Isobel Campbell & Mark Lanegan
30. November 2008
Berlin, Columbiaclub
Ein Clubauftritt in der kleinen Halle. Bezaubernd und berauschend. Wundervoll. Und dabei so unkompliziert, so wenig effektbeladen.
Das Konzert begann fast beiläufig: Ohne Soundeffekte oder Pyrotechnik, ohne Vorhang oder Fanfare betrat die Begleitband die Bühne. Als wären es die Roadies, die ein letztes Mal Gitarren, Bass, Schlagzeug und Keyboard prüfen wollten. Keine fünf Minuten später erschienen Isobel Campbell & Mark Lanegan, traten hinter ihre Mikrofone, stimmten den Seafaring Song an, und ein leuchtender Mond schien in der Halle aufzugehen.
Mark Lanegan trägt schwarz: Schwarze Hose, schwarzes Hemd und eine leichte, offene, schwarze Jacke, deren Ärmel bis zu den Knöcheln reichen. Den Kinnbart, den man von Plattenhüllen und Pressefotos kennt, hat er abrasiert.
Der schwarze Mann steht still am rechten Bühnenrand. Diesen Platz verläßt er nur, wenn Isobel Campbell ihre Solonummern singt. Geht er von der Bühne, dann scheint er seinen rechten, leicht zuckenden Arm nicht wirklich unter Kontrolle zu haben. Vielleicht war die exzessive Drogenvergangenheit doch nicht so gesund.
Ansonsten ist er das Idealbild eines in sich gekehrten Nussknackers. Er singt mit geschlossenen Augen, schweigt mit geschlossenen Augen und hört Isobel Campbell mit geschlossenen Augen zu. Er verzieht keine Miene, abgesehen von den Lippen, die sich beim Singen notgedrungen öffnen. Mit der rechten Hand umklammert er in Hüfthöhe den Mikrofonständer und mit der linken Hand das Mikrofon. Während des Abends hat man Zeit, die tätowierten Sterne auf seinen Fingern zu zählen. Die Finger bewegen sich nur selten.
In dieser stoischen Körperhaltung beginnt er den Seafaring Song, und alle Zweifel sind verschwunden: Mark Lanegans Stimme ist tatsächlich so warm und tief wie auf CD. Man kann ja eine einstmals phänomenale, aber mit den Jahren mürbe und brüchig gewordene Stimme am Mischpult polieren. Wie bei Robert Plant, einem der vom Schicksal der schwindenden Stimme geschlagenen Sänger, die sich im Studio mit kleinen Tricks helfen, live aber zuweilen das Gruseln lehren.
Nicht so bei Mark Lanegan. Er klingt herrlich satt und voluminös. Er singt tief und tiefer, und nur, wenn er die Stimme eine Spur heben soll, um in Bereichen singen, in denen Sie und wir vermutlich singen würden, klemmt die Säge. Er kann nur tief.
Das Gegenstück zum reglosen Baumhirten aus Mittelerde ist Isobel Campbell. Auch sie trägt schwarz: Ein kurzes Kleid mit langen Ärmeln, schwarze Overknees, auf der Hüfte einen silbern glänzenden Patronengurt. Aber damit sind die Gemeinsamkeiten erschöpft.
Sie wirkt fast schüchtern, wie ein kleines Mädchen, das sich artig für den Applaus bedankt. Dabei ist sie 32 und eine Frau. Das meinen wir nicht im Sinne der Geschlechterbestimmung, sondern als Abgrenzung zu Heidi Klums hyperventilierenden Hungerhaken. Isobel Campbell ist weder dürr noch fett; sie ist fraulich. Man muß das betonen, weil sich die Welt scheinbar nur noch um bulimistische Knochengirls dreht, die als Projektionsflächen für pubertierende Jungmänner auf die Bühnen gestellt werden.
Ihre Stimme ist fast ätherisch. Sehr hoch, sehr leise. Der Tontechniker hatte im ersten Drittel des Konzerts Mühe, sie hörbar zu machen. Ohnehin wurde der Sound spürbar besser, je länger das Konzert dauerte. Der Soundcheck scheint sehr kurz gewesen zu sein.
