Molly Hatchet
13. Dezember 2008
Berlin, Columbiaclub
Molly Hatchet ziehen um die Welt. Das machen sie seit ewigen Zeiten, denn ein Anlaß findet sich immer. In diesem Jahr ist es die 30th Anniversary Tour 2008: Der 30. Jahrestag der Veröffentlichung ihrer ersten LP Molly Hatchet.
Sie könnten die 30th Anniversary World Tour bis 2011 durchziehen. 2009: 30 Jahre Flirtin’ With Disaster; 2010: 30 Jahre Beatin’ The Odds; 2011: 30 Jahre Take No Prisoners und gleichzeitig 40 Jahre Bandgründung — oder 36 Jahre, je nach Gründungsdatum, das sie auf ihrer eigenen Website mit den Worten “In the early 1970s …” elegant umschiffen.
Mit der Zahl 30 sind auch die Jahre benannt, vor denen Molly Hatchet wirklich erfolgreich waren. Die ersten drei Platten — zwischen 1978 und 1980 — wurden mit Platin (Molly Hatchet, Beatin’ The Odds) bzw. Doppel-Platin (Flirtin’ With Disaster) honoriert. Dann segelte man sanft bergab. Die Top 100 sind seit 14 Jahren außer Sichtweite.
Doch das stört nicht weiter. Wer ein Ticket für Molly Hatchet kauft, weiß, daß er ein rustikales Varieté betritt. Ein dampfender und stampfender Southern’n'Boogie-Zirkus mit langmähnigen, dickbäuchigen Typen, die aus der Zeit gefallen sind und die man nur noch im Time Tunnel von Florida, Louisiana oder Texas trifft. Und natürlich von Alabama, sweet home.
Molly Hatchet bieten perfektes Entertainment. Um das zu genießen, muß man sich allerdings von der Vorstellung lösen, Bob Ingram (guit), Dave Hlubek (guit), Phil McCormack (voc), John Galvin (keyb), Tim Lindsey (b) und Shawn Beamer (dr) spielten sich für uns den Arsch ab. Das tun sie mit Sicherheit nicht.
Sie machen ihren Job, ernähren davon sich, ihre Familien, Manager und Orthopäden, außerdem ein paar Steuerbeamte und die Besitzer von Jack Daniels. Aber wie sie diesen Job machen, ist allerbeste Unterhaltung — und sehr amerikanisch.
Die trink- und drogenfesten Rough Boys aus Jacksonville, Florida, haben ihr großes Vorbild nie verschwiegen: Lynyrd Skynyrd. Bis heute gluckt die Übermutter des Southern Rock, deren Bedeutung nach dem tödlichen Flugzeugabsturz von Ronnie Van Zant und Steve Gaines 1977 ins Unermeßliche wuchs, als gewaltiger Schatten hinter Molly Hatchet.
Die wurden als Skynyrds Thronfolger ausgerufen, doch deren feingliedrige, ausgefeilte Arrangements und die faszinierenden, leichtfüßig miteinander verwobenen Gitarrensoli standen im krassen Gegensatz zu Molly Hatchets grobkörniger, derber Whiskeyseligkeit; so verschieden wie die Werke eines Gold- und eines Hufschmieds.
Sie waren Lynyrd Skynyrd nie ebenbürtig. Molly Hatchet blieben die Zweiten oder Dritten, egal, ob in den 70er Jahren oder heute, im Erinnerungshotel der alt gewordenen Fans.
Molly Hatchet machen das Beste daraus: Sie huldigen Lynyrd Skynyrd in jedem Konzert. In einer für Europäer leicht verkitscht wirkenden Andacht gedenken sie der Toten — nicht nur jener zwei von Lynyrd Skynyrd, sondern aller Toten, die ihnen wichtig erscheinen und die sie namentlich aufzählen, bis zu Mitch Mitchell, dem am 12. November 2008 verstorbenen Schlagzeuger von Jimi Hendrix, was die Andacht mächtig in die Länge zieht und das deutsche Publikum, das die pathetische Zeremonie distanziert beäugt, mit vereinzelten Pfiffen abzukürzen versucht. Erfolglos, versteht sich.
Und sie spielen Lynyrd Skynyrd: Free Bird ist Teil der Zugabe. Im legendären Gitarrensolo kann sich Bob Ingram fulminant austoben. Überhaupt scheint die Führungsrolle von Ingram unangefochten zu sein. Zwar werden auf der Website Ingram und Hlubek als Lead Guitars genannt, aber tatsächlich ist Bob Ingram der Leadgitarrist, nicht Dave Hlubek, das letzte Gründungsmitglied der Band.
Ingram besitzt die Namensrechte, Ingram spielt die Soli, Ingram steht allein am Bühnenrand, Ingram macht die Show, Ingram springt in die Luft, Ingram animiert das Publikum, Ingram wird mit der Südstaatenflagge bewedelt, Ingram brettert Free Bird vom Anfang bis zum Ende — während Hlubek wie ein gemütlicher, kugelrunder Rhythmusgitarrist wirkt, der nur gelegentlich ein Solo besteuert.
Das ist beachtlich für einen Gitarristen wie Dave Hlubek, dessen Name als Co-Autor unter den meisten Klassikern von Molly Hatchet steht (u.a. Flirtin’ With Disaster und Whiskey Man), der von Fans und Kollegen gleichermaßen geliebt und geachtet wird, der 1987 Molly Hatchet verließ und von Bob Ingram ersetzt wurde.
