Selbstverstümmelung vor laufender Kamera [Stasi-Update]

Geschrieben von messitschbyburns am 01. Dezember 2008 | Bommarius, Knabe, Rogalla, Selbstverstümmelung, Thomas Leinkauf


Vorläufig letzter Vorhang in der Burleske “Alles Stasi, außer Rogalla Mutti”. Mit großem Getöse druckte die Berliner Zeitung am 26. November 2008 eine ganzseitige Buchstabensuppe unter der Überschrift: “Bericht des Ehrenrats der Berliner Zeitung”

Was wie das Protokoll eines Parteiverfahrens gegen ein paar Genossen klingt, die sich einen Zentimeter von der allwissenden Linie der guten Mutter SED entfernt haben, war auch so gemeint.

Ein Femegericht wurde inszeniert.

Die vier Freischöffen hießen: Adolf Endler, Thomas Langhoff, Peter Busse und unser Held Eppelmann. Vier alte Männer, deren Qualifikation, über Dritte zu urteilen, offenbar darin bestand, daß ihr Lebenslicht nur noch trübe funzelt, sie also nichts mehr zu verlieren haben, falls sich ein Betroffener wehrt und es zur Klage kommt. Senioren können leichter auf Prozeßunfähigkeit plädieren. Wenn sich Eppelmann vor Gericht einpinkelt, kann er bestimmt nach Hause gehen.

Die gerontologischen Vier gaben bekannt:

Thomas Leinkauf und Ingo Preißler dürfen in der Redaktion bleiben, aber nie wieder Chef werden. Beide hatten sich als IMs geoutet.

Andreas Förster und vier seiner Kollegen, die im Wachregiment “Felix Dzierzynski” dienten, werden nicht gehenkt. Man gestattet ihnen sogar, in der Redaktion zu arbeiten, ohne ein Schild tragen zu müssen, auf dem steht: “Wir sind nach dem StUG als hauptamtliche Mitarbeiter zu qualifizieren.” Der Name Förster wird zwar im Bericht verschwiegen, ist aber am 1. November 2003 von der Berliner Zeitung selbst veröffentlicht worden. Die Namen der anderen vier, die bisher nicht öffentlich gemacht wurden, könnten wir auch nennen, aber dazu fehlt uns der Spaß an der Feme.

Lokalredakteur Tomas Morgenstern, der sich ebenfalls als IM offenbarte, hat im August gekündigt. Politikredakteur Roland Heine — auch er war IM — darf nicht mehr Politikredakteur sein. Daß wir diese Entscheidung bedauern, wissen Sie bereits, liebe Leser. Nicht, weil wir IMs ins Herz geschlossen haben, sondern weil Roland Heine im dunklen Muff des immer mehr nach rechts driftenden Politikressorts der Berliner Zeitung durch seine klugen Kommentare und fundierten Analysen leuchtete.

Kennen Sie eigentlich das Champignonprinzip? Das war ein probates Mittel der betrieblichen Leitung und Lenkung in der DDR. Es funktionierte denkbar einfach: Wer herausragt, wird geköpft. Das fiel uns eben wieder ein. Keine Ahnung, warum.

So endet also die Kampagne, die unser Held Knabe über seine Freundin Marianne und sein Hausblatt Welt Anfang des Jahres losgetreten hat, wie das Hornberger Schießen. Denn Thomas Leinkauf, Knabes eigentliches Haßobjekt, war nicht rauszuwerfen. Alle anderen, die im Rapport des Femegerichts genannt werden, sind nur Kollateralschäden dieser rein privaten Fehde Knabe vs. Leinkauf.

Als Ossiphob Bommarius versuchte, in Knabes Windschatten Thomas Leinkauf abzuschießen, unterstellte er ihm öffentlich und medienwirksam “eindeutige Diffamierungstendenzen”. Gemeint waren ein Leinkauf-Artikel über Jenny Gröllmann und Paul Kaisers fulminante Demaskierung des grausigen Knabe, deren Veröffentlichung Leinkauf zu verantworten hatte.

Konsequenterweise müßte Bommarius nun seinen Hut nehmen. Er wird ja wohl nicht mit einem Diffamierer arbeiten wollen. Aber dafür ist Bommarius, der hinter vorgehaltener Hand als kleiner Choleriker belächelt wird, nicht Manns genug. Es sei denn, morgen ruft die Süddeutsche Zeitung an. Dann könnte er gehen und gleichzeitig so tun, als zeige er Rückgrat.

Bei der Gelegenheit möchten wir mit einem Gerücht aufräumen: Wir stehen weder mit Thomas Leinkauf in Verbindung, noch beziehen wir von ihm Informationen. Sein Fall interessiert uns ausschließlich als Exempel, wie ein Gemisch aus Intrige, Eitelkeit, Rachsucht, westdeutschem Herrenmenschentum, ostdeutscher Duckmäuserei und kollegialem Futterneid explodieren und sich als giftiger Fallout über Menschen legen kann, die über Nacht von geachteten (nicht geliebten — Leinkauf war in der Redaktion nie Everybody’s Darling) Kollegen zu Parias werden.

Kommen wir zum eigentlich interessanten Teil des Freischöffen-Berichts. Er beginnt mit den Worten:

Die Enttarnung von zwei leitenden Redakteuren der Berliner Zeitung als Inoffizielle Mitarbeiter (IM) der Staatssicherheit der DDR im März 2008 brachte die Berliner Zeitung in die Schlagzeilen.”

Ingo Preißler gab seine IM-Tätigkeit erst im März 2008 bekannt, das stimmt. Aber Leinkauf nicht. Er hatte sich 1996 selbst enttarnt. Wir wollen diese Story nicht endlos wiederholen; Sie können sie hier noch einmal lesen. Und während Sie lesen, kommen Sie vielleicht ins Grübeln, was man von einem Ehrenrat halten soll, der schon im ersten Satz seines Berichtes lügt.

Rogalla war klüger. In einer dem Bericht vorangestellten Eloge tiefer Dankbarkeit an die vier Freischöffen, die im erstklassig gestelzten SED-Deutsch zurechtgeschwafelt wurde, schreibt er:

“Als andere Medien im Frühjahr über die IM-Tätigkeit von Redakteuren der Berliner Zeitung schrieben […]”

Am 19. Juli 2008 hieß es noch:

“Ende März war Thomas Leinkauf, leitender Redakteur (Magazin, Seite 3) der Berliner Zeitung, als ehemaliger Stasi-IM enttarnt worden.”

Aber da stand nicht Rogalla drunter, sondern das anonyme Kürzel “BLZ”. Was für ein Glück für Rogalla.

Ansonsten arbeitet sich die Berliner Zeitung konsequent dem Abgrund entgegen. Kurz, nachdem wir über die geplante Strangulierung der Seite 4 (Meinung, Kommentare) berichteten, wurde sie tatsächlich gekürzt. Das Tempo hat uns selbst überrascht, aber vielleicht sehnt sich Josef Depenbrock nach einem schnellen Ende.

Die Kommentare blieben erhalten, wurden aber zu Gunsten einer zusätzlichen Leserbrief-Rubrik geschrumpft. Der tägliche Abdruck von drei bis vier Lesermeinungen ist zwar nicht wichtiger als eine aktuelle journalistische Analyse oder die persönliche Meinung eines Redakteurs, aber preiswerter. Zusammen mit der ganzseitigen Leserbriefseite am Wochenende und der halbseitigen am Dienstag kommt Depenbrock seinem großen Renditeziel ein Stück näher. Denn Leser schreiben umsonst, Redakteure kosten Geld.

Schon drei Tage nach Einführung dieser phänomenalen Neuerung schickte Dr. Günther Ulisch einen Brief an seine Zeitung:

“Als Leser der Berliner Zeitung, schon fast 50 Jahre lang, begrüße ich die Erklärung Ihres Chefredakteurs vom Wochenende, in breiterem Maße Lesermeinungen Platz einzuräumen. Von diesem Angebot mache ich gern Gebrauch und stelle die Frage: Wann kommen zum Kaukasuskonflikt außer Georgiern und Russen sowie klugen Amerikanern auch einmal die betroffenen Südosseten in unseren Medien zu Wort?”

