The Last Shadow Puppets
17. Oktober 2008
Berlin, Tempodrom
Man sieht nur Schemen. Zwei schmale Gestalten nähern sich von links. Aus dem Backstagebereich schieben sich zwei Paar Füße auf die kurze Treppe zur Bühne. Das genügt.
Ein Orkan bricht los.
Als würden die Beatles auftreten. Oder Elvis. Das Publikum kreischt, wie man ein kreischendes Publikum aus alten Filmen kennt. Ohrenbetäubend, schrill, endlos, scheinbar ohne Luft zu holen. Was für ein Glück, daß das Bier in Plastebechern ausgeschenkt wird. Glas wäre zersprungen.
Der schicke Alex Turner und der flotte Miles Kane stürmen auf die Bühne. Zwei junge Männer, erst 22 Jahre alt, in schwarzen Anzügen mit Röhrenhosen, blütenweißen Hemden und schmalen schwarzen Schlipsen; dazu verwuschelte 60er-Jahre-Frisuren. Die perfekten Mods.
Turner und Kane dürften bekannt sein; aber für den, der die Namen noch nie gehört hat: Alex Turner ist Chef der Arctic Monkeys, Miles Kane spielt bei The Rascals. Die Arctic Monkeys haben 2006 und 2007 zwei CDs veröffentlicht; beide standen auf Platz 1 der britischen Verkaufscharts. The Rascals brachten 2008 ihr Debüt heraus.
Als Sideproject gründeten Turner und Kane 2007 The Last Shadow Puppets. Die 2008 erschienene CD The Age Of The Understatement schob sich — wie kann es anders sein — ebenfalls auf Platz 1 der britischen Charts, in Deutschland immerhin auf Platz 42. Wir waren von der CD nicht restlos begeistert. Weder Flop noch Top, dachten wir. Da hatten wir die Band noch nicht live erlebt.
Gäbe es einen internen Wettstreit um die Wichtigkeit, wäre Alex Turner der Boss. Die CD-Verkaufszahlen der Arctic Monkeys werden The Rascals kaum erreichen. Doch es gibt keinen Wettstreit. Turner und Kane sind Freunde. Sie schreiben gemeinsam Songs, weil es ihnen Spaß macht. So etwas soll es noch geben.
The Last Shadow Puppets kombinieren schnucklige Melodien mit pompösem Estraden-Pop, einem kuriosen Relikt aus längst vergangener Zeit. Damals, als in Ostseebädern muschelförmige Bühnen standen, in denen sonntags zum Kaffee das Kurorchester beschwingte Melodien von Franz Lehár und Johann Strauß (Sohn) spielte, zum Entzücken vor allem der älteren weiblichen Kurgäste, die mit Hütchen und Handtasche auf den Bänken Platz nahmen und sich in die sorgenfreie Welt der UFA-Filme träumten: Ach, käme doch ein schneidiger Rittmeister und hielte um meine Hand an …
Wie Turner und Kane die eigentlich inkompatiblen Welten des Indie- und Estraden-Pop verschmelzen, ist sensationell. Live sind The Last Shadow Puppets ein Rundum-Wohlfühl-Paket mit Glücksgarantie.
Das liegt zuerst an Turner und Kane. Sie tollen über die Bühne wie junge Welpen, für die die Welt ein riesiger Spielplatz ist. Sie rempeln sich grinsend an, umarmen sich brüderlich, nehmen zwischendurch große Schlucke aus der Pulle und torkeln vergnügt zwischen Mikrofon und Orchester. Sie singen manchmal schräg und verpassen ihre Einsätze; in ihren Duetten driften die Stimmen zuweilen krass auseinander, aber nichts, wirklich gar nichts kann man diesen beiden gutgelaunten Burschen, die einfach nur der Hafer sticht, übelnehmen. Es ist, wie es ist, und es ist gut.
Die Show wird mit dem eher getragenen Stück In My Room eröffnet, zum Warmspielen für den zweiten Song und ersten Höhepunkt des Abends: Ihren Geniestreich The Age Of The Understatement. Ein halber Takt, und der Saal steht Kopf.
Der quietschvergnügte Bonanza-Pop mit dem kryptischen Text gehört jetzt schon in die Kategorie Unsterblich. Wem die CD überhaupt nicht gefällt, der kaufe sich die Single und spiele sie als Endlosschleife. Sofort gehen alle Lichter an, die Sonne scheint und die gute Laune hält drei Wochen lang. Mindestens.
Weil die 12 Songs der CD mit insgesamt 35 Minuten eigenwillig kurz geraten sind, wurden noch fünf andere gespielt: die Single-B-Seiten Gas Dance und Hang The Cyst sowie die Cover Paris Summer (Lee Hazlewood/Nancy Sinatra), In The Heat Of The Morning (David Bowie) und Memories (Leonard Cohen).
