Wolfgang Thierse war in seinem Leben schon eine ganze Menge: Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Abgeordneter, Parteivorsitzender, Parlamentspräsident, stellvertretender Parteivorsitzender, Ossibär, Volkstribun, Doktorant, Querulant, Replikant, Wahlverlierer gegen Stefan Heym und Petra Pau, Biermann-Freund, PdR-Feind, Kämpfer gegen das Wort “Reichstag” und verspäteter Grabredner für Hannelore Kohl. Momentan ersesselt er sich seine Rentenansprüche als Vizepräsident des Deutschen Bundestags.
Doch immer nur im gähnend leeren Reichstags-Sitzungssaal für 10 Hinterbänkler das Glöckchen zu schwingen und darauf zu achten, daß das Wasserglas auf dem Rednerpult stets frisch gefüllt ist, kann das Leben unseres bodenständigen, erdverwurzelten und bürgernahen Wahlberliners nicht ausfüllen. Lieber mischt er sich unter seine Mitmenschen, geht raus in die Welt und spaziert sonnabends über den Öko-Markt in der Wörther Straße am Kollwitzplatz, Prenzlauer Berg.
Denn dort, wo Zugereiste und Touristen Berlin am berlinischsten glauben, während sie aufgeregt in ihrem 8-Euro-Espresso rühren, lebt unser liebenswert-knuffiges Zottelchen als Mietnormalo wie du und ich. Statt sich wie andere High Performers in weißen Villen hinter dichten Hecken und automatisch versenkbaren Gartentoren zu verschanzen, wohnt unser uriger Zausel mittenmang im prallen Leben, in der Knaackstraße, auf der anderen Seite des Kollwitzplatzes, Prenzlauer Berg.
Hier schaut er dem Volk aufs Maul, saugt mit wohligem Genuß den urbanen Duft der Straße ein, labt sein Ohr an der frühmorgendlichen Symphonie der rumpelnden und scheppernden Mülltonnen und taucht mit all seinen Sinnen ganz tief ein in das quirlige Sausen und Treiben, Hupen und Quietschen, Singen und Lallen, und natürlich in die hochfrequenten Schreie der munteren Kinder, die sich auf dem Spielplatz zu Füßen von Mutter Kollwitz ein tägliches Stelldichein mit den Justins, Kevins, Jessicas und Jennifers der anderen spätgebärenden Mütter geben.
Und so stößt unser Seelenstreichler allmorgendlich sein Fenster auf, winkt dem Wahlvolk zu und denkt sich im Stillen: “Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!”
Bis eines Tages — der Markt am Kollwitzplatz direkt vor seinem Fenster lärmte! Die Buden hatten sich von der Wörther Straße fortbewegt und in Thierses Knaackstraße eine neue Heimat gefunden. Denn die Wörther Straße ist nun eine verkehrsberuhigte Zone, ohne Platz für Currywurst und Ökobrot.
Zwar konnte die Bauarbeiten nur übersehen, wer blind durchs Leben läuft und keine Zeitung liest, in der die Umgestaltung der Wörther Straße über Monate debattiert wurde. Unser struppiger Diddlbär hätte wohl eher Anlaß gehabt, mit sich selbst ins Gericht zu gehen, sich einen vergeßlichen alten Tropf zu schimpfen und ansonsten das Leben seiner Mitmenschen noch mehr zu genießen, weil es nun quasi in seinem Wohnzimmer stattfand.
Aber so dachte nicht unser Wölferl. Nicht mit ihm! Er empörte sich gewaltig. Oder, wie meine Mutter sagen würde: Wer keine Sorgen hat, der macht sich welche.
Unser kleines Rumpelstilz schnappte sich einen offiziellen Briefbogen des Bundestages. Darauf formulierte er eine geharnischte Beschwerde. Nicht als Bürger Thierse vom Kollwitzplatz, sondern als Vizepräsident des Deutschen Bundestages Dr. Wolfgang Thierse (MdB). Er wütete über Täuschungen der Anwohner und darüber, daß “demokratische Gremien nicht angemessen einbezogen” worden seien. “All das halte ich für höchst befremdlich!” Ausrufezeichen!
Ob unser Ossifant ein Volksbegehren initiiert? Oder eine Bürgerinitiative “Freie Knaack für freie Bürger”?
Möglicherweise stapft Dr. Wolfgang Thierse auch als Ein-Mann-Montagsdemo rund um den Kollwitzplatz und muntert seine Mitmenschen per Megaphon zum zivilen Ungehorsam auf: “Wörther immer, Knaack nimmer!” oder “Geht doch nach drüben!”
Das Leben als Politiker im populistischen Streichelzoo am Kollwitzplatz ist eben komplizierter, als gewünscht. Oder, wie meine Mutter sagen würde: Man hat’s nicht leicht, aber leicht hat’s einen.

Wir wissen nicht, was sein Arzt empfiehlt.
Wir empfehlen ein gutes Buch Spiel.
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