Elbow: The Seldom Seen Kid

Geschrieben von messitschbyburns am 26. November 2008 | Hörsturz


Elbow
“The Seldom Seen Kid”
(p) 2008, Fiction Records

elbow_seldom_kid_cover_s.jpg

Peter-Gabriel-Gedächtnis-Pop für Schlafgestörte.

Guy Garvey, Elbow-Sänger mit Hang zum theatralisch-depressiven Schlafzimmerblick, lebt mit dem Fluch der bekannten Stimme. Öffnet er den Mund zum Singen, hört man Peter Gabriel.

Dieses Schicksal teilt er mit Kyp Malone. Aber während Malone und TVOTR eine ambitionierte, experimentelle und beglückende Musik komponieren, klingt Elbows The Seldom Seen Kid, als würden sie sich um die Aufnahme in die Kuschelrock-Endlosserie bewerben.

Der erste Song Starlings beginnt mit der seit den Beatles (A Day In The Life) beliebten kakophonischen Geräuschkulisse. Aber nur kurz (man will ja keine Käufer verschrecken), dann perlt im Hintergrund ein leises, gelooptes Keyboard. Moment!, denkt der Hörer, das ist doch … und schon singt Peter Gabriel, begleitet von Tony Banks. Am Broadway brennt wohl doch noch Licht.

Nicht nur der frühe Gabriel wird abgeschöpft. Der Titel Mirrorball ähnelt Peter Gabriels späten Songs auf UP, seiner letzten, äußerst kreativen Phase. Schade, daß es UP schon gibt.

Dabei sind Elbow nicht auf Peter Gabriel fixiert. In den Songs The Bones Of You und An Audience With The Pope ahmen sie exakt den warmen Sound der Masters Of Reality nach, zu hören auf deren CD Deep In The Hole. Auch die gibt’s schon.

On A Day Like This klingt wie von Wrong Way Up inspiriert, der legendären CD von Brain Eno und John Cale. Erschienen 1990.

Grounds For Divorce ist Peter Gabriel plus Masters Of Reality. Wheather To Fly ist Peter Gabriel, gemixt mit David Bowies sakralem Alterswerk Heathen. The Loneliness Of A Tower Crane Driver ist Peter Gabriel im Dreivierteltakt, dafür ohne David Bowie.

So geht es Song für Song, und irgendwann schläft man friedlich ein. Denn Elbow schlurfen im Zeitlupentempo über eine gezuckerte Allee und ruhen sich an jedem Marzipanbrot, jeder Nougatstange und jedem kandiertem Apfel aus. Es zieht sich und schleppt sich.

Elbow sind nicht die ersten, die glauben, es genüge, das Tempo zu verschleppen, um herzergreifende Lieder zu schreiben. Ein fataler Irrtum. Langsame Musik kann spannend sein, wenn man es kann. Elbow können es nicht. Sie produzieren schmalztriefenden Kitsch.

Eine Ausnahme vom seichten Geplätscher ist das flottere The Fix, das tatsächlich nicht nach Gabriel, Bowie oder Masters Of Reality klingt. Sondern nach Mark Lanegan.

The Seldom Seen Kid wurde 2008 mit dem Mercury Music Prize für das beste britische Musikalbum des Jahres ausgezeichnet. Man kann sich vorstellen, wie die Juroren gemütlich im Takt nickten und die CD der ebenfalls nominierten Radiohead in die Ecke feuerten. Viel zu hektisch für ältere Herrschaften.

Wer hört diese Musik? Sie werden staunen, liebe Leser: Als Elbow-Fans sind u.a. U2 und R.E.M. bekannt. Und als wäre das nicht Strafe genug, spielten Elbow freiwillig als Vorband vor R.E.M.

Sag mir, wer deine Freunde sind …

elbow_band_s.jpg

Textvorschlag für Elbow:

“Kinder, liebe Kinder,
das hat mir Spaß gemacht.
Nun schnell ins Bett und schlaft recht schön,
dann kann auch ich zur Ruhe gehn,
ich wünsch euch gute Nacht!”

Keine Kommentare ↓

Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.

Mein Kommentar: