Thomas Krüger war 1989 evangelischer Vikar und Mitglied der SPD der DDR, die sich vorsichtshalber SDP der DDR nannte, um die Genossen in Bonn nicht zu verärgern:

Nach der Wahlniederlage am 18. März 1990 (CDU: 40,8 Prozent, SPD: 21,9 Prozent) vereinigten sich SPD (Ost) mit SPD (West) zum Zwecke gegenseitigen Trostes, und Thomas Krüger, als seelsorgerisch ausgebildeter Worthülsengenerator bestens qualifiziert, wurde Berufspolitiker:

1994 kandidierte er in Berlin zur Bundestagswahl. Für sein Wahlplakat ließ er sich für nackt fotografieren, mit gepflegter kleiner Bierwampe und den Händen vorm Gemächt. Sein Slogan: Thomas Krüger — Eine ehrliche Haut.
Damit erschöpft sich der erzählenswerte Teil seiner Vita. Der Rest besteht aus dem üblichen Geschlängel um Posten und Pöstchen.
Im Jahr 2000 wurde er als Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung entsorgt. Dort darf er seine antikommunistischen Psychosen pflegen, ohne zu stören. Was die bpb und ihr jugendtümelndes Agitationsblatt fluter — eine Augenkrebs-Kopie des SZ-Jugendmagazins jetzt — in ihrer Bonner Idylle und der Berliner Außenstelle treiben, juckt nicht übermäßig viele Leute.
Manchmal aber erinnert sich jemand an die ehrliche Haut. Bevorzugt dann, wenn die Ostalgie den erlaubten RTL-, MDR- und Goldene-Henne-Pfad verläßt, Die Linke mal wieder eins auf die Mütze bekommen soll — oder sich alte Stasi-Leute im Internet austoben.
Dann klingelt bei Vikar Krüger das Telefon, und ein Redakteur fragt: “Ist das nicht schockierend, Herr Präsident?”
Der Vikar freut sich über den Anruf, wischt den Staub vom Hörer, hustet sich kurz ein und spricht jovial: “Ich habe mich totgelacht über die Seiten.”1 Wie ein Präsident eben spricht.
Aber dann überkommt ihn doch noch der Zorn, und er läßt sich für einen Moment gehen:
“Krüger [plädiert] dafür, zu prüfen, ob Suchmaschinenbetreiber den Einfluss dieser Seiten begrenzen können. ‘Es wäre sicherlich sinnvoll, mit Google einmal darüber zu sprechen, ob sie solche Seiten im Ranking herabstufen können, sodass sinnvolle Bildungsangebote zuerst angezeigt werden.’”
Über sinnvolle Bildungsangebote entscheidet vermutlich die ehrliche Haut.
Doch wir wollen Krüger ausdrücklich danken. Es ist — nach unserer Kenntnis– das erste Mal, daß ein aktiver deutscher Politiker die Manipulation des Google-Rankings fordert, um politische Gegner in ihrer Meinungsfreiheit zu beschneiden.
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
(3) Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.
Absatz 2 wird sehr restriktiv gehandhabt. Die Verbreitung der Holocaust-Lüge oder der Auschwitz-Lüge stehen (zu recht) unter Strafe, aber nicht der geistige Dünnschiß der NPD. Das Bundesverfassungsgericht hat bisher jeden Angriff auf die Meinungsfreiheit verhindert, auch um den Preis, daß Neonazis ihre Latrinenparolen brüllen dürfen.
Das Grundgesetz hat viele Artikel, und der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung kann nicht alle kennen, das sehen wir ein. Es ist auch nicht notwendig.
Viel faszinierender ist, zu erleben, daß der Gedanke, eine Suchmaschine aus politischen Gründen zu manipulieren, von Krüger wie selbstverständlich ausgesprochen wird. Er hat sich bei ihm eingenistet, und man darf vermuten, auch bei einigen seiner Kollegen.
Womit wir bei unserer Wette wären, wann es den ersten politischen Gegner trifft. Geht es nach der ehrlichen Haut, sind es die alten Säcke von der Stasi.
Jetzt warten wir gespannt, wer sich als nächstes rührt und Die Linke bannen will.
- Gemeint sind Websites wie www.gbmev.de, www.grh-ev.org und www.mfs-insider.de [↩]
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