Bitte nicht lachen, liebe Leser. Wir dachten auch erst, der Brief von Dr. Ulisch sei eine umformulierte Ergebenheitsadresse unserer Werktätigen an den Generalsekretär des ZK der SED, ausgegraben im Archiv der Berliner Zeitung vor 1989. Aber Sie und ich, wir wissen, daß alle Leserbriefe echt sind. Ganz ehrlich.

Auch dieser hier von Michael Meinig:

“Ich habe seit geraumer Zeit die Online-Ausgabe nicht besucht. Zu meiner Freude habe ich festgestellt, dass das Archiv um die Funktion des ‘Blätterns’ erweitert worden ist. Dies ermöglicht auch dem nicht so geübten Nutzer Suchergebnisse. Außerdem macht es Spaß, auch wenn die Suche möglicherweise länger dauert. Ein Dankeschön von einem zufriedenen Abonnenten.”

Wir schließen uns dieser Freude vorbehaltlos an. Das Blättern macht einfach Spaß. Vor allem, wenn man nichts sucht, sondern wie ein blätternder Flaneur ziellos schaut. Agenturmeldungen werden nämlich nicht mehr archiviert, und was nicht archiviert wird, muß man auch nicht suchen. Das dünnt besonders die Wissenschaftsseite aus, die größtenteils aus Agenturmeldungen besteht.

Was aber archiviert wird, macht einfach Spaß, zu lesen. Zum Beispiel die Ergebnisse der Brandenburgwahl:

wahl_brandenburg_tabelle_s.jpg

Apropos Ergebnisse: Wir haben mal nachgesehen, wie sich die beiden Großereignisse der jüngeren Zeit — der Verkauf der Zeitung an Blutsauger Montgomery im Oktober 2005 und der Ringelpietz mit Stasi im März 2008 — auf die Auflage auswirkten:

Berliner Zeitung (Mo-Sa):

III/2008 zu IV/2007
(letztes Quartal vor der Leinkauf-Kampagne):

  • Verkauf: -8,44 Prozent
  • Abonnement: -8,46 Prozent
  • Druckauflage: -6,19 Prozent

III/2008 zu III/2005
(letztes Quartal vor Montgomery):

  • Verkauf: -9,71 Prozent
  • Abonnement: -13,21 Prozent
  • Druckauflage: -7,82 Prozent

Zum Vergleich der Tagesspiegel (Gesamt, Mo-So):

III/2008 zu IV/2007:

  • Verkauf: -2,28 Prozent
  • Abonnement: -1,88 Prozent
  • Druckauflage: -2,65 Prozent

III/2008 zu III/2005:

  • Verkauf: +1,42 Prozent
  • Abonnement: -0,86 Prozent
  • Druckauflage: +1,22 Prozent

Nun könnte man sagen, die Auflage der Berliner Zeitung ist schon lange rückläufig, da spielen die Stasi-Klamotte und Montgomerys Renditequetsche keine große Rolle mehr.

Dann bliebe aber die Frage, warum der verschnarchte, piefige und teilweise rechtsreaktionäre Tagesspiegel nicht im gleichen Maße absackt. Sind denn die Berliner lieber verschnarcht, piefig und rechtsreaktionär?

Das glauben wir nicht.

berliner_zeitung_02.jpg

Der Bericht wurde mit diesem Foto illustriert.
Bildunterschrift: “In diesem Hochhaus in der
Karl-Liebknecht-Straße am Alexanderplatz hat
der Berliner Verlag seinen Sitz.”
Bitte achten Sie auf das gläserne Treppenhaus.

berliner_zeitung_01.jpg

Schauen Sie noch einmal auf das Treppenhaus.
Eigentlich ist es mit menstruationsfarbener
Eigenwerbung bepflastert, und oben dreht
sich der Schriftzug “Berliner Verlag”.
Aber nur dann, wenn die Berliner Zeitung
kein Foto fälscht retuschiert.

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