Es war alles kaputt. Wirklich alles.

Geschrieben von messitschbyburns am 21. November 2008 | DDR, Frühstück, Röhricht, SPD, Tiefensee, Tiefensee


Grüßaugust Tiefensee wollte zum 19. Jahrestag des Mauerfalls eine sorgfältig lektorierte Parteitagsrede halten. Das stößt normalerweise auf geringes Interesse. Tiefensee ist der personalisierte Schluck Wasser, durch den man hindurchblickt wie durch ein Wölkchen aus Nichts. Würden Sie, liebe Leser, mit dem Inhalt ihres Zahnputzbechers reden?

Doch wie das Leben so spielt: Es fanden sich zwei Gestalten, die für ein buntes Schnittchen und ein billiges Foto mit dem Grüßaugust die Kulisse für Tiefensees großen Auftritt stellten. Sie taten so, als wären sie Interviewer.

Das waren sie natürlich nicht. Sie stützten bedeutungsschwer das Kinn in die Hand, dackelblickten zum Grüßaugust und mampften ihre belegten Brote.

Der sogenannte Minister Tiefensee ist ja kein begnadeter Politiker. Er ist auch kein faszinierender Redner, Denker oder Organisator. Als er aus seinem Leipziger Oberbürgermeisteramt nach Berlin floh, rauchten hinter ihm die Trümmer; schaurige Resultate aus gescheitertem Größenwahn und desaströser Kommunalpolitik.

Das ficht unseren einfältigen August nicht an. Wo ER ist, ist vorn. Also diktierte er den schlemmenden Pappnasen1 ein paar Worte über die DDR ins Mikrofon, für die ihn jeder denkende Mensch laut ausgelacht hätte:2

“Wenn ich 2008 mit 1990 vergleiche, ist die Aufbauleistung immens. Es war doch alles kaputt - jedes Haus, jede Straße, jedes Krankenhaus, jede Schule.”

Wirklich und ehrlich, alles war kaputt. Die Montagsdemos schwebten wie eine Magnetschienenbahn über dem Leipziger Sumpf, vorbei an Hologrammen angeblicher Häuser, Schulen und Krankenhäuser. Und der Hauptbahnhof, die Oper und die Ringbebauung, vor denen die Demo -zigfach fotografiert und gefilmt wurde, bestanden in Wahrheit aus dünner Pappe, vom Regen durchweicht und leicht als Potemkinsches Dorf zu durchschauen.

Und dann dieses politische Scheinsystem:

“Das ist das, was wir in der DDR vermisst haben: Freiheit ist auch die Wahl zwischen Alternativen. Das finde ich erfrischend.”

Heute gehört die Wahl zwischen Alternativen zum Einmaleins der Demokratie. Ganz erfrischend in Hessen zu erleben.

Überhaupt ist heute alles besser. Eine paradiesische Welt, in der sich der Grüßaugust einrichten darf:

“Wir leben, verglichen mit anderen auf der Weltkugel, in paradiesischen Zuständen. Das mag individuell anders sein, aber die Bedingungen für unser Volk in Ost und in West sind hervorragend: Der Tisch ist gedeckt, die Straßen sind sicher, wir können unsere Kinder gut bilden.”

Wenn man die Vergleiche nur weit genug herholt, hat der Grüßaugust recht. Bangladesch böte sich zum Beispiel an, oder Somalia und Eritrea. Bleibt man aber in vergleichbaren Gegenden — z.B. in Westeuropa –, hat der sogenannte Minister das Heer der Niedriglöhner, die wachsende prekäre Schicht, die zunehmende Altersarmut und den eklatanten Bildungsnotstand in Deutschland verdrängt.

Das ist auch nicht verwerflich. Wer eben erst beim Lügen ertappt wurde, spinnt sich schon mal in einen eigenen Kokon ein. Und alles wäre prima, paletti und bonbonfarben, wenn die Miesmacher von der Linken nicht immer und immer in den Wunden rühren würden. Ja, kann man sich denn nicht mal in aller Herrgottsruhe seine Welt schönreden?

Da hilft wohl nur ein autosuggestives Stoßgebet:

“Aber auch in Ostdeutschland wählen rund drei Viertel der Menschen nicht die Linkspartei, das bitte ich zu beachten.”

Sie wählen aber auch nicht die SPD. Das bitten wir zu beachten.

devotes_palaver_mit_tiefensee.jpg

Zwei Pseudojournalisten bei der Arbeit:
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

  1. Der eine heißt Tom Röhricht (links im Bild), ein Ludenface aus dem Hause Springer, der auf der offiziellen Website mit gegelter Beklopptenlocke in die Kamera starrt, als suche er dahinter den Sinn seines würmigen Daseins. Der andere ist Gerold Büchner, der von der Süddeutschen Zeitung zur Berliner Zeitung wechseln durfte. []
  2. Außer unseren Wir-tun-mal-so-als-ob-Journalisten, die während Tiefensees Traumreise keine — wir wiederholen — keine kritischen Fragen stellten. []

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