Das Sonderlob der Redaktion für das dümmlichste Klischee des Jahres geht an Christine Dankbar.
Die ehemalige Tango-Boulevardeuse und heutige Lokalredakteurin der Berliner Zeitung porträtierte im Dezember 2008 deutsch-deutsche Paare und entdeckte ein paar Unterschiede:

Der auskunftsfreudige Ostmann “stammt aus Wildau bei Berlin”, seine Lebensabschnittsgefährtin “wurde in Münster geboren.” In der Freiheit, wo man singen durfte.
Der Ostmann nämlich kann bis heute “kein einziges Weihnachtslied” singen. Das ist nur folgerichtig, denn, wie jeder weiß: Weihnachten hat es in der DDR nie gegeben.
Zwar wurden Lieder mit verfänglichen Texten in den Musikbüchern der DDR-Schulen gedruckt, doch, wie jeder weiß: Das waren keine Weihnachtslieder.
“Ihr Kinderlein kommet” durfte nur von Hebammen gesungen weden, “Alle Jahre wieder” von der staatlichen Plankommission, “Morgen, Kinder, wird’s was geben” vom ABV, “Oh du fröhliche” von Herricht & Preil, “Laßt uns froh und munter sein” von trinkfesten DSF-Funktionären, “Kling, Glöckchen, klingelingeling” von kirchensteuerzahlenden CDU-Mitgliedern, “Leise rieselt der Schnee” von Studenten an der Winterfront und “Oh Tannenbaum” von ostdeutschen Waldarbeitern.
“Fröhliche Weihnacht überall” wurde überhaupt nicht gesungen. Diese Seite rissen alle Kinder am ersten Schultag auf Befehl des Lehrers aus dem Buch und schluckten sie herunter. Anschließend mußten sie ihre Zunge zeigen, damit kein Fitzelchen aus dem Klassenzimmer geschmuggelt würde.
Weihnachtsmotetten mit dem Thomanerchor waren eine Halluzination, und die Schallplattenreihe “Weihnachten in Familie” eine besonders perfide Täuschung der Bonner Ultras.
Deshalb konnte der Ostmann aus Wildau bei Berlin nie ein Weihnachtslied lernen. Und als wäre das nicht Qual genug, wurde ihm kein noch so krummer Weihnachtsbaum gegönnt. Nur ein Jahresendbaum, womöglich mit einem Winkelement auf der Spitze.
Armer Ostmann.
Und danke, Christine Dankbar, für den aufrüttelnden Beitrag. Er läßt uns frösteln, aber er beruhigt auch: Die Qualität mancher Journalisten ist nicht vom gesellschaftlichen System abhängig, in dem sie sich verdingen.
Sie ist hier wie da bescheuert.
2 Kommentare ↓
Hat es etwa mal jemand geschafft, einen Artikel zum Thema zu schreiben, ohne diese verdammte “Jahresendflügelfigur” zu erwähnen? Man möchts ja gar nicht glauben.
Trotzdem alles Gute im Neuen Jahr! (Und bleiben Sie schön neugierig …)
Grüße aus Leipzig
Die “Jahresendflügelfigur” hat sie tatsächlich vergessen. Aber bis zum großen Jubiläum im November ist noch genug Zeit, den Fehler zu korrigieren.
Vielleicht fällt ihr zu Ostern ein passendes Kunstwort für “Osterhase” ein, von dem sie dann behauptet, es wäre in der DDR gesprochen worden.
Danke für die Wünsche, und beste Grüße zurück!
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