Lernen mit SPON. Heute: Über Tote nur Gutes

Geschrieben von messitschbyburns am 25. November 2008 | DDR, Lernen mit SPON


Ein tapferes kleines Knallbonbon versucht auf SPON, den hausinternen Dauerbrenner “Mauerschützen” vor dem sanften Verröcheln zu bewahren.

Das Knallbonbon heißt Sebastian Fischer, lebt in München und trägt den barocken Titel Landeskorrespondent Bayern. Das klingt wie Erster Eunuch bei Hofe und ist wohl auch so gemeint.

Das tapfere kleine Knallbonbon rechnet mit Klaus-Dieter Baumgarten ab, dem letzten Chef der Grenztruppen der DDR. Baumgarten wurde 1996 wegen elffachen Totschlags und fünffachen versuchten Totschlags an DDR-Flüchtlingen zu einer Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren verurteilt.

Er hatte zwar niemand totgeschlagen, aber so kleinlich wollen wir nicht sein. Und die launige Anwendung oder Nichtanwendung des Rückwirkungsverbotes vor bundesdeutschen Gerichten ist Ihnen, liebe Leser, inzwischen bekannt. Auch Baumgarten wurde zum Verhängnis, kein Nazi gewesen zu sein.

Im März 2000 durfte Baumgarten das Gefängnis vorzeitig verlassen. Er starb im Februar 2008. Das hätte er nicht tun dürfen.

Denn Baumgarten war Mitglied im Bundeswehrverband. Der Verband würdigt in seiner Zeitschrift seine verstorbenen Mitglieder — im Mai 2008 auch Generaloberst a.D. Klaus-Dieter Baumgarten.

Ein Affront!, meint SPON. Hier muß enthüllt werden, was enthüllt werden muß!

Das ist die Stunde des Landeskorrespondenten aus Bayern. Niemand ist prädestinierter, über Baumgarten, die Grenztruppen der DDR und alles, was damit zusammenhängt, vorurteilsfrei zu berichten als das tapfere kleine Knallbonbon. Denn von München aus — immerhin heimliche Hauptstadt Deutschlands und echte Hauptstadt der Bewegung — hat man einen historisch ungetrübten Blick auf die Soffjetzone.

Das tapfere kleine Knallbonbon gibt sich redlich Mühe, die Phrasenliste der Abteilung Agitation und Propaganda seines Dienstherren Bertelsmann-Spiegel abzuarbeiten. Standards wie “Minen, Mauerschützen, Stacheldraht”, “zweite deutsche Diktatur”, “DDR-Totschläger”, “bigotte Selbstrechtfertigung”, “hämische Freude” und “unbelehrbar” streut er gleichmäßig über seinen Schulaufsatz. Dafür hat er sich zehn Minuten Nackenkraulen auf dem Schoß von Claus Christian Malzahn verdient.

Denn wo kämen wir hin, eines toten Menschen zu gedenken, der zwar niemand erschossen oder erschlagen hat, der 1989 seine Grenzregimenter nicht gegen das eigene Volk marschieren ließ, der aber auf ewig — auch über das eigene Ableben hinaus — mit der Schmach der falschen Uniform gestempelt ist?

Schließlich gilt noch immer die Doktrin von 1985, als Dr. Helmut Kohl in aller Öffentlichkeit postulierte, welche Soldaten in Deutschland zu ehren sind:

kohl_bitburg_s.jpg

Er verbeugte sich vor den Gräbern von Wehrmachtssoldaten und Angehörigen der Waffen-SS. Zwar wurde die Waffen-SS 1946 in den Nürnberger Prozessen als verbrecherische Organisation verboten, aber das ist Schnee von gestern.

Über die Toten von Bitburg nur Gutes, meint Dr. Helmut Kohl.

Und nun sagen Sie selbst: Lagen in Bitburg tote Sozialisten und Kommunisten?

Sehen Sie.

2 Kommentare ↓

#1 Helge Braak am 27.11.08 um 12:43

Ich lese diesen Blog sehr gerne und in vielen Punkten bin ich 100%ig Ihrer Meinung. Ab und zu gibt es aber auch Artikel, über die ich mich wirklich ärgere, z.B. diesen hier.

Wenn Nazis nach dem 2. Weltkrieg nicht oder nicht ausreichend verfolgt wurden, ist das doch kein Grund, jetzt (oder nach der Wende) auch “kommunistische” Verbrecher aus der ehemaligen DDR nicht zu verfolgen.
Wenn es nicht der Fall sein sollte, dass man aus der Geschichte gelernt hat, sondern es einfach eine Ungleichbehandlung zwischen linken und rechten Straftätern gab und gibt, dann sollte man das anprangern, aber um zu erreichen, dass Nazis ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, anstatt so zu tun, als ob es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit wäre, dass DDR-Verbrecher verurteilt werden.
Und dass es in jedem Rechtsstaat grundsetzlich ein Verbrechen sein muss (Rückwirkungsverbot hin oder her), wegen “Republikflucht” auf Menschen zu schießen, versteht sich von selbst. Sicher wird es andere Fälle geben, die ähnlich eindeutig sollten, die aber nicht verfolgt werden, aber dann ist wieder das das Problem.

Ich kann auch verstehen, dass man sich darüber ärgert, dass im Westen so getan wird, als sei in der DDR alles schlecht gewesen und vor allem alles schlechter als in der Bundesrepublik. Das war sicherlich nicht so. Das sollte aber nicht dazu führen, dass man sich plötzlich verfolgt fühlt oder auch die Dinge verteidigt, die ganz sicher nicht gut waren. Im Eintrag zum Kinderkanal schreiben Sie z.B.:

” ‘Früher gab es zwei deutsche Staaten: Im Westen war die Bundesrepublik Deutschland, im Osten gab es die Deutsche Demokratische Republik, kurz DDR.’

Gut gemacht, Kim. Vor allem dein konsequenter Verzicht auf das Kürzel BRD, den du bis zum Ende der Moderation durchziehst. Die Abkürzung BRD war in der BRD unerwünscht, weil sie in der DDR benutzt wurde. Einen Rest Kalten Krieges sollte man den Kindern nicht ersparen.”

Klar könnte man auch das Kürzel BRD erwähnen, aber wenn man es nicht tut, ist der logische Grund dafür einfach der, dass man die Staaten so nennt, wie sie sich selbst genannt haben. Das ist eine völlig neutrale Vorgehensweise. Hätte die DDR sich ausschließlich als “Deutsche Demokratische Republik” bezeichnet und die Abkürzung DDR nicht selbst verwendet, und heute würde man im Kinderfernsehen von der Bundesrepublik und der DDR sprechen, dann müsste man das kritisieren. So nicht.

Im selben Artikel kritisieren Sie dann noch, dass die “Staatsgrenze zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Selbständigen politischen Einheit Westberlin” in dem Beitrag für Kinder als “Mauer” bezeichnet wird. Diese Grenze war aber eine Mauer. Und die Mauer war deswegen da, damit niemand die Grenze von Osten nach Westen überschreiten konnte, nicht umgekehrt. Und in vielen Fällen, in denen es doch versucht wurde, wurde geschossen.
Wenn man das verharmlost, z.B. indem man den Begriff “Mauer” bemängelt oder die Verurteilung von Verantwortlichen für die Mauertoten, macht man sich nur lächerlich und gibt dem typischen SPON-Leser ideale Argumente, um diesen ganzen Blog pauschal abzutun.

#2 admin am 27.11.08 um 15:35

Hallo und erst mal danke für den ausführlichen Kommentar.

Zu Baumgarten: Seine Funktion als sehr großes Rad im DDR-Getriebe soll nicht verharmlost werden. Die Aufregung bei SPON um seine Erwähnung im offiziellen Nachruf für Mitglieder des Bundeswehrverbandes ist aber nicht nur lächerlich, sie ist geradezu grotesk.

Die Bundeswehr stellt zur Beerdigung von Alt-Nazis wie Filbinger eine Ehrenformationen und beteiligte sich bis vor kurzem mit Abordnungen an Treffen von Wehrmachts-Traditionsverbänden. Einige Kasernen tragen heute noch Namen von Nazi-Generälen, und in manchen Traditionskabinetten werden immer noch die Andenken an die Vorläufer-Kompanien des Dritten Reiches aufbewahrt.

Auf der anderen Seite wird das Grenzregime der DDR, das ja, jenseits aller Polemik, letztlich eine Grenze zwischen zwei Staaten und zwei Machtblöcken war, zum barbarischen, mörderischen Etwas dämonisiert. Man instrumentalisiert die Toten an der DDR-Grenze in einer Weise, die in keinem Verhältnis zum tatsächlichen Grenzregime steht.

Die periodische Aufregung um den Schießbefehl (der sicher vor der Wahl 2009 wieder eine Rolle spielen wird) zeigt, wie sehr man sich bemüht, den Grenztruppen einen quasi-mörderischen Touch zu verleihen. Dabei spielt es offenbar keine Rolle, daß in jedem zivilisierten Staat der Umgang mit der Schußwaffe per Gesetz geregelt wird, und das für reguläre DDR-Einheiten (nach heutigem Stand) niemals pauschale Tötungsbefehle erlassen wurden. Ein Grenzsoldat knallte keinen Flüchtling ab für eine Armbanduhr und Sonderurlaub. Das gibt es nur in der Welt von Hubertus Knabe.

Damit soll nicht die Tragödie der Toten verharmlost werden. Wer für sich keinen anderen Ausweg sah, als die Grenze direkt zu überqueren und dabei erschossen wurde, muß in ehrendem Gedenken gehalten werden. Das ist keine Frage.

Zum Kinderkanal: Das Kürzel “BRD” wurde in der BRD meines Wissens aus ideologischen Gründen nicht verwendet. Ich kann Ihnen auf die Schnelle nur den Wiki-Link anbieten, habe darüber aber schon mehrere Artikel mit gleicher Aussage gelesen:

http://de.wikipedia.org/wiki/BRD#Abk.C3.BCrzung_in_der_Deutschen_Demokratischen_Republik

Insofern würde ich nicht von Neutralität sprechen, wenn vor 1989 in der Bundesrepublik nicht “BRD” gesagt wurde (siehe “kommunistisches Kürzel” im Link). Wenn nun der Kika diese Praxis beibehält, dann transportiert er diese Kalte-Kriegs-Ideologie in die Gegenwart. Das kann durchaus unbewußt geschehen, weil der Redakteur damit aufwuchs und entsprechend sozialisiert wurde.

Unsere Überbetonung der Grenze als Staatsgrenze zwischen DDR und BRD bzw. DDR und Westberlin war eher als polemisches Gegenstück zum saloppen Wort “Mauer” gedacht. Natürlich war das Bauwerk eine Mauer, aber die Mauer war eben auch eine Staatsgrenze. Man kann Kindern durchaus erklären, warum die Grenze wirklich dicht gemacht wurde. Kinder sind ja nicht blöde.

Wenn Ihnen die Antwort nicht genügt, dann sagen Sie uns bitte Bescheid. Wir sind dank Heise seit Jahren diskussionserprobt :)

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