Arrivederci Tempelhof — Finale Grande

Geschrieben von messitschbyburns am 31. Oktober 2008 | Appenzeller, BILD, CDU, Die Linke, SPD, Tempelhof


Seit Mitternacht herrscht Ruhe. Ein paar übriggebliebene Kleinflugzeuge, die wegen des stürmischen Wetters nicht mehr starten durften, müssen in den nächsten Tagen noch vom Rollfeld geholt werden. Aber das ändert nichts daran:

Der Flughafen Tempelhof ist geschlossen.

Tempelhof wurde 2008 zum Synonym für die größte Blamage der Berliner CDU und FDP, der Konzerne Holtzbrinck und Springer, der Tageszeitungen Bild, Welt, Morgenpost und Tagesspiegel und ihrer Redaktionen. Sie haben die Kraftprobe mit dem Senat gesucht — und verloren.

Die finanzielle, personelle und publizistische Kampfgemeinschaft, die sich formierte, um das Berliner Volk mit dem süßen Drops Tempelhof gegen SPD und Linkspartei zu mobilisieren, konnte am Ende nur noch eine kleine Lichterkette vor dem abgesperrten Gebäude aufbieten. Zischende Kerzen im Dauerregen.

Mit dem Flughafen Tempelhof bricht das größte Symbol des Westberliner Selbstverständnisses weg. Der Funkturm ist längst bedeutungslos, die AVUS nur noch ein Stück Autobahn, die Siegessäule eine Dauerbaustelle, die Deutschlandhalle wird abgerissen, der Flughafen Tegel steht vor der Schließung, der Zoo verkommt zur Kulisse für ein Riesen-Riesenrad, und der Ku’damm muß sich wochentags dem Alexanderplatz geschlagen geben.

Nur das ICC bleibt stehen. Häßlich, asbestverseucht und unwirtschaftlich, aber ein Zugeständnis an die Westberliner Wähler der SPD. Die Linkspartei hat wieder mal genickt.

Es wäre zu viel verlangt, würde man von den unterlegenen Kampagnenführern erwarten, den Volksentscheid und die Schließung Tempelhofs zu akzeptieren. Zwar blieb der Einspruch der ICAT beim Berliner Verfassungsgerichtshof gegen das Ergebnis des Volksentscheids erfolglos. Doch nun wollen sie das ganz große Rad drehen.

Am 6. Oktober begann ein Aktionsbündnis pro Tempelhof, Unterschriften für ein Bürgerbegehren zu sammeln, um Tempelhof als Baudenkmal zu erhalten und als Gesamtanlage in die Unesco-Welterbeliste eintragen zu lassen.

Als Gesamtanlage heißt: Der Flughafen müßte bleiben, wie er ist, mit Landebahnen, Radarturm und Zaun drumherum.

Natürlich nur als Freiluftmuseum, ohne Hintergedanken an den Flugbetrieb. Oder nur ein bißchen: Als Regierungs-, Rettungs- und Ausweichflughafen. Hauptsache, die Schmach der Niederlage wird getilgt und Tempelhof bleibt geöffnet.

Wie groß die Verwirrung in den eigenen Reihen ist, verdeutlicht ein obskurer Kommentar auf der Titelseite des Tagesspiegels vom 30. Oktober. Der hirnseichte Tempelhof-Fan Appenzeller, der schon lange nicht mehr begreift, was um ihn herum geschieht, widerspricht sich mit seinen eigenen Worten.

Zuerst mokiert er sich heftig:

“Die Schließung jetzt ist juristisch unnötig, finanziell ein Desaster, politisch eine Dummheit.”

Dann entdeckt er seine Zuneigung zu Schönefeld …

“Die Zukunft der Luftfahrt in der Region Berlin-Brandenburg liegt in Schönefeld. Mit Eröffnung des BBI werden nicht nur mehr als 100.000 Berlinerinnen und Berliner vom Lärm der in Tegel und Tempelhof startenden und landenden Maschinen entlastet, sondern die Stadtbevölkerung auch von der Angst vor einem verheerenden Absturzunglück befreit.”

… aber auch seine Zweifel an Tempelhof:

“Dass irgendein sensationelles Geschäft zugunsten der Berliner Wirtschaft nur deshalb abgeschlossen wurde, weil die Manager in Tempelhof landen konnten, muss erst noch belegt werden.”

Doch am Ende hat er Tempelhof wieder lieb:

“Senat und Bund sollten umgehend bei der Unesco die Aufnahme in die Welterbeliste beantragen.”

Der Tagesspiegel wird also das Bürgerbegehren für das Unesco-Welterbe unterstützen. Wenigstens darüber herrscht Klarheit.

2011 (oder 2012 oder später) schließt auch der Flughafen Tegel. Bis dahin muß Flugfreund Appenzeller sehr viele Knoblauchperlen schlucken, um sich über die Jahre zu schleppen. Sonst verpaßt er die nächste Großkampagne seiner Holtzbrinck-Prawda.

Uns war der Flughafen Tempelhof nie wichtig genug, um ihn zu besuchen. Wir kannten ihn aus den Augenwinkeln, wenn wir auf dem Weg zur Columbiahalle mit geducktem Blick vorüberhuschten. Eine ungute, zugige Gegend mit Windkanalcharakter und großdeutschen Monumental-Insignien. Die Stillegung machte uns neugierig, das Haus aus der Nähe und von innen zu betrachten.

So sah er wenige Tage vor der Schließung aus: Größtenteils leergeräumt, aber von knipsenden Neugierigen bevölkert, die die Empfangshalle ungewohnt mit Leben füllten.

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Die polierte Empfangshalle.

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Die Holtzbrinck-Prawda wirbt offensiv …

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…. und behauptet scherzhaft, sie
würde den Dingen auf den Grund gehen. 

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Geräumte Büros der Fluggesellschaften.

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Das sehr kurze Gepäckband.

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Einer der letzten geöffneten Schalter.

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Die BVG hatte den Linienbus zum
Flughafen schon lange eingestellt.

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Vor Terroristen wurde bis zuletzt gewarnt.

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Unter dem Zettel steht:
“Eine Chance für Berlin.”

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Die ICAT wühlte bis zum Schluß …

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… und sammelte Unterschriften …

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… gegen die Schließung — wenige Tage vor der Schließung.

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Realkapitalistischer Agitprop-Kitsch der Sonderklasse.

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Das Hoheitszeichen hing wie ein böses Omen
unter der Decke: Gemeinsam wollen wir untergehen.

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Die Bürotrakte sehen aus wie eine
konservierte Hauptverwaltung der Stasi.

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Von diesem bis zum letzten Foto:
Gigantomanie und Größenwahn.

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Fotos (c) by Ch. Brinkmann

2 Kommentare ↓

#1 Andrea am 02.11.08 um 14:58

“Adieu, lieber Tagesspiegel…

…gut recherchierte Berichterstattung zu diesem
nachvollziehbar emotional stark aufgeladenen Thema
liest man seit längerem leider eher in anderen Blättern.

Ein Beispiel?

Berliner Zeitung (oder auch gerne die TAZ).

Was beim Tagesspiegel geboten wird, ist statt “rerum cognoscere causas” zunehmend ein trauriges Fähnchen im Wind…”,

so zickte ich kürzlich zum Abschied den Kokodilstränen weinenden Lokal-Käptn Gerd Nowakowski und seine Crew an.

Das Online-Forum ist auch kein erfreulicher Landeplatz:
Stupide Klickraten zu erzeugen, ist einfach zu wenig.

#2 admin am 02.11.08 um 19:15

Das Online-Forum des Tsp ist u.a. eine Kampfzone der gut organisierten Tempelhof-Freunde. Die schaffen es, beinahe zu jedem Artikel ein paar Kommentare mit den Worten “Tempelhof”, “Wowereit” und “Rot-Knallrot” unterzubringen.

Die Berliner Zeitung hat sich bis zum Schluß wohltuend aus der Debatte herausgehalten. Erst in der letzten Woche gab es ein paar größerer Beiträge und einige Lesererinnerungen, aber das hielt sich alles in Grenzen.

Deshalb wurde die BLZ von uns für ihre Tempelhof-Artikel nie kritisiert :)

Die Artikel der BLZ zur Finanzkrise waren übrigens auch lesenswert. Jakob Schlandt konnte nichts versauen, der war exakt in dieser Zeit nicht in der Redaktion. Aber Stephan Kaufmann hat’s wunderbar gerissen.

Mein Kommentar: