Reverend Bizarre: III: So Long Suckers

Geschrieben von messitschbyburns am 03. Dezember 2008 | Hörsturz, Reverend Bizarre


Reverend Bizarre
“III: So Long Suckers”
(p) 2007, Spikefarm Records

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Unglaublich.

Reverend Bizarre haben die Schnauze gestrichen voll, von sich, von ihrer Band, von allem. Sie trennen sich, werden nie wieder gemeinsam musizieren — und verabschieden sich mit einem Jahrhundertknall.

Was für ein Abgang!

Man hört diese Musik, ringt nach Atem und zweifelt an seinem Verstand. Das soll es gewesen sein? Einfach so? Aus, vorbei, nie wieder?

Reverend Bizarre sind ein finnisches Trio in der Besetzung Albert Witchfinder (b, voc), Peter Vicar (g) und Earl of Void (dr), das seit 1995 traditionellen Doom spielt. Traditionell heißt: Black Sabbath, Saint Vitus, Trouble. Keine Experimente — und trotzdem unverkennbar Reverend Bizarre. Das ist auch im Doom möglich, natürlich. Doom ist zwar langsam und zäh, aber Doom bedeutet nicht Stillstand.

Urprünglich planten Reverend Bizarre, fünf CDs aufzunehmen. Daraus sind nur drei geworden, jede mit einer Zahl vorneweg: I: In The Rectory Of The Bizarre Reverend (2002), II: Crush The Insects (2005) und III: So Long Suckers (2007). Dazu die EP Harbinger Of Metal (2003), deren Spieldauer mit 72 Minuten zwar so lang ist wie eine CD, deren Aufnahmen aber von der Band als für sie weniger typische Musik eingestuft wurden, weshalb sie Harbinger Of Metal nur als EP gelten lassen.

Die Produktionen von Reverend Bizarre vor So Long Suckers (neben den regulären CDs auch eine Kiste voller Split-CDs und EPs) waren ordentliche Doom-Knüppel. Nicht spektakulär, aber auch nicht peinlich. Reverend Bizarre gehörten immer zur Kategorie jener Bands, deren CDs man kauft, mit wohligem Schnurren hört, ins Regal stellt und einmal jährlich im CD-Player entstaubt. Nichts für die tägliche Berieselung, aber auch kein Fall für Ebay, Rubrik “Fehlkauf”.

Bis zu dieser Sensation.

Schon die Laufzeiten der Songs sind pure Glücksversprechen: 29:05, 25:20, 11:41, 15:38, 15:43, 25:32. Dazwischen zwei Lockerungsübungen mit kurzen 4:25 und 2:35.

Gesamtspieldauer der Doppel-CD: 2 Stunden, 10 Minuten.

Gleich der erste Song ist gedoomter Wahnwitz. They Used Dark Forces/Teutonic Witch beginnt mit einem leisen, fernen Grollen. Wie ein Monstertruck, der noch nicht zu sehen, aber schon zu hören ist, nähert sich das Unheil aus der Ferne. Tiefstfrequenzen werden lauter. Sie brummen sich eine Minute lang ins Ohr; dann fällt Peter Vicar in ein stoisch sägendes Riff, das er zwei Minuten lang wiederholt. Wir reden über Doom, nicht über Math-Rock. Zeit spielt keine Rolle, und knifflige Strukturen wären deplaziert. So soll es sein, und so ist es auch.

Der Kopf schwingt im Takt, während Peter Vicar sein Riff zerdehnt. Mit jeder Sekunde nickt der Kopf heftiger. Peter Vicar spielt ungerührt weiter. Der Kopf wuchtet vom Brustkorb zum Nacken und zurück. Peter Vicar hat sehr viel Zeit. Eine Woche So Long Suckers hören, und die Nackenmuskulatur wird trainiert, bis sie auf schwarzeneggerischen Umfang anschwillt.

Nach elf Minuten schaltet Peter Vicar kurz auf Automatik und läßt den elektrischen Strom sägend und singend durch die Saiten fließen; allein, ohne Bass und Schlagzeug. Aber nur 60 Sekunden lang. Dann trommelt sich Earl of Void nach vorn, und Peter Vicar wird zum Pfad der Tugend zurückgeführt, wo sein Riff wartet. Denn eines der Gebote im Großen Buch vom guten Doom lautet: Du sollst dein Riff nicht ändern.

Das gilt für jeden Song, auch für Sorrow, den zweiten Titel der ersten CD. 25 Minuten und 20 Sekunden lang zelebriert die Band ein Klagelied, das selbst für hartgesottene Freunde langsamer Musik blutgefrierend ist. Was aber nicht bedeuten soll, daß Reverend Bizarre einen Kult des Monotonen pflegen würden. Sie sind überraschend flexibel.

Ihre Wurzeln liegen eindeutig bei Black Sabbath und deren ungekrönten Nachfolgern St. Vitus. Gleichzeitig sind sie — bewußt oder unbewußt — von Sleep beeinflußt. Deren Geniestreich Jerusalem, der als einstündiges drogensattes Riffgewitter auf ewig die Krönungsmesse des Doom sein wird, unwiederholbar und unerreicht, findet sich in respektvollen Anklängen auch bei Reverend Bizarre.

Auf der anderen Seite sind Reverend Bizarre keineswegs die larmoyanten Todesprediger, die als Funeral-, Epic-, Gothic- oder sonstige Breitwand-Schluchzer den Doom beglücken. Reverend Bizarre ziehen in ihren überlangen Songs regelmäßig das Tempo an und galoppieren für ein paar Minuten in das Königreich der Kiffer und Stoner. Die tief gestimmte, motorisch sägende Gitarre ist verblüffend kompatibel zu Kyuss und Nachfolgern. Was wiederum verständlich ist, denn Doom und Stoner sind zwei Bastarde aus der Bruthöhle von Black Sabbath.

Es gibt noch eine andere Traditionslinie. 1969 und 1970, bevor Black Sabbath die Welt zum Guten veränderten, spielten Gun und Atomic Rooster ihren rumpligen Brachial-Rock, der bis heute seinen Platz im Ehrenschrein der guten Musik besitzt. Die Gurvitz-Brüder und Vincent Crane schimmern auch bei Reverend Bizarre durch. Ganz dezent und unaufdringlich, aber sehr angenehm.

Der dritte und letzte Song Funeral Summer ist mit 11:41 fast radiotauglich (zumindest nach 24:00 Uhr), aber auch er hält, was sein Name verspricht: Morbide Gitarre, getragenes Tempo, läutende Sterbeglocken. Großartige Musik wie auf der gesamten CD 1, die das Herz des Hörer aufgeregt puckern läßt.

Doch der wirkliche Paukenschlag ist CD 2.

Der 15minütige Opener One Last Time bereitet das Feld für die majestätische Hymne Caesar Forever. Dieser Song ist ihr Opus Magnum. Wenn man in späteren Jahren von Reverend Bizarre reden wird, dann wegen Caesar Forever.

Was für eine Wucht! Man möchte den Kopf zwischen die Standboxen legen, wie in eine Schraubzwinge, und sich das dröhnende Monstrum direkt in die Ohrmuscheln blasen, bis sich die Trommelfelle mit dem Großhirn verknoten.

Hören Sie diesen Song laut, liebe Leser! Der Nachbar freut sich, glauben Sie uns. Er wird spontan bei Ihnen klingeln, sie halsen und küssen, mit Ihnen vor den Boxen niederknien und spirituell entzückt headbangen. Sie werden sich verbrüdern und finnischen Wodka trinken.

Wenn Sie keinen Nachbarn haben, hören Sie Caesar Forever trotzdem laut! Legen Sie sich aufs Sofa und löschen Sie das Licht. Sie werden immer tiefer im Polster versinken. Nach 15:43 hat sie das Sofa verschlungen. Heften Sie vorher einen Zettel an die Haustür, daß man Sie spätestens dann aus der Gruft befreien solle, wenn Ihr Briefkasten überquillt.

Wenn es einen perfekten Doomsong gibt, dann diesen. Hier stimmt alles. Die siegestrunkene Gitarre, das stampfende Schlagzeug, die ohrwurmhafte Zeile “Christs may come and Christs may go, but Caesar is forever” und das lange Finale mit den historisierenden Fanfaren — besser geht’s nicht. Ein Song für die Ewigkeit.

Und dann folgt Anywhere Out Of This World. Bleiben Sie in Ihrer Gruft. Versuchen Sie, während der ersten vier Minuten verträumter Saitenzupferei zur Besinnung zu kommen. Der Rest der 25:32 Minuten schnürt Ihnen die Kehle zu. Sie werden beglückt zusehen, wie sich Ihre Seele löst, zwischen den Boxen niederläßt und Ihnen freundlich winkt. Sie wechseln Raum, Zeit und Aggregatzustand. Legen Sie ein Tuch bereit. Atemreduktion führt zu Orgasmen.

Nach Anywhere Out Of This World gibt es noch den kurzen Track Mallorca.

Dann ist Schluß. Reverend Bizarre sind Geschichte.

Als schwacher Trost ist wenigstens das Rätsel um den Bandnamen gelöst. Albert Witchfinder enttäuschte alle tiefenpsychologischen Deutungsversuche der Fans: Der Name der ersten CD In The Rectory Of The Bizarre Reverend ist eine Verballhornung von King Crimsons Prog-Rock In The Court Of The Crimson King. Daraus entstand Reverend Bizarre. Die Finnen haben Sinn für Humor.

Ohnehin erheben sie Doom nicht zur quasi-religiösen Ersatzhandlung. Im Gegensatz zu St. Vitus, die ihren Songtitel Living Backwards wörtlich nahmen, trennen Reverend Bizarre Bühnenshow und Alltag. Sie spielen schon immer in -zig Sideprojects. Eines davon ist Peter Vicars Band The Orne — eine lupenreine Prog-Rock-Band. Wie gesagt, sie haben Humor.

Ein fundamentaler Unterschied zu anderen Doombands muß noch genannt werden: Die Rhythmusgruppe.

Das Leben als Schlagzeuger ist ja nicht ganz einfach, wenn man Taktpausen einzuhalten hat, die sich zu gefühlten Minuten dehnen. Die Zahl der Klopfer und Pauker, die sich irgendwie durch die Songs mogeln, ist im Doombereich nicht gerade klein. Ebenso die der stumpf zupfenden Bassisten, deren Abwesenheit man auch dann nicht registriert, wenn man ihre Tonspur löscht.

Was für ein Genuß sind dagegen Earl of Void und Albert Witchfinder! Earl of Void trommelt geradezu vorbildlich; bedrohlich dumpf und so virtuos, als hätte er bei John Henry Bonham studiert, dem besten Schlagzeuger aller Zeiten, um dessen brillantes Spiel für sein eigenes Genre zu adaptieren. An Earl of Void kann man sich nicht satthören, ebenso wie an Albert Witchfinder, der mit seinem eigenwilligen, teilweise gegenläufig gespielten Bass ein Lehrbeispiel nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelt, was manche seiner Kollegen bewegen sollten, ihr Instrument beschämt ins Pfandhaus zu bringen.

Warum sich Reverend Bizarre auflösten, ist nicht ganz klar. Albert Witchfinder deutet in Interviews eine schwere, fast tödliche Krankheit an, die er überwinden mußte; außerdem Spannungen in der Band, die so tief reichen sollen, daß Reverend Bizarre in der jetzigen Besetzung nie mehr spielen werden.

Es scheint aber noch einen anderen Grund gegeben zu haben. Auf dem Jewelcase klebt ein fetter schwarzer Sticker: DOOM METAL IS DEAD. Zwölf Jahre in Clubs, Kaschemmen und auf Festivals vor einem überschaubaren Kreis von Insidern zu spielen, öffnet sicher keine Perspektiven für die Zukunft. Obwohl Reverend Bizarre in Finnland bekannter sind als anderswo, werden sie kaum von ihren Einnahmen leben können. Wenn man sein Herzblut vergießt, ohne wirklich voranzukommen, wird der Frust nicht kleiner. Davon stirbt zwar nicht das Genre Doom; aber die Hoffnung der Band auf ein Leben mit und für Doom ist tot.

So Long, Reverend Bizarre.

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Reverend Bizarre im Herbst 2003. Von links:
Albert Witchfinder, Peter Vicar, Earl of Void

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