God Says Yes!

Geschrieben von messitschbyburns am 17. Dezember 2008 | Monster Magnet


Monster Magnet
10. Dezember 2008
Berlin, Huxley’s Neue Welt

Am 27. Februar 2006 schickte Gott den Sensenmann zu Dave Wyndorf. Der Sensenmann stupste mit seinem knochigen kleinen Finger gegen Dave Wyndorfs Herz. Es trudelte, flackerte, stockte — Rettungswagen, Notaufnahme, Krankenhaus.

Pressemitteilung des Managements vom 3. März 2006:

„The battle with one’s inner demons ist he most personal fight any of us can undertake. The fight is at times a lonely, confusing journey. On the evening of February 27, Dave Wyndorf suffered a set back in his own fight and was hospitalized due to a drug overdose. His full recovery is expected. We ask that all those he has encountered over the years or simply affected by his music to take a moment to think good thoughts of and for him. With the grace of God and those who love him we are all confident that Dave will rebound from this set back and continue to play and make great rock and roll.“

Ein paar Monate später schaute Gott wieder auf Dave Wyndorf, und was er sah, stimmte ihn gnädig: Wyndorf entsagte seiner Sucht. Gott gab dem murrenden Sensenmann einen Klaps auf die knochige Hüfte, damit er sich entferne.

Dave Wyndorf durfte leben.

Am 10. Dezember spielten Monster Magnet in Berlin. Es war die triumphale Rückkehr eines Todgeweihten. Und es könnte sein Bühnenabschied gewesen sein. Denn Wyndorf, der klapperdürre Sexmaniac, ist zum 100-Kilo-Mann gedunsen. In eine dicke Joppe gehüllt, als wolle er während der Tour schwitzend abspecken, quillt er immer mehr in Richtung Meat Loaf. Wyndorfs Bauch ist auch unter weiten Klamotten nicht zu verstecken; er trägt ihn vor sich her, tätschelt ihn demonstrativ und hat sich wohl damit abgefunden: Entweder süchtig und schlank oder clean und dick.

Der andere Hinweis auf einen möglichen Abschied ist die Setlist. Monster Magnet spielten Songs aus dem gesamten Backkatalog (abgesehen von ihrer 1992er EP 25 Tab): Monster Magnet (1990), Spine Of God (1992), Superjudge (1993), Dopes To Infinity (1995), Powertrip (1998), God Says No (2000) und Monolithic Baby! (2004) — aber nicht einen Titel ihrer letzten CD 4-Way Diablo.

Ein reiner Best-Of-Abend für die Fans, keine Promo-Tour zur Verkaufsförderung der aktuellen Produktion. Die Plattenfirma, die das Konzert als 4-Way Diablo-Präsentation annonciert hatte, wird nicht beglückt gewesen sein.

Egal. Und ob Dave Wyndorf 50 oder 100 Kilo wiegt — er ist und bleibt ein phänomenaler Sänger. Was für eine Stimme! Der Mann kreischt und brüllt und röhrt und krächzt, daß einem das Herz aufgeht, auch ohne Joint im Mundwinkel. Er trägt die Show fast im Alleingang, neben Langhaarmatte Ed Mundell.

Zwar wirken die — im Wechsel mit psychedelischen Farbschlieren, düsteren Trash-Comics und diversen satanischen Symbolen — im Hintergrund laufenden Videos nackter junger Frauen, die mal lüstern, mal gelangweilt ihre perfekt designten Brüste in die Kamera halten, im Kontrast zum füllig gewordenen Hengst am Bühnenrand etwas eigentümlich, aber als Reminiszenz an wilde Jahre taugen sie allemal. Früher tanzten echte Frauen spärlich bekleidet neben Wyndorf auf der Bühne, doch die Zeiten werden härter und die Moral wird strenger. In den USA brockte ihnen ihre laszive Show eine Menge Ärger ein.

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Monster Magnet, Flint/Michigan, 2004

Der Druck, den Wyndorf, Mundell und Kollegen live aufbauen, ist grandios. Man wird vom Sound eingeschlossen und getragen, als löse man sich vom Boden und gleite durch den halluzinierend bunten Ozean der Stoner und Spacerocker. Monster Magnet, die sich 1989 zeitgleich mit Kyuss gründeten, gehören immerhin zu den Urvätern des Stonerrock. Allein deshalb soll man sie ehren, alle ihre CDs kaufen und mindestens eine davon täglich hören.

Monster Magnet sind psychedelisch bis zum Anschlag, mit wabernden Feedbacks, hämmernden Riffs und gottgefälliger Lautstärke. Die Verehrung für Hawkwind ist immer präsent. In The Right Stuff hätte man die legendäre Zeile “I Got A Silver Machine” singen können, paßgenau auf die hallenden, klirrenden und jaulenden Rückkopplungen.

Der Lärm der Gitarren ist nicht schmerzhaft, sondern wohltuend; ein höllisches Streicheln und Massieren des ganzen Körpers, einschließlich der Trommelfelle. Ein Wunder, daß Wyndorfs Stimme im krachenden Inferno nur selten unterging.

Dave Wyndorf schenkt sich nichts. Er verausgabt sich, schwitzt, tigert über die Bühne, spielt Gitarre, ballt die Fäuste zum obligatorischen Teufelsgruß, spricht mit dem Publikum und wirkt in keiner Sekunde müde. Er headbangt mit der Stirn haarscharf am Bühnenmonitor vorbei, wie ein Derwisch in Trance. In der Zugabe zündet er sich lässig eine Zigarette an, kniet sich an den Bühnenrand und wirft die Wasserflasche ins Publikum, auf das der glückliche Fänger daheim einen Altar aus ihr baue. Dave Wyndorf bleibt auf ewig die begnadete Rampensau. Das ändern weder Drogen und noch Entzug.

Vier Songs ragten aus den brodelnden Spacerock-Kaskaden hervor und türmten sich auf wie granitene Säulen inmitten kochender Lava: Das schwere, blueslastige Third Alternative mit seinem erhabenen, unerschütterlich gespielten Riff; das intime, nur von Ed Mundell an der Gitarre begleitete Zodiac Lung; die scheinbar uferlos gedehnte letzte Zugabe Spin Of God und — was sonst — der Urschrei Space Lord, den Monster Magnet live zur ehernen Dampfwalze hämmerten, die nichts und niemand stoppen kann. Space Lord wurde größer und fetter, hörte einfach nicht auf und mußte doch irgendwann enden — mit einem klassischen Hard-Rock-Finale wie aus jener Zeit, als Led Zeppelin ihre Songs live nicht unter 15 Minuten spielten.

Natürlich wünschen wir uns, daß Monster Magnet wiederkommen. Sollte dies aber das unausgesprochene Farewell gewesen sein — dann war es perfekt.

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Dave Wyndorf, Monolithic Baby!-Sessions, 2004

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Dave Wyndorf, Southside Music Festival, 2008 (*)

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Ed Mundell, Flint/Michigan, 2004

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Ed Mundell, Southside Music Festival, 2008 (*)

 Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:

  • Dopes To Infinity
  • Crop Circle
  • Powertrip
  • Twin Earth
  • Third Alternative
  • Zodiac Lung
  • Radiation Day
  • The Right Stuff
  • Negasonic Teenage Warhead
  • Space Lord
  • Melt
  • Cage Around The Sun
  • Tractor
  • Spine Of God

(*) Fotos (c) by Chrys/Accents Magazine

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