Auf dem Höhepunkt des Heidenreich-Rummels irritierte die Fernsehkritikerin Klaudia Wick mit einer eigenwilligen Bemerkung:
“Wer will, kann sich im Fernsehen jeden Tag rund um die Uhr Qualitätsprogramme ansehen. Man muss freilich die entsprechenden Gerätschaften bereithalten - zum Beispiel über einen Digitalanschluss verfügen, der auch das Spartenbouquet von ARD und ZDF empfängt.”
Das klingt verlockend. Aus welchen Blüten hat wohl die ARD ihr digitales Programmbouquet arrangiert? Informieren wir uns auf www.ard-digital.de:
Das Programmbouquet von ARD Digital: Das Erste, Phonix, KiKa, 3sat, arte, Deutsche Welle, Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur.
Das tägliche Programm, digital empfangbar.
Doch halt: Zusätzlich werden EinsPlus, EinsFestival und EinsExtra angeboten:
EinsPlus zeigt Ihnen rund um die Uhr aktuelle Service- und Ratgebersendungen des ERSTEN und der ARD-Landesprogramme.
Zur Zeit im Programm: Wildkräuter im Herbst, Heizungen in Wohnhäusern, Lebensraum Friedhof.
EinsExtra zeigt aktuelle Nachrichten sowie Hintergründe zu bedeutenden nationalen und internationalen Ereignissen.
Zur Zeit im Programm: Obama gegen McCain, Planspiel Atomkrieg, Wir fliegen auf Berlin.
EinsFestival ist das öffentlich-rechtliche Programm für junge Erwachsene […] Mit Debüts und Klassikern aus Film und Musik, Comedy und Kultserien der ARD sowie hochwertigen Dokumentationen macht EinsFestival Kultur in allen Facetten erlebbar.
Zur Zeit im Programm: Napoleon und die Deutschen (1/4), Der Fahnder (9/91), Die Peter-Maffay-Story (1/2).
Und beim ZDF?
ZDFinfokanal, ZDFdokukanal, ZDFtheaterkanal. Schau an. Das klingt wie eine Absprache mit der ARD: Wir senden unsere Gartenratgeber digital und nennen unsere Camouflage “Qualitätsprogramme rund um die Uhr”.
Der Zuschauer muß freilich die entsprechenden Gerätschaften bereithalten. Und sich einreden, daß Der Fahnder (9/91) ein leuchtend Blümelein im Qualitäts-Bouquet des deutschen Fernsehens ist.
Wundern Sie sich nicht, daß gerade diese Fernsehkritikerin den digitalen Potemkinschen Dörfern gegenüber kritiklos bleibt. 2007 schrieb die FAZ über Wick:
“Die langjährigen Jurymitglieder Klaudia Wick und Thomas Schadt sind längst zu PR-Sprechern für den Preis und das deutsche Fernsehen mutiert und bejubeln Qualität und Innovationen selbst im dahinsiechenden Genre der deutschen Sitcom.”
Da ist was dran. Und nun legt sie auch noch nach. Nicht zu Heidenreich, sondern mit kratertiefen Erinnerungslücken in der Filmgeschichte:
“Es gibt Filme, die erneuern mit einem Schlag ein ganzes Genre. Darin erinnert ‘Auf der Sonnenseite’ stark an ‘Duisburg Ruhrort’ und den jungen Götz George.”
Auf der Sonnenseite? Manfred Krug erinnert stark an Götz George? Nein — die ARD hat sich den Titel des legendären DEFA-Films von 1962 nur geborgt (wir möchten nicht sagen: geklaut, das klingt so hart). Der aktuelle Tatort heißt genau so wie der Kinofilm mit Manfred Krug.
Den Filmtitel Auf der Sonnenseite kennt man eigentlich. Nicht als Tatort, sondern als wichtigen Teil der DEFA-Historie. Von einer Kritikerin wäre deshalb zu erwarten, daß sie auf den fatalen Lapsus aufmerksam macht, der der ARD unterlaufen ist.
Aber nichts dergleichen. Sie lobt und preist den Tatort, wie sie fast alles lobt und preist, was im deutschen Fernsehen gesendet wird.
Sollten der ARD die Ideen für Filmtitel ausgehen, hätten wir noch ein paar Vorschläge: Die Mörder sind unter uns, Nackt unter Wölfen oder Berlin, Ecke Schönhauser. Frau Wick wird keine Einwände erheben. Vielleicht, weil DEFA-Filme nicht zu ihrem überschaubaren Erfahrungshorizont gehören.
Klaudia Wick als PR-Sprecherin für das deutsche Fernsehen: Ja, das trifft es gut. Vor allem, wenn man das Wort deutsch um die Vorsilbe west ergänzt.
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