TV On The Radio: Dear Science

Geschrieben von messitschbyburns am 26. November 2008 | Hörsturz, TV On The Radio


TV On The Radio
“Dear Science”
(p) 2008, Touch an Go Records

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Ein paar Wochen lang kamen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wohin man auch blickte, wurde — zum wievielten Mal eigentlich? — die Zukunft der Popmusik ausgerufen. Ein Raunen und Rauschen erhob sich, das zum brausenden Orkan anschwoll: TV On The Radio! TV On The Radio! TV On The Radio!

Nun ja. Gönnen wir den Berufsjublern ihre 30 Silberlinge. Dear Science ist trotzdem nicht die Zukunft der Popmusik.

Wie Sie wissen, liebe Leser, sind wir bekennende Wanderprediger für die Verbreitung der Botschaft der heiligen Dreifaltigkeit David Sitek, Tunde Adebimpe und Kyp Malone. Die dürftigen Klimmzüge von Starlet Johansson waren uns ein willkommener Anlaß, die fabelhafte Band TV On The Radio und ihren Mastermind David Sitek zu würdigen und zu lobpreisen. Wir verschenkten die CDs Young Liars (2003), Desperate Youth, Blood Thirsty Babes (2004) und Return to Cookie Mountain (2006) an Freunde und Bekannte, mit dem diskreten, aber unmißverständlichen Hinweis: Mußt du hören!

Dear Science werden wir vielleicht empfehlen. Aber nicht mehr verschenken.

Natürlich kann man sagen: Großartig, wie sie es schaffen, noch eins draufzusetzen! Mehr Gesang, mehr Streicher, mehr Bläser, mehr von allem! Tatsächlich sind die Stimmen von Tunde Adebimpe und Kyp Malone klarer als zuvor. Die vokale Nähe zu Peter Gabriel ist weniger präsent, und die leichthändige, perfekte Vernüpfung scheinbar aller Musikstile, die an TVOTR vorübertanzen, macht ihnen sowieso keiner nach.

TVOTR sind Groove und Dance und singendes Archiv. Eine Gulaschkanone der populären Musik, in der alles verrührt wird, was stilprägend war und ist, von Motown, Prince, Peter Gabriel, David Bowie bis Arcade Fire. Es wäre aber völlig sinnlos, die Songs von TVOTR zu sezieren und aufzuzählen, welche Vorbilder man an welcher Stelle erkannt hat (oder zu erkennen glaubt). TVOTR plagiieren nicht; sie nehmen das Beste aus allen Epochen, kneten es wie Lehm in Gottes Hand, behauchen es mit ihren Atem, werfen es in die Luft und lassen es flattern. Es schüttelt sich, entfaltet seine noch feuchten Flügel und fliegt davon, in jedes Ohr, das hören will. Es ist ihr eigener Sound.

Das weiß man aber seit ihrer EP Young Liars. Auch der jenseitig funkelnde, atemberaubende, mehrstimmige Gesang, mit dem sie 2003 in Staring At The Sun ein radikales Ausrufezeichen setzten, gehört zum Art-Konzept von TVOTR. Denn TVOTR sind keine Band, die zufrieden ist, daß ihnen auf dem Klo eine geniale Hookline einfiel. Sitek, Adebimpe und Malone formulieren Ansprüche an sich und ihre Musik, von denen andere Musiker nicht ahnen, daß sie existieren.

Womöglich kommt aber auch der genialste Arrangeur einmal an den Punkt, an dem er seine polyrhythmisch verzwackte Tanzmusik um den verzwackten Teil kürzen will. Vielleicht, weil es eine Sache ist, Liebling des Feuilletons zu sein, eine ganz andere aber, seine Miete zu bezahlen. Ein Platz in den Top Ten würde letzteres immerhin erleichtern.

Sicher, das ist Spekulation. Warum Sitek (guit, samples, programming), Adebimpe (voc), Malone (voc, guit), Gerard A. Smith (b, org, synth) und Jaleel Bunton (dr, org, synth) mit Dear Science einen familienkompatiblen Weichspüler produziert haben, wissen wir nicht. Angeblich sollen diesmal sehr viel Pilze eingeworfen worden sein, um die Stimmung zu heben. Wenn das stimmt, dann waren es die falschen Pilze.

Die aggressiv marschierenden Electro-Synthie-Miniopern, die den Hörer überrumpelten und elektrisierten, sind teilweise einem gefällig schunkelnden Schwiegermuttersound gewichen. Family Tree und Love Dog kann man auch unterm Weihnachtsbaum spielen, gleich nach Frank Schöbel & Aurora Lacasa. Da summt sogar die Oma mit.

Dear Science ist Pop. Doch so schrecklich sich dieses Wort für eine Ausnahmeband wie TVOTR anhört, so schrecklich ist die CD dann doch nicht. Red Dress, Lover’s Day, Stork And Owl, Shout Me Out und Crying sind unwirklich schön, sie sind funky und groovy, die Band swingt und vibriert so wundervoll, daß man sich mit dem Milchreisbabbel, der zuweilen wie ein Friedensangebot an die Kukidentgeneration über die CD suppt, leichten Herzens versöhnen kann.

Trotzdem bleibt kaum etwas hängen. Wenn Sie uns nicht glauben, dann testen Sie sich selbst. Hören Sie die CD und versuchen Sie, sich spontan an einen Titel zu erinnern. Nicht gerade an den letzten, den hat man automatisch im Kopf. Und während Sie überlegen, legen Sie Young Liars ein und wiederholen Sie das Spiel. Lassen Sie sich überraschen.

Ein merkwürdiges Detail an Dear Science ist das Rätsel des verschwundenen Kommas. Eigentlich sollte die CD Dear Science, heißen, mit Komma, wie eine persönliche Anrede in einem Brief.

Das Komma ist verschwunden. Warum? Das wüßten wir wirklich gern.

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TVOTR früher. Kyp Malone trägt Afro und Vollbart.

TVOTR heute. Kyp Malone trägt nur noch Brusthaar.

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