Die meisten Songs der beiden Campbell-Lanegan-CDs Ballad Of The Broken Seas und Sunday At Devil Dirt schrieb Isobel Campbell. Mark Lanegan sang später seinen Part dazu. Auf der Bühne spürt man, wie intensiv sich Isobel Campbell um ihre Songs bemüht; als wären es ihre Kinder, die sie behütet, damit es ihnen gut gehe. Sie holt sich eine Rassel, ein Tamburin oder ein Klangholz, um an einer bestimmten Stelle einen ganz besonderen Ton zu setzen. Und wenn es nur ein kurzes Schütteln oder Klirren ist — er gehört dorthin. Das Publikum würde wohl nicht merken, wenn er fehlt. Aber Isobel Campbell.
Sie tobt nicht über die Bühne, aber sie bewegt sich, setzt sich, stellt sich mal in Front, mal im Profil zum Publikum. Sie begleitet sich mehrmals selbst auf ihrem Cello und spielt am Schluß ein paar Akkorde auf dem Keyboard. Wenn sie singt, schaut sie mit großen Augen auf einen imaginären Punkt, der über den Köpfen der Zuschauer zu schweben scheint. Wie ein Teenager beim Vorsingen, der sein Lampenfieber zügeln muß.
Das Repertoire war ein Mix aus beiden CDs. Die üppigen Streicher in Songs wie Come On Over und Who Built The Road kamen aus dem Keyboard, aber das war kein Schaden. Dreimal pfiff Isobel Campbell eine kleine Melodie, und einmal geschah dabei etwas entzückend Menschliches: Sie verpfiff sich. Und was niemand für möglich hielt, wurde wahr: Mark Lanegan lächelte ihr zu. Man hätte sofort ein Foto machen müssen; das glaubt sonst keiner.
Wir geben zu, daß wir Bedenken hatten, ob die zum größten Teil sehr ruhigen Songs auf Dauer nicht ermüden würden, sich das Konzert irgendwann streckt und zieht und man sich beim Gähnen ertappt. Aber nichts dergleichen. Selbst bei den nur auf der Akkustikgitarre begleiteten Stücken (Do You Wanna) Come Walk With Me und Something To Believe stand man fasziniert summend vor der Bühne und registrierte beglückt eine Gänsehaut auf den eigenen Armen. Eine selige Stimmung baute sich auf, wie eine positive Wolke, die sich um die Zuschauer schmiegt und sie ganz weich und klein macht. Wer diesen Abend paarweise erlebte, wird wohl zu Hause noch ein Kind gezeugt haben. Mindestens eines.
Das Publikum dankte Isobel Campbell & Mark Lanegan und ihrer Begleitband aus jungen, uns leider unbekannten Musikern mit begeistertem Applaus. Wir sangen auf dem Nachhauseweg, in der U-Bahn, der Straßenbahn und noch Tage später in unserer kleinen Konzernzentrale das Lala La Lalala Lala aus Who Built The Road. Das Licht, das Isobel Campbell & Mark Lanegan in uns entzündenden, glimmt noch immer. Das wollen wir so lange wie möglich bewahren.
Wenn Sie, liebe Leser, wenigstens eine Hälfte der beiden sehen wollen, dann kaufen Sie sich eine Karte für den 24. Januar 2009. An diesem Tag spielen Greg Dulli & Mark Lanegan als Gutter Twins im Berliner Kino Babylon.
Aber beeilen Sie sich. Die Gutter Twins spielen nur in Berlin, sonst nirgendwo in Deutschland. Die Karten werden schnell ausverkauft sein. Wir haben unsere schon.

Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:
- Seafaring Song
- Deus Ibi Est
- Who Built The Road
- Carry Home
- The False Husband
- Ballad Of The Broken Seas
- Keep Me In Mind, Sweetheart
- Saturday’s Gone
- Back Burner
- The Flame That Burns
- Free To Walk
- Honey Child What Can I Do?
- Salvation
- (Do You Wanna) Come Walk With Me?
- Something To Believe
- The Circus Is Leaving Town
- Revolver
- Come On Over (Turn Me On)
- Ramblin’ Man
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