Yadé Kara, Kathrin Schmidt, Michael Klonovsky, Katja Oskamp, Wolfgang Hilbig, Christoph Hein und Clemens Meyer sind dem Wenderoman-Irrtum erlegen.

Auf der Pressekonferenz ließen Sie sich mit einem hübschen Barett ablichten. Glückwunsch an Ihren Imageberater. In der brutalen Mediengesellschaft muß man eben visuelle Claims abstecken. Als Clemens Meyer im Frühjahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewann, spielte er Improvisationstheater mit heftig geschwenkter Bierflasche und Sackhüpfen ohne Sack.

Sie, lieber Herr Tellkamp, haben sich für die stillere Variante entschieden. Sie trugen eine kunsthandwerkliche Komposition aus Topflappen und Eierwärmer:

tellkamp_barett_s.jpg

Mit diesem Bild wird man Sie lange im Gedächtnis behalten: Tellkamp? War das nicht der Typ mit dem handgeklöppelten Kondom auf’m Kopp?

Noch etwas fiel uns auf. Elmar Krekeler (wir lasen erst: Krakeeler, haben uns aber schnell korrigiert) verfasste in der Tageszeitung Die Welt, die Ihnen sehr wohlgesonnen ist, einen hymnischen Artikel über Sie und Ihr Buch. Darin lesen wir:

“Der Panzerkommandant der NVA (was er wurde, weil er Medizin studieren wollte) …”

Sie sind also den Weg des Opportunisten gegangen, der seinen Wehrdienst um den Preis des Studiums nicht 18 Monate, sondern drei Jahre lang leistete. Das ist nicht verwerflich. Zwar wurde die Verknüpfung von Studium und Armeedienst 1986 abgeschafft, aber vielleicht waren Sie der bedauernswerte Letzte, den es erwischt hat.

Doch angenommen, Herr Tellkamp, ein Nachwuchspolitiker der Linkspartei hätte die gleiche leuchtend rote NVA-Biographie wie Sie: Ein längerdienender Panzerkommandant der NVA. Was, lieber Herr Tellkamp, glauben Sie, schriebe wohl Elmar Krekeler in Klammern? Einen verdrucksten Entschuldigungszettel, wie bei Ihnen? Oder eine psychopathologisch motivierte Schmähung aus tiefster Empörung und Entrüstung?

Wenn Ihnen auf unsere Frage keine Antwort einfällt, dann ersetzen Sie den Namen Krekeler durch Knabe oder Birthler; das Ergebnis bleibt gleich.

Wir lesen weiter:

“… saß wegen ‘politischer Diversantentätigkeit’ ein (er wurde in der Kaserne beim Sammeln von Gedichten unter anderem von Wolf Biermann und beim Lesen einer Hermann-Hesse-Biografie aus jenem Verlag erwischt, bei dem er jetzt erscheint, ist somit gewissermaßen Opfer der Suhrkamp-Kultur).”

Sie sind also ein Opfer. Unser Beileid sei Ihnen gewiß.

Aber ein Punkt irritiert uns. Nur eine Kleinigkeit, aber trotzdem verwirrend. Die Armee-Bibliothek, deren Buchbestand wir in- und auswendig kennen, verlieh Bücher von Hermann Hesse ohne Einschränkungen. Nie wieder lasen wir so viel Hesse wie in diesen langen 18 Monaten. Warum sollte in Dresden das Lesen einer Hesse-Biografie verboten sein, wenn anderswo Hesse bis zum Abwinken im Regal stand?

Oder wollten Sie das Kasernenpersonal testen und schleppten deshalb ein Buch von Suhrkamp mit sich herum? In einer Kaserne der NVA der DDR? Als längerdienender Wehrdienstleistender, dem die Befehle und Verbote vom ersten Tag an eingehämmert wurden? Hatten Sie vor, die Offiziere ein wenig zu provozieren, und überhoben sich dabei?

Würden Sie uns glauben, wenn wir daraus schlußfolgerten, daß das nicht für Ihre Intelligenz spräche? Und würden Sie mit uns übereinstimmen, daß jemand, der Gedichte des knallchargierenden Brachialdichters und scharwenzelnden CSU-Schleimbeutels Biermann sammelt, nicht mit übergroßem Verstand gesegnet sein kann?

Nein? Macht nichts.

Wir lesen weiter:

“Im Oktober 1989 weigerte er sich mit seinem Panzer gegen die Dresdner Demonstranten auszurücken und kam wieder in den Knast.”

In Dresden rückten Panzer aus? Das ist interessant. 2004 erklärten Sie noch:

“Ich sagte mir: Da kann es passieren, dass du gegen die eigenen Leute schlägst - und da habe ich gesagt, das mache ich nicht.”

Vielleicht wächst und wuchert Ihre Erinnerung mit den Jahren vom geplanten Einsatz ihrer Person als Hiwi der Polizei, der mit Schlagstock am Koppel zum Bahnhof delegiert werden sollte, zum Panzerfahrer, der mit seiner Befehlsverweigerung ein deutsches Tian’anmen zu verhindern wußte.

Ganz allein. Wie löblich.

Ihre Erinnerung scheint Ihnen ohnehin kleine Streiche zu spielen. Nach der Preisverleihung werden Sie von dpa mit diesen Worten zitiert:

“[Tellkamp] kann nicht verstehen, wieso sich Menschen angesichts der aktuellen Finanzkrise den Sozialismus zurückwünschen. ‘Diejenigen, die sagen, der Sozialismus war das bessere System, haben ihn nicht gekannt’, sagte der aus Dresden stammende Autor. Der Wunsch nach Rückkehr der DDR sei ‘Blödsinn’. In der DDR seien nicht nur die Banken, dort sei das ganze Land pleitegegangen. Die Gesellschaft brauche keinen Sozialismus, aber ‘mehr Sozialismen’ wie soziale Rücksichtnahme, Wärme und Vertrauen.”

Amen.

Daß Sie als längerdienender Panzerkommandant der NVA, mithin als nicht ganz so kleines Rädchen in den bewaffneten Organen der DDR, das System gut kannten, möchte niemand bestreiten.

Würden Sie uns aber einen Menschen nennen, der sich die originale DDR zurückwünscht, in der Version 10/1989? Haben Sie den Namen einer DDR-Bank parat, die 1989 pleite war? Und was, bitte schön, sind Sozialismen?

Würden Sie uns glauben, wenn wir aus Ihren Äußerungen schlußfolgerten … Ach, das fragten wir Sie schon.

Rühren, Genosse Panzerfahrer!
Messitsch by Burns

6 Kommentare ↓

#1 g. haase am 02.03.09 um 10:17

Der kleinere feinere Wenderoman heißt auch “Moskauer Eis”. Hab ich mit viel Vergnügen gelesen und kann ich ehrlichen Herzens empfehlen.

http://www.amazon.de/Moskauer-Eis-Annett-Gröschner/dp/3378006285

Wer außerdem noch wissen will, wie es aussah, als von Wende und Mauerfall nichts, aber auch gar nichts zu spüren war, alles seinen Gang ging, der lese “Die Entgleisung”. Da geht nichts mehr seinen Gang, in dem kleinen Dorf zwischen Jena und Pößneck. Wie ich finde, ein unterschätztes Buch.

http://www.amazon.de/Die-Entgleisung-Inge-von-Wangenheim/dp/3898122263

Nichts in diesen beiden Büchern ist irgendwie aufregend, raubt einem den Schlaf oder dergleichen - trotzdem lesenswert. Schöne Urlaubs-Lektüre - vom überregionalen Feuilleton glücklicherweise übersehen.

Grüße aus Leipzig

#2 abi-kritiker am 20.03.09 um 17:48

Obwohl du nicht über christa wolf geschrieben hast ,wollen wir nur eins loswerden:
“Was bleibt” ist schei….!!!!!!!!!!!

#3 admin am 22.03.09 um 22:54

Wir denken immer noch über Christa T. nach. Das kann dauern.

#4 Franz Malef am 24.01.10 um 15:57

Komme jetzt erst auf diese Seite. Sehr interessant. Kommt mir so vor, als habe Herr Tellkamp sein Leben nach der Wende selber lektoriert. Dabei sind ihm aber viele beabsichtigte und unbeabsichtigte Fehler passiert. Man nenne einen westdeutschen Verlag (bei dem man gerade veröffentlicht/veröffentlichen will) und schwupps - schon hat´s geklappt. Man bediene alle Klischees, wie “Panzer gegen Demonstranten”, man habe in der DDR nicht Hesse lesen dürfen usw. man sei im “Knast” (=politische Haft!!!) gewesen- und richtig, wer Biermann freiwillig liest, muss nicht alle Latten am Zaun haben- Ja, und Panzerfahrer, wahrscheinlich sogar Kandidat der SED. Dann aber erkannt, wie´s läuft und schnell die Richtung gewechselt, und zwar 180 ° - nein, ein “Lumpi” ist der Herr und zwar ein ganz schlimmer Finger, der um jeden Preis mit den Mächtigen ins Bett will, weil er´s bei den anderen vor 89 nicht mehr geschafft hat. Insgesamt, wenn man´s poetisch sehen will: Ein Dichter seines Lebens. Und was seinen Roman betrifft, so hast er Ähnlichkeiten mit “Mein Kampf” - das meistverkaufte und am wenigsten zu Ende gelesene Buch …

#5 A. Schneider am 09.03.10 um 01:40

Bin durch bösen Zufall auf diese Seite geraten und muss mich doch sehr erschrecken, wie Uwe Tellkamp hier niedergemacht wird. Den Erfolg eines Buches kann man nicht planen und wie kommt der Verfasser dazu, ihm diesen so dermaßen zu missgönnen? In dem Buch steckt doch zunächst mal eine Menge Arbeit. Außerdem weiß jeder durchschnittlich intelligente Mensch, dass in der Presse gerne Tatsachen verdreht oder übertrieben dargestellt werden, wer nimmt denn das alles so wörtlich? Ich habe auch zur Wendezeit ein Dresdner Gymnasium besucht und welcher Junge bis zur Wende studieren wollte, musste sich sehr wohl für 3 Jahre bei der Armee verpflichten. Da soll doch nicht etwa unterstellt werden, Herr Tellkamp hätte sich aus Freude am Panzerfahren für 3 Jahre bei der NVA gemeldet ? Macht doch gar keinen Sinn, wenn man eigentlich studieren möchte. Auch wenn das Buch sicher nicht jedermanns Sache ist, sollte man doch sachlich und weniger emotional Kritik üben. Es scheint fast so, als hätte der Autor hier persönlich ein Hähnchen zu rupfen. Nur nicht weiter so!

#6 admin am 09.03.10 um 11:40

@ A. Schneider: Sicher steckt in Tellkamps Buch viel Arbeit. Die nachvollziehbaren Plagiatsvorwürfe mußten z.B. von einer Armada höchstbezahlter Rechtsanwälte niedergebügelt werden. Das kostet Zeit und Geld.

Und dann drehte sich auch noch der Wind. Das Feuilleton ließ Tellkamp fallen und fand, daß er 2008 reichlich überbewertet wurde. Ein Leben als One Hit Wonder muß man erst mal verkraften, da freut sich nur der Psychotherapeut über seinen monatlichen Scheck.

Kennen Sie eigentlich die innerdeutsche Käuferstatistik von Tellkamps “Turm”? Im Osten Kassengift, im Westen Coffee Table-Pflichtlektüre. Ein Buch gegen das “Wischiwaschi der Christa Wolfs, Volker Brauns, Christoph Heins”, jubelte Tillmann Krause in der “Welt”. Dafür gab’s den Deutschen Nationalpreis. Ehre, wem Ehre gebührt.

Wobei interessant wäre, zu erfahren, wie viele Käufer das Buch tatsächlich bis zur letzten Seite gelesen haben, bevor es für “Feuchtgebiete” und “Axolotl Roadkill” vom Coffee Table geräumt wurde. Wie man hört, ist diese Zahl sehr übersichtlich.

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