Zwischendurch gründete Hlubek u.a. eine Band namens Skinny Molly, um Stücke von Lynyrd Skynyrd und Molly Hatchet zu spielen. Mit mäßigem Erfolg. Im Jahr 2005 bat ihn Ingram ganz offiziell, zu Molly Hatchet zurückzukehren. Nun haben sich alle wieder lieb.
Die fossile Show folgt den Regeln von Las Vegas: Sieh gut aus und sei gut drauf, egal, wie dir zumute ist. Bob Ingram trägt von der ersten bis zur letzten Minute ein permanentes Colgate-Lächeln, wie ins Gesicht getackert, als posiere er im Blitzlicht der Fotografen auf dem roten Teppich der Southern Hall Of Fame. Man hat sich an die innig verzerrten Grimassen vieler Gitarristen gewöhnt, die scheinbar unter Schmerzen jeden Ton aus den Saiten reißen müssen. Einen Dauergrinser kannten wir bisher noch nicht.
Die Föhnfrisuren von Bob Ingram und Tim Lindsey sind aufs Liebevollste toupiert und gelockt. Vor allem Ingram trägt eine prähistorische Vokuhila-Matte mit aufgezwirbelten Stirnlocken, die selbst in der Bundesliga undenkbar wäre. Schlagzeuger Shawn Beamer wiederum läßt seine brustlangen Haare ununterbrochen von einem Ventilator belüften. Weil ihm der Ventilator frontal ins Gesicht bläst, sieht Beamer wie ein menschlicher Eisenstab aus, um dessen magnetisierten Pol sich überlange Eisenfeilspäne gruppieren.
Das wirkt lächerlich und albern — herzlich willkommen im Südstaaten-Varieté.
Phil McCormack trägt Cowboyhut und Bierbauch und knödelt fast so schön wie Danny Joe Brown, die eigentliche Molly-Hatchet-Stimme. Brown mußte 1980 wegen Diabetes aussteigen und starb im Jahr 2005. Der Legende nach suchte er seinen Nachfolger persönlich aus. Das mag stimmen, den Phil McCormack paßt glänzend zu Molly Hatchet. Er ist nicht nur ein sonnig gelaunter Southern-Gurgler, sondern ein geborener Anheizer und Einpeitscher, der das Publikum mit langen Wortkaskaden, launigen Scherzen und unterhaltsamen Anekdoten beglückt.
That’s Entertainment.
In Florida wird das den Saal zum Kochen bringen. In Deutschland existiert die Sprachbarriere. Das Publikum bemühte sich höflich, an der richtigen Stelle zu lachen.
Die drei Gitarristen der Gründerjahre (neben Dave Hlubek noch Steve Holland und Duane Roland) sind mit der Zeit zu zweien geschrumpft, und die Southern-typischen Gitarrenschlachten fallen entsprechend kürzer aus. Überhaupt wirkt die Bühnenshow sehr routiniert und choreographiert. Ingram, Hlubek und Lindsey spulen nacheinander alles ab, was man von Southern Men mit einer Hand am Griffbrett erwartet: Sie spielen nebeneinander mit dem Rücken zum Publikum, sie spielen nebeneinander mit dem Gesicht zum Publikum, und — darauf wartet man schließlich — sie spielen nebeneinander im Profil, um die Köpfe, die Oberkörper und vor allem die Gitarrenhälse im Gleichtakt zu schwenken.
There’s No Business Like Show Business.
Die allergrößte Überraschung aber waren zwei Soli. Tatsächlich, es gab sie; als steckten Molly Hatchet im Jahr 1976 fest: Shawn Beamer trommelte ein ausgedehntes Schlagzeugsolo, und John Galvin spielte auf dem E-Piano ein Solo mit klassischen Zitaten. Ersteres war entbehrlich, letzteres wirkte schlicht deplaziert. Das Publikum, das mit Motorradjacke, Cowboyhut, standesgemäßer Bierplautze und gezopften dünnen Nackensträhnchen gekommen war, um Whiskey Man zu hören, reagierte sichtlich irritiert. Vielleicht muß ein Keyboarder zwischendurch beweisen, was er kann, um nicht eines Tages als vergessener sechster Mann depressiv zur Flasche zu greifen. Die Pfiffe wurden trotzdem lauter.
Das blieb aber die Ausnahme. Die Meute feierte sich und ihre Helden, und die Helden ließen kaum Wünsche offen. Ein perfekt geölter Wanderzirkus, dessen mittfünfziger Zirkusgäule ihre Zelte immer noch 65 mal im Jahr aufschlagen. Nicht mehr als Headliner auf Mega-Festivals, sondern da, wo sie eigentlich hingehören: Auf Bikertreffen und in Vergnügungsparks. Wer sich dorthin wagt, um einen Abend lang nur mit Jack Daniels zu reden und sich ansonsten einfach gehen zu lassen, der amüsiert sich königlich.
Man darf es nur nicht ernst nehmen. Sonst zerstäubt das Zirkusbild.

Molly Hatchet (ohne Keyboarder John Galvin)
von links: Shawn Beamer (seit 2001 dabei),
Bob Ingram (seit 1985), Phil McCormack (seit 1996),
Tim Lindsey (seit 2003), Dave Hlubek (seit 1971)
Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:
- Whiskey Man
- Bounty Hunter
- Gator Country
- Son Of The South
- Fall Of The Pacemakers
- Devil’s Canyon
- [Schlagzeug]
- Tatanka
- Beatin’ The Odds
- Why Won’t You Take Me Home
- One Man’s Pleasure
- [Keyboard]
- Dreams I’ll Never See
- Free Bird
- Flirtin’ With Disaster
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