Für Paris Summer mußte aus undurchsichtigen Gründen Rosalie Cunningham, Sängerin der Vorband Ipso Facto, auf die Bühne gebeten werden, um sich vergeblich nach den hohen Tönen zu strecken. Man nahm es mit Humor und überbrückte die Zeit bis zum nächsten Song mit der Betrachtung ihres Stylings als Ausdruckstänzerin mit 30er-Jahre-Ponyschnitt.
Zwischen den Songs quatschten Turner und Kane ausgiebig mit den Zuschauern, in einem breit gegurgelten Dialekt, von dem man annehmen könnte, er sei irgendwie englisch. Das euphorisierte Publikum verstand Bahnhof und kreischte und klatschte. Hunderte Arme reckten Handys hoch, ein wogendes Meer aus leuchtenden Displays: Die Feuerzeuge des Nichtraucherzeitalters. Das große YouTube-Archiv wurde noch in der gleichen Nacht um entzückend verwackelte Videos aus dem Berliner Tempodrom erweitert. Die Hingabe der Fans ist tief und echt.
Nichts ginge jedoch ohne das Orchester. Und hier sollte man mehrmals den Hut ziehen, sich verneigen und immer daran denken: Turner und Kane, die nicht nur die Songs für Band und Orchester schrieben, sondern sich tatsächlich mit Band und Orchester auf Tour wagten, sind gerade mal 22 Jahre alt.
Der Bühnenaufbau war gleichzeitig stilsicher und funktional. Die Bühne wurde von tief gefalteten, schweren Stoffbahnen eingerahmt; wie in den großen alten Lichtspielpalästen der goldenen Ära des Tonfilms, als gutaussehende Zigarettenfräuleins durch die Gänge liefen und Lucky Strike anboten.
Auf den Stoffbahnen am Bühnenhintergrund hing der Schriftzug The Last Shadow Puppets, davor saßen die Orchestermusiker auf zwei Emporen: Links drei Bläser, in der Mitte zwei mal sechs Streicher, rechts eine Kesselpaukerin.
Vor den Emporen stand ein Dirigent und wiederum davor die Tourband: Links Bass, rechts Keyboard, dazwischen das Schlagzeug.
Und ganz vorn, am Bühnenrand, Turner und Kane.
Die Inszenierung war nicht nur optisch perfekt; sie wurde noch getoppt durch eine gefühlvolle Lichtshow und einen grandiosen Sound. Großscheinwerfer tauchten Bühne und Vorhänge in blutrotes, tiefblaues, dunkelgrünes oder weißes Licht. Rechts und links am Bühnenrand standen zwei schmale Säulen mit je sechs weißen Scheinwerfern, die so simpel wie eine Lichtorgel in der Schuldisco blinkten: Von unten nach oben und von oben nach unten.
Gottlob: Alle Befürchtungen, Orchester und Band würden im Klangbrei versuppen, waren umsonst. Jedes Instrument war mit unglaublicher Präzision zu hören, selbst die grollenden Kesselpauken. Die Musiker wurden nicht als Staffage für die Egoshow zweier Stars mißbraucht. Auch nicht die kleine Tourband. Man mußte den Bassist nicht unbedingt sehen; man konnte seinen Bass spüren.
Im Akustik-Friedhof Tempodrom, das eher für Parteitage der Grünen als für ausgeklügelte Sounderlebnisse konzipiert wurde, kam man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Bisher durfte man sich einreden, der notorisch lumpige Sound im Saal wäre der schludrigen Architektur geschuldet. Jetzt weiß man es besser. Zwei 22jährige führten vor, was Yes und Lou Reed nicht gebacken kriegten. Da faßt man sich nur noch an den Kopf.
Nach der Zugabe erhoben sich die Zuschauer von ihren Plätzen: Standing Ovations für ein Orchester, eine Band und zwei junge Wilde.
Prognosen sind immer eine wacklige Sache. Wagen wir es trotzdem: Bekommen Alex Turner und Miles Kane die zweite CD so schwungvoll hin wie The Age Of The Understatement, spielen The Last Shadow Puppets spätestens 2010 in großen Arenen.

Miles Kane und Alex Turner in Glastonbury (2008)
Die Setlist, unter Vorbehalt einer Überdosis purer Freude:
- In My Room
- The Age Of The Understatement
- Black Planet
- Separate And Ever Deadly
- Gas Dance
- Calm Like You
- Paris Summer
- Hang The Cyst
- The Chamber
- My Mistakes Were Made For You
- I Don’t Like You Anymore
- In The Heat Of The Morning
- Meeting Place
- Time Has Come Again
- Only The Truth
- Memories
- Standing Next To Me
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