Der Eigentorschütze

Geschrieben von messitschbyburns am 04. Dezember 2008 | Geschichte, Lehming, Pro Reli


Wir leben im Jahr 2008. Das sind ungefähr 1975 Jahre plus minus Daumenbreite nach dem Tod des möglicherweise historischen und gekreuzigten, auf jeden Fall aber ungewollten Religionsstifters Jeschua, bekannt als Jesus, geboren in Nazaret oder Betlehem. Oder anderswo.

1975 Jahre nach Aufklärung und Säkularisierung, nach Voltaire und Heine, nach Trennung von Staat und Kirche möchten katholische und protestantische Glaubensbrüder des toten Jeschua in Berlins staatlichen Schulen ein neues Pflichtfach einführen: Religionsunterricht.

Das hätte u.a. zur Folge, daß nicht nur Christen und Moslems1, sondern noch andere der 130 Religionsgemeinschaften, deren Gebete täglich durch den Berliner Himmel summen, ihren Religionsunterricht geltend machen könnten. Das wird ein Spaß.

In Berlin ist Religionsunterricht freiwillig, das Fach Ethik dagegen Pflicht. Die Begründung leuchtet ein: Ethik ist ein bekenntnisfreier Werteunterricht, unabhängig vom persönlichen Glauben der Schüler. In Berlin leben Menschen aus 180 Nationen. Ethiklehrer versuchen, diese Kinder verschiedenster Kulturen auf einer gemeinsamen Wertebasis zusammenzuführen, um ein friedliches Leben in einer pluralen Gesellschaft überhaupt zu ermöglichen.

Die Spaltung der Schüler in separierte religiöse Einheiten — Christen zu Christen, Moslems zu Moslems, Yogische Flieger zu Yogischen Fliegern — zementiert dagegen die wachsenden Parallelgesellschaften. Nicht zum Nachteil der politisierten Kirchenführer, denn Religion ist ein Herrschaftsinstrument. Je stärker sich das Volk in Kirchen und Sekten zersplittern läßt, desto leichter kann es manipuliert und regiert werden. Außerdem zahlen Kinder, denen nie die Frohe Botschaft gelehrt wurde, als Erwachsene keine Kirchensteuer.

Berlins Christenführer starteten deshalb ein Volksbegehren für die Einführung des Religionsunterrichts als Pflichtfach, nannten es im schönsten Dummdeutsch Pro Reli — und müssen plötzlich um himmlischen Beistand beten.

Denn das Interesse der Berliner, ihren Namen auf die Listen zu setzen, ist sehr begrenzt. 170.000 Stimmen sind bis zum 21. Januar 2009 notwendig; je nach Zählweise sind erst 70.000 (Pro Reli) oder 30.000 (Landeswahlleiter) gesammelt, auf jeden Fall viel zu wenig. Und als wäre die Blamage noch nicht groß genug, distanzieren sich inzwischen Christen vom Volksbegehren und bekennen sich zum Ethikunterricht.

Das absehbare Debakel motiviert Holtzbrincks klügste Journalisten, sich für die Christen in die Bresche zu werfen.

Kukident Appenzeller:

“Traurig an der Situation ist jedenfalls, dass es der SED im Ostteil der Stadt genauso wie den religionsfeindlichen Kräften im Westen Berlins über ein halbes Jahrhundert hinweg offenbar gelungen ist, die Region weitgehend zu entchristlichen.”

Jungpimpf Lehming:

“Der Religionsunterricht stärkt die Vielfalt der Gläubigen in ihrem Glauben und lehrt sie gegenseitige Toleranz. Damit reflektiert er die globale Wirklichkeit, in der säkulare Agnostiker eine verschwindend kleine Minderheit sind. Der Ethikunterricht dagegen riskiert die Vermittlung identitätsloser Gleichmacherei.”

Lehming überschrieb seinen Kommentar mit den Worten “Die Eigentorschützen”. Er wollte damit die kritischen Christen treffen, die sich gegen “Pro Reli” organisieren und den beiden Mutterkirchen angeblich unsolidarisch in den Rücken fallen. Der Dolchstoß ist ja bei konservativen und extremen rechten Schrumpelhirnen eine seit 1918 beliebte Metapher.

Wir gratulieren Lehming zu seinen göttlich inspirierten Zeilen und übersehen höflich den Lapsus, daß die Initiative “Pro Reli” nicht global agiert, sondern sich auf Berlin beschränkt — und Berlin bekanntermaßen säkular ist. Hier lassen sich zwei Drittel der Bevölkerung keiner der drei Weltreligionen zuordnen.

Wirklich begeistert hat uns aber Lehmings Behauptung, Religionsunterricht lehre gegenseitige Toleranz

Wir haben es nicht glauben wollen, sind aber tatsächlich fündig geworden:

hitler_kirche_01_s.jpg

hitler_kirche_02_s.jpg

Das ist Toleranz wie aus dem Bilderbuch. “Der Ethikunterricht dagegen riskiert die Vermittlung identitätsloser Gleichmacherei.”

Glückwunsch zum Eigentor, Schütze Lehming.

Nachtrag: Die Tagesspiegel-Leser reagierten auf Lehmings rattendumme Pro-Reli-Werbung noch heftiger als auf die Lumperei von Schäubles Pimmelstreichler Jansen. Sie protestierten so druckvoll, daß sich Lehming gezwungen sah, einem Leser im Kommentar-Thread zu antworten — mit einer leicht irren Schwurbelei über chinesische (!) Christen, was dazu führte, daß er anschließend schallend ausgelacht wurde.

Das ist die höchste Strafe für einen extremen Fanatiker wie Lehming: Man lacht ihn einfach aus.

  1. Die Islamische Föderation hat vor Gericht die Erlaubnis für Islamunterricht an den staatlichen Schulen Berlins erkämpft. []

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