Vier Tage vor der Ministerpräsidentenwahl in Hessen reagiert die Holtzbrinck-Prawda ausgesprochen dünnhäutig. Offenbar hat sich in der SPD außer Dagmar Metzger kein Abtrünniger bekannt. Bleibt es bei Metzgers einsamen Nein, wird Andrea Ypsilanti (SPD) zur Ministerpräsidentin gewählt.
Mit den Stimmen der Linkspartei.
Für Holtzbrinck sind die Abwahl Roland Kochs, der Abstieg der hessischen CDU vom Gipfel der absoluten Mehrheit in die parlamentarische Opposition und die Tolerierung einer Koalition aus SPD und Grünen durch die Linken ein ähnlich grausiger Gedanke wie die Errichtung einer hessischen Räterepublik mit anschließender Vergesellschaftung der Produktionsmittel.
Direkt besitzt Holtzbrinck keinen Einfluß auf eine Parlamentswahl. Indirekt schon. Holtzbrincks Tagesspiegel wird überregional gelesen. Könnte man nicht noch einmal gegen Ypsilanti stänkern? Als Motivierungshilfe für unentschlossene Abgeordnete, sich doch noch auf die dunkle Seite der Macht ziehen zu lassen, zu Schweinchen Babe, dem Hessen-Hitler?
Klar, man kann.
Unter der dadaistisch verunglückten Nonsenszeile “Rot, rot, raus, rot, rot, rein” veröffentlichte der Tagesspiegel am 31. Oktober eine Generalabrechnung mit Andrea Ypsilanti. Ein wutentbranntes, haßerfülltes Pamphlet, daß rhetorisch und inhaltlich in die Lehming- und Casdorff-Kloake rauscht, wo die bräunlich trübe Brühe modert.
Als Erstes fällt auf, daß der Autor kaum konkret wird. Er vermeidet Quellen und Namen: “Einige sagen”, “Sagt ein Vertrauter”, “Sagt einer”, “Wirft man ihr vor”.
Wer sich so konsequent mit dem Nebel des Ungefähren umhüllt, wird seine Gründe haben. Ohne namentlich genannte Informanten muß man davon ausgehen, daß ihm der Vertraute bestenfalls im Traum erschienen ist. Oder auf dem Stichwortzettel der Chefredaktion. Der Autor könnte also seine Ypsilanti’sche Negativliste selbst erfunden haben.
Guter alter Borderline-Journalismus; schön, daß es dich noch gibt.
Liest man weiter, staunt man über die schockierenden psychologisierenden Befunde, mit denen Andrea Ypsilanti beschrieben wird. Der Autor rückt sie in die Nähe einer gestörten Person, die eher in psychotherapeutische Behandlung gehört als auf den Stuhl des Ministerpräsidenten:
Sie ist kaltschnäuzig, unsozial, berechnend, machtgeil, unfähig, widersprüchlich. Eine Kofferträgerin. Eine ehrgeizige Person, die in die Rolle des verletzlichen Rehleins schlüpft, was aber nur Berechnung ist.
Sie wäre nicht in der Lage, Geschlossenheit zu organisieren. Sie sei nicht fähig zur Kommunikation. Sie redet wirres Zeug. Sie bleibt gerne vage. Ihr Stil ist akademisch. Ihr fehle die Erdung. Alltag liegt ihr nicht. Reden sind nicht ihre Stärke, lange Sitzungsnächte ebenso.
Aus ihren Augen spricht Misstrauen. Sie legt Daumenspitze und Zeigefingerspitze zusammen, um ihre Zuhörer gleichsam aufzuspießen. Ihr Blick gleitet im Gespräch abwesend, unruhig, wachsam durch den Raum, als sondiere sie ein Schlachtfeld. Ihr Lachen knipst sie aus.
Um Andrea Ypsilantis politische Position eindeutig zu vernorden, wird ihr Foto subtil untertitelt: “Einsam am linken Rand. Andrea Ypsilanti, hessische SPD-Chefin.” Wer immer noch nicht kapiert hat, daß diese Frau eine Gefahr fürs Vaterland bedeutet, dem flüstert der Autor ins Ohr: Die linke Ypsilanti, Vorkämpferin der Linken in der SPD.
Und die Linkspartei ist für ihn nicht einfach links. Sie ist die Partei der Altkommunisten.
Doch plötzlich wird der Autor sehr konkret, geradezu geschwätzig. Er schwärmt von einer vernünftigen Stimme in der Hessen-SPD. Einem Bollwerk gegen linke Politik:
“Der 2. Dezember 2006 ist ihr bisheriger Karrierehöhepunkt. Sie wird Spitzenkandidatin für die anstehende Landtagswahl. Obwohl sie in der Mitgliederbefragung deutlich zurückliegt, legt sie ihre beste Rede hin – und gewinnt im zweiten Wahlgang knapp gegen den damaligen Fraktionsvorsitzenden Jürgen Walter, jetzt ihr schärfster Widersacher.
Politisch ist er am weitesten weg von der linken Ypsilanti, persönlich pflegt er die größte Abneigung. Er ist nicht dabei im geplanten Kabinett. Wirtschaftsminister hatte er werden wollen – Ypsilanti bot das Verkehrsministerium. Ein Affront. Unklug, stöhnen die Parteigenossen.”
Jürgen Walter ist Ypsilantis treuester Intimfeind. Wenn am Dienstag mehr als eine Stimme fehlt, werden sich alle Augen zuerst auf Walter richten. Der Autor, der sich über 165 Zeilen als abgrundtiefer Ypsilanti-Gegner positioniert, outet sich an dieser Stelle als Parteigänger des rechten SPDlers Walter:
“Vielleicht meint Ypsilanti, den feindlichen Herrn Walter ignorieren zu können? Dann wäre sie arrogant. Unglücklicher aber wäre es, wenn sie die Gefahr einfach nicht erkennt, die von mangelnder Verbindlichkeit ausgeht.”
Er warnt Ypsilanti ganz offen, sich mit Walter anzulegen. Für einen Artikel, der sich nicht als persönlicher, scharf pointierter Kommentar vom Rest der Zeitung abgrenzt, sondern als normaler redaktioneller Text erscheint, ist das eine erstaunliche Sache.
Wer ist der Autor?
Er heißt Christian Tretbar. Ende 2006 wechselte er als Volontär zum Tagesspiegel. Vorher war er fünf Jahre lang Pressesprecher der Bundestagsabgeordneten Nina Hauer (SPD).
Nina Hauer ist Vorsitzende des hessischen SPD-Unterbezirks Wetterau. Dort kandidiert im Wahlkreis 25 (Wetterau I) der Abgeordnete Jürgen Walter. Auf der Website des Unterbezirks Wetterau wird er stolz als prominentes Gesicht für Wetterau Süd präsentiert.
Ein früherer Pressesprecher der Vorsitzenden des hessischen Unterbezirks, in dem Ypsilantis ärgster Feind verwurzelt ist, macht im Tagesspiegel Stimmung gegen die mögliche Ministerpräsidentin. Politischer Lobbyismus in Reinkultur.
Nina Hauer verabschiedete ihren Presseadjunkt mit den Worten:
“Dem Tagesspiegel kann ich zu einem solchen Mitarbeiter nur gratulieren.”
Dem wird Holtzbrinck zustimmen. Rerum cognoscere causas.
2 Kommentare ↓
Schöner Artikel! Da die Forschung seit neuestem scheinbar feststellen kann, wie Schizophrenie im Hirn entsteht, kann es eigentlich nur noch eine Frage der Zeit sein bis man endlich versteht welches Enzym den Menschen fehlt die so aktiv Lobbyismus betreiben. Traurig nur das den meisten Menschen, beim Lesen des Artikels, dieser Unterton gar nicht aufgefallen sein wird.
Eine seriöse Zeitung hätte unter den Artikel geschrieben:
“Der Autor war von 2001 bis 2006 Pressesprecher der Abgeordneten und Vorsitzenden des Unterbezirks Wetterau, Nina Hauer (SPD). In diesem Unterbezirk hat auch Jürgen Walter (SPD) seinen Wahlkreis.”
Dann wäre als klar gewesen. So läßt man den Leser eben dumm sterben.
Mein Kommentar: