Außen grün, innen hohl

Geschrieben von messitschbyburns am 27. Januar 2008 | Berlin, Grüne, Immer wieder sonntags


In Berlin verschwanden in den 80er Jahren reihenweise Straßenbäume. Warum die Bäume eingingen, weiß wohl niemand ganz genau. Einer murmelte: “Undichte Gasleitungen”, ein anderer: “Streusalz”, aber es blieb beim Gemurmel.

Zur 750-Jahr-Feier Berlins wuchteten Stadtgärtner massive Betonwinkel auf die breiten Fußwege, rückten sie zu übergroßen Buddelkästen zusammen, füllten sie mit Erde und pflanzten in die Hochbeete, was auch ohne tiefe Wurzeln wächst. Der Magistrat kaschierte das mysteriöse Sterben der Straßenbäume mit DDR-typischen Mitteln: Beton und guter Wille.

Gut 20 Jahre später werden die mit erbarmungswürdigen Krüppelpflanzen zugewucherten Betonbeete entfernt und die kahlen Straßen nach und nach mit jungen Bäumen bepflanzt, auf daß sie zu schattigen Alleen wachsen, unter deren grünen Zweigen man im Freien sitzen, einen Kaffee schlürfen und Menschen beim Einparken beobachten kann.

Bedenkt man, daß jeder neu gepflanzte Baum auch noch die Umweltbilanz verbessert, müßten eitel Freude und Sonnenschein herrschen. Besonders bei den Grünen, deren Funktionären, Anhängern und Wählern. Doch gemach, wir sind in Deutschland. Hier gilt: MEIN Hund, MEIN Auto, MEINE Wohnung.

Die Hufelandstraße in Prenzlauer Berg war bis Ende der 90er Jahre eine Straße wie jede andere. Zwar halbseitig ohne Bäume, aber nett. Dann kamen die Spekulanten, erfanden das Zauberwort “Bötzowviertel”, behaupteten, hier ließe sich qualitativ hochwertig wohnen, steigerten die Mieten, drängten die Altmieter raus, sanierten die Häuser und verkauften die Objekte scheibchenweise als Wohnungseigentum. Das lockte allerlei obskure Gestalten wie Smudo oder Soost an; Menschen also, denen man weder im Hellen noch im Dunkeln begegnen möchte.

Und weil zu jedem Haufen ein Schwarm Fliegen gehört, der ihn aufgeregt umschwirrt, folgten dieser Quasi-Prominenz allerlei Leute, die sich ihre eigene Existenz nur im In-Viertel zwischen Ökoladen und Kinderladen vorstellen können. Und die so clever sind, sich bis an das Ende ihres Lebens und des Lebens ihrer Kinder mit einem Monsterkredit für 65 Quadratmeter Wohnungseigentum zu verschulden. Sie zahlten allen Ernstes 2000 bis 3000 Euro pro Quadratmeter. In dieser Gegend. Manchem hat der Herr den Grips verweigert.

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Die Wohnungseigentümer müssen den Wert ihrer Objekte auf Teufel komm raus erhalten, damit ihr finanzieller Verlust nach dem Platzen des Kredits und der Zwangsversteigerung der Wohnung überschaubar bleibt. Auf jede Wertminderung reagieren sie mit Schüttelfrost. Und als Wertminderung gelten in Deutschland nicht nur ein benachbarter Bolzplatz oder Kindergarten, sondern — man glaubt es kaum — Bäume vor dem Fenster. Erst recht, wenn es eine Platane ist. Die kann 18 Meter hoch werden.

Bäume verschatten. Wer hätte das gedacht! Normal denkende Menschen freuen sich über schattige Fußwege und ein Blätterdach, das vor Regen schützt. Nicht so der Wohnungseigentümer.

So kommt, was kommen muß: Proteste, Beschimpfungen, Unterschriftensammlungen. Einer fordert, Bäume zu pflanzen, die nur bis Augenhöhe wachsen. Ob von groß- oder kleinwüchsigen Menschen, sagt er nicht.

Ein anderer spricht von “privaten Wahnvorstellungen” des Amtsleiters Andreas Schütze, der die Bepflanzung plant und organisiert. Schütze halte “die Hufelandstraße für die Champs Élysées des Prenzlbergs”. Dieser besonders aggressive Bürger ist — Surprise! Surprise! — Mitarbeiter der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus. Er heißt Dr. Ulrich Metzger, stammt aus dem finsteren Baden-Württemberg und buckelte dort im Dunstkreis der neoliberalen Knallschoten Fritz Kuhn und Rezzo Schlauch.

Das allein ist schon ein Brüller, aber es wird noch komischer. In der Hufelandstraße erzielten die Grünen zur Wahl zu den Bezirksverordnetenversammlungen im Jahr 2006 satte 40,1 Prozent der Stimmen.

Grün wählen und für die Grünen arbeiten, aber Bäume verhindern — das wird wohl höhere Dialektik sein. Andererseits sollte man Dr. Ulrich Metzger und Konsorten dankbar sein.

Denn in der DDR hieß ein geflügeltes Wort: Privat geht vor Katastrophe. Gut zu wissen, daß die Grünen keinen Deut anders sind. Und daß es nach wie vor keinen Grund gibt, sie zu wählen. Aber viele Gründe, sie zu verachten.

Ein Teil der Hufelandstraße mit Platanen:

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Schattig, aber wertmindernd.

Ein Teil der Hufelandstraße ohne Platanen:

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Schattenarme Krüppelgewächse in DDR-Betonteilen, nicht wertmindernd.

Die ideale Hufelandstraße für grüne Wohnungseigentümer:

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Kein Baum, kein Schatten, keine Wertminderung. Gemüse und Naturkost kaufen wir im Laden. Da braucht’s nicht auch noch einen Baum vorm Fenster.

Fotos (c) by Ch. Brinkmann

4 Kommentare ↓

#1 Andrea am 29.02.08 um 15:15

Lieber Autor,
als Wohnungseigentümern in der Hufeland aus Baden-Württemberg unterschreibe ich jedes Ihrer Worte. Auch für Grüne kommt der Strom aus der Steckdose, das CO2 kriegt man locker am PC mit ein paar Klicks in den Griff, und das St Floriansprinzip gilt sowieso.

#2 admin am 07.03.08 um 00:41

Hallo Andrea, dein Kommentar vom 29.02. ist versehentlich im Spamfilter hängengeblieben. Das habe ich heute erst gemerkt. Sorry!

#3 Stefan am 01.03.11 um 14:42

Zur Willensbildung aber auch:

http://gruene-pankow.de/themen/lokales/baeume-in-pankow/?expand=71201&displayNon=1

#4 admin am 01.03.11 um 15:11

@ Stefan:

Ist schon berücksichtigt: http://www.messitschbyburns.de/archives/84

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