In der Reihe “Fresse halten, aber umsonst Fressen” schlichen die bekannten Krummbuckler Tom Röhricht und Holger Schmale aus der Redaktion der Berliner Zeitung an die Frühstückstafel eines Berliner Hotels, dessen Name in der gedruckten Ausgabe pflichtschuldigst erwähnt wird, weil es die böse Schleichwerbung bekanntlich nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt.
Ein Schnittchen fiel auch für Daniela Vates ab, in der Berliner Zeitung als treu ergebene Kaltmamsell von CDU und CSU beliebt, weil sie jedes Bäuerchen aus Bayern und BaWü mit heiligem Ernst deutet und auslegt. Ihre Anwesenheit signalisierte: Heute wird mit einem Konservativen gespeist.
Der konservative Frühstücksgast war Thomas de Maizière, Cousin des von Helmut “Ehrenwort” Kohl abservierten letzten Ministerpräsidenten der DDR, Lothar de Maizière, und Sohn des faschistischen Generalstabsoffiziers Ulrich de Maizière, der vor Leningrad und am Kursker Bogen für Führer, Volk und Vaterland kämpfte und in der entnazifizierten BRD eine fabelhafte Laufbahn zum Generalinspekteur der Bundeswehr absolvierte.1
Die Karriere seines Sohnes erreichte 1989 ihren vorläufigen Höhepunkt. Thomas de Maizière durfte sich Pressesprecher der CDU-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus nennen. Womöglich wäre er ein paar Jahre später Pressesprecher der CDU-Fraktion im Bundestag geworden, oder — nicht auszudenken! — Pressesprecher einer CDU-geführten Bundesregierung.
Doch Ende 1989 kam alles anders. Die Mauer fiel, und de Maizière nutzte seine Chance. Er setzte sich in diversen deutsch-deutschen Gremien fest, um die Regierung der DDR auf den Einigungsvertrag vorzubereiten, den Verhandlungsführer Dr. Schäuble am 2. Juli 1990 mit sich selbst schloß.
Als kleines Dankeschön durfte Thomas de Maizière ab 1990 Staatssekretär im Kultusministerium und später Chef der Staatskanzlei des Landes Mecklenburg-Vorpommern sein. Eben noch Pressesprecher der Berliner CDU, schon Staatssekretär einer Landesregierung — und alles selbst geschafft aus eigener Kraft, ohne CDU-Seilschaften und anrüchige Beziehungen. Garantiert.
Nach der Abwahl der CDU in Meck-Pom packte der Tüchtige seine Koffer und zog nach Dresden. Dort belegte er nacheinander die Stühle des Chefs der Sächsischen Staatskanzlei, des Finanz-, Justiz- und Innenministers. Leider dankten ihm die renitenten Sachsen seinen Einsatz nicht.
Thomas de Maizière wurde in eine üble Intrige verwickelt. Er soll als sächsischer Innenminister eine merkwürdige Rolle bei der Nicht-Aufklärung einer Kette von Affären gespielt haben, die unter dem Namen Sachsensumpf bekannt ist und wohl für immer und ewig ein Fall für Aktenzeichen XY Ungelöst bleiben wird. Das sind aber nur Gerüchte. Garantiert.
Bevor der Sumpf zu tief wurde, holte ihn Angela Merkel nach Berlin, als Chef des Bundeskanzleramtes und Bundesminister für besondere Aufgaben. Letzteres sichert die Marmelade auf der Stulle. Man muß auch gönnen können.
Wer wäre prädestinierter, über den Stand der deutschen Einheit zu sprechen, als Thomas de Maizière? Ein Mann, der geschlagene 20 Jahre in der Soffjetzone leben mußte durfte? Niemand.
Und wie würde man einen Politiker nennen, der nicht immer und überall wahlkämpfen würde? Einen Versager. Also ohrfeigt de Maizière gleich zu Beginn der Frühstücksplauderei die 68er und den heutigen Lieblingsfeind der Konservativen:
“Wer [von 1968] geprägt wurde, der ist 1989 in seiner westdeutschen Wohlstandsbehäbigkeit aufgestört worden. Diese Generation geht allmählich dem Ende der politischen Laufbahn zu, ihr Prototyp ist Oskar Lafontaine.”
Nun ja. Man könnte de Maizière fragen, warum es über Jahre eine Buschzulage für westdeutsche Beamte gab, warum der Hauptstadtbeschluß in einer Kampfabstimmung durchgesetzt werden mußte (und nur mit den Stimmen der PDS zugunsten Berlins ausging), warum sich Deutschland auf unabsehbare Zeit zwei Regierungssitze und eine Armada kostenlos dauerpendelnder Bonner Beamter leistet — wenn der westdeutsche Politiker Oskar Lafontaine, der als Kanzlerkandidat der SPD vor den gravierenden Folgen einer schnellen Vereinigung gewarnt hat, der Prototyp westdeutscher Wohlstandsbehäbigkeit gewesen sein soll.
Denn im Umkehrschluß wären die mit der Buschzulage gemästeten, sich in der Bonner Einöde verkriechenden, jede Veränderung ihrer gewohnten Lebensumstände boykottierenden Politiker und ihr gigantischer Tross aus verbeamteter und angestellter Patronage ein Ausbund an Experimentierfreude und Fortschrittsgeist.
Das könnte man fragen, doch das bucklichte Trio fragte nicht. Still aß man Schnittchen, hielt das Mündchen und lauschte de Maizières Deutungsanspruch über den Herbst 1989 in der DDR:
“Die 89er, die im Herbst auf den Straßen der DDR dabei waren, erzählen davon mit leuchtenden Augen. Da war die Tugend, sich in den Dienst einer großen Sache zu stellen, Demokratie und Einheit.”
“Sich in den Dienst einer großen Sache stellen” ist waschechter SED-Funktionärsjargon. So nähert sich am Ende alles einander an: Die SED mit dem Anspruch der alleinigen und endgültigen Wahrheit und der Konservative mit dem Anspruch, die Leipziger Wandertage durch das christlich geprägte Prädikat “Tugend” für seine Partei zu vereinnahmen und das ostdeutsche Aufbegehren gegen die SED als Sehnsucht nach der deutschen Einheit zu deklinieren. Was hanebüchener Unsinn ist.
Doch das bucklichte Trio widersprach nicht. Still aß man Schnittchen, hielt das Mündchen und hörte, warum sich Ostdeutsche in Studien als benachteiligte Deutsche äußern:
“Das liegt häufig an der Fragestellung. Es gibt diese Untersuchung nur im Ost-West-Verhältnis […] Es ist unzulässig, daraus Schlüsse zu ziehen und auch eine deutsche Mentalität, dass man sich immer irgendwie benachteiligt fühlt.”
Purer SED-Jargon. Weil der Bundesregierung die Ergebnisse der Studien nicht passen — 2009 ist Wahljahr –, wird die Fragestellung diskreditiert. Daß sich die Saarländer im Verhältnis zu Bayern benachteiligt fühlen, hat andere Ursachen als die Ressentiments zwischen alten und neuen Bundesländern. Doch darüber muß man nicht reden. Die Schnittchen sind so köstlich.
Allerdings kann auch de Maizière die Ost-West-Unterschiede nicht wegdiskutieren: “Natürlich gibt es in vielen Bereichen noch ein Gefälle zwischen West und Ost.” Schuld sind diesmal weder SED noch Linkspartei, sondern das gute Westgeld:
“[Aus dem Solidarpakt] ist ein mentaler Kollateralschaden entstanden: Dass auch die Menschen das Gefühl haben, dass sie in ihrer Lebensleistung benachteiligt sind. Wer glaubt, dass es gut ist, Geld zu kriegen, indem man sich vom Anspruch her in die zweite Reihe setzt, der darf sich nicht wundern, wenn das Ergebnis ist: Du bist ja nur Zweiter.”
Das ist ein ganz neuer Dreh für den bevorstehenden Wahlkampf: Der Solidarpakt führt zur mentalen Benachteiligung der Ostdeutschen. Was würde wohl passieren, wenn sich die Ostdeutschen vom Anspruch her in die erste Reihe setzten? Eine neue Mauer, diesmal von westdeutscher Seite aufgebaut?
Doch das bucklichte Trio fragte nicht. Still aß man Schnittchen, hielt das Mündchen und lauschte den Geschichten vom dummen Sohn:
“Meine älteste Tochter ist Jahrgang 1987, in West-Berlin geboren. Für die ist West- und Ostdeutschland noch ein ziemliches Thema, obwohl sie drei Jahre alt war bei der Wiedervereinigung. Unser jüngster Sohn ist Jahrgang 1993, in Schwerin geboren. Für den ist das schon kaum beschreibbar. Wenn ich darüber rede, hat er Probleme, das zu verstehen.”
Die 21jährige scheint intelligent zu sein. Beim 15jährigen aber ziehen dunkle Wolken durch die leere Hirnschale:
“[Er versteht nicht,] dass es da so unterschiedliche Mentalitäten gibt. Die unterschiedliche Leserschaft von Zeitungen in Berlin wie der Ihren und dem Tagesspiegel, zum Beispiel.”
Der 15jährige Sohn eines Berufspolitikers erster Garnitur — des Chefs des Bundeskanzleramtes und Intimus’ der Bundeskanzlerin — versteht nicht, daß Tagesspiegel und Berliner Zeitung verschiedene Zielgruppen ansprechen? Was wird denn im Hause de Maizière besprochen? Nichts politisches? Das wäre so glaubwürdig wie ein Pfarrer, der daheim nie über die Bibel redet.
“[Er versteht nicht] Die Frage, was man anzieht, was man tut und nicht.”
Die Wörter Dresscode und Verhaltenscodex sind bei de Maizières unbekannt? Oder nur beim Sohn? Besitzt er eine einzige Hose und legt beim Essen die Füße auf den Tisch?
“[Er versteht nicht] Warum kann ein Lehrer nicht so leicht von Zehlendorf nach Hellersdorf versetzt werden? Da geht die Welt anscheinend unter in dieser Stadt. All das versteht mein Sohn nicht.”
Ein 15jähriger weiß nicht, daß die Berliner Bezirke in sich geschlossene Kleinstädte sind, die nur organisatorisch unter dem Namen Berlin summiert werden? Er hat noch nie eine Expedition ans andere Ende der Stadt unternommen, um fremde Kulturen zu besichtigen?
“Der würde sich keine NVA-Mütze aufsetzen lassen oder keinen Witz verstehen über den Unterschied zwischen Nivea und Florena. Das muss ich ihm lange erklären, dass das etwas Besonderes ist.”
Warum sollte sich jemand eine NVA-Mütze aufsetzen, -zig Jahre nach dem Ende der Ostalgie, die von westdeutschen Buchverlagen und westdeutschen TV-Sendern losgetreten wurde? Und welchen Witz soll man erzählen?
Liegt es vielleicht am Vater, daß der Sohn wurde, wie er ist? Denn Thomas de Maizière lebt in seiner eigenen Welt:
“Es ist schon interessant, dass in der Finanzkrise plötzlich die letzte Hoffnung auf der Politikerkaste ruht. Und bei aller Bescheidenheit: So schlecht hat es diese Politikerkaste in den letzten Wochen und Monaten nