Unser Held Heilmann

Geschrieben von messitschbyburns am 17. November 2008 | Die Linke, Heilmann, Unsere Besten


Kennen Sie Lutz Heilmann? Wir auch nicht. Aber Heilmann ist ein Held, mindestens. Vielleicht sogar ein toller Hecht.

Am 13. November 2008 ließ er die Website www.wikipedia.de sperren. Mit einer einstweiligen Verfügung, der juristischen Fliegenklatsche des Klein- und Spießbürgers (Text hier vergrößern):

heilman_wikipedia_linke_sperre_s.jpg

Worum es im Detail geht, läßt sich schwer rekonstruieren. Zweifelsfrei steht nur fest, daß unser Held Heilmann DDR-Bürger und Parteienhopper ist. Er wurde 1966 in Zittau geboren und sprang von SED zu PDS zum Austritt zur Linkspartei. Seit 2005 ist unser Held Heilmann Mitglied des Deutschen Bundestages.

Als DDR-Bürger schleppt er eine DDR-Biographie mit sich herum. Auch für die Zeit zwischen 1985 und 1990. Offenbar streiten sich Spiegel und Lutze H. über die Deutung dessen, was er in dieser Zeit getan hat. In seiner offiziellen Biographie auf der Website des Bundestages schreibt unser Held Heilmann:

“1985 bis 1990 verlängerter Wehrdienst (Personenschutz MfS).”

Vermutlich diente Lutze H. im Wachregiment Felix Dzierzynski. Daraus bastelte der Spiegel am 14. Dezember 2005:

“Er ist der erste hauptamtliche Stasi-Veteran im Bundestag.”

Und im Wikipedia-Eintrag über Heilmann ist bis heute zu lesen:

“Im Oktober 2005 enthüllte Der Spiegel die von Heilmann bislang verschwiegene Stasi-Vergangenheit. Heilmann gibt bis heute öffentlich an, von 1985 bis 1990 einen ‘verlängerte[n] Wehrdienst (Personenschutz MfS)’ geleistet zu haben. Heilmann war nach Ableisten der allgemeinen Wehrpflicht von 18 Monaten für die Zeit bis 1990 als Berufssoldat beim MfS beschäftigt und verließ dieses erst, als es aufgelöst wurde.”

Aber nur auf wikipedia.org. Die einstweilige Verfügung des großen Helden juckt die internationalen Betreiber von Wikipedia nicht. Sie gilt nur für ihren deutschen Ableger.

Außer um die Stasi-Geschichte soll es auch um die Aufhebung der Immunität des Helden und um eine Bedrohung seinerseits gegangen sein. Er bestreitet beides, Bedrohung und Aufhebung der Immunität. Zur Frage der Immunität müßte eigentlich die Bundestagsverwaltung ein Statement verfassen können. So viel Abgeordnete wird es ja nicht geben, deren Immunität aufgehoben wurde.

Die Kaspereien über Immunität und Bedrohung sind auch auf wikipedia.org nicht mehr zu finden. Diesen Abschnitt haben Unbekannte gelöscht, von Rechnern des Bundestages aus. Vielleicht hat unser Held dort einen eigenen Fankreis.

Wir werden den Fall nicht lösen, aber das Schicksal von Lutze H. ist uns, ehrlich gesagt, ohnehin schnurz und schnuppe. Ein süßer kleiner Hinterbänkler dreht am Rad. So what.

Ja, aber!, werden Sie sagen, angenommen, die Behauptungen sind falsch — warum soll sich Lutze H. nicht wehren?

Soll er doch. Unser Held Heilmann kann seinen Anwalt beauftragen, dafür zu sorgen, daß falsche Behauptungen über seine Person auf wikipedia.de geändert oder gelöscht werden.

Als Atze Schröder 2007 wikipedia.de verklagte, weil dort sein bürgerlicher Name genannt wurde, verlangte Schröders Anwalt, daß im betreffenden Artikel der bürgerliche Name verschwindet oder die Weiterleitung von wikipedia.de auf die Seiten der Wikipedia zu unterlassen sei. Der Anwalt von Atze Schröder forderte nicht die Sperrung von Wikipedia.

Das ist der große Unterschied.

Oder würden Sie, liebe Leser, die Deutsche Bücherei in Leipzig schließen lassen, weil in deren Beständen eine literarische Ungenauigkeit über Ihre Person geführt wird?

Unser Held Heilmann hätte da wohl weniger Skrupel. Immerhin blockiert er auf einen Schlag über 800.000 deutschsprachige Artikel, von Aalräuchereien bis Zylinderstifte. Ziemlich viel für einen piesepampligen Egotrip. Eine Triebabfuhr im Puff hinterm Bundestag wäre für alle Seiten angenehmer gewesen.

Als Nebeneffekt schadet er der Partei Die Linke, und zwar gewaltig. Die sind jetzt die großen Vertuscher und Verschleierer, die Internet-Rambos und Stasi-Mauschler. Denn kaum jemand wird die völlig belanglose und unwichtige Provinznase Heilmann von seiner Partei Die Linke trennen.

Die Heise-Community hat schon reagiert. Sie schrieb bisher mehr als 1.700 Kommentare zum Fall Lutze H. vs. Wikipedia. Unser Held Heilmann hat also voll ins Schwarze getroffen. Auch, wenn er selbst das Schwarze ist und den ätzenden Hohn und süffisanten Spott der meisten Kommentatoren erdulden muß.

Das nennt man wohl Eigentor.

Inzwischen scheint unser Held Heilmann jämmerlich den Schwanz einzuziehen. Auf seiner Website ist nur noch ein holprig formulierter Text zu lesen (hier vergrößern):

heilmann_entschuldigung_s.jpg

Tränendrüsig kriecht Lutze H. zu Kreuze, will keine weiteren juristischen Schritte gegen Wikipedia unternehmen, entschuldigt sich bei den ausgesperrten Wiki-Nutzern und will mit Wikipedia “nach anderen Wegen suchen, um den offenen und freien Charakter von Wikipedia so weiter auszugestalten, dass Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben.”

Über die Aussicht auf Zusammenarbeit mit Lutze H. wird sich der Wikipedia e.V. bärisch freuen.

heilmann_mit_ring_im_ohr_s.jpg

Der Mann, der über 800.000 deutschsprachige Webseiten
sperren ließ, weil … äh … ach, fragen Sie ihn selbst:

lutz.heilmann@bundestag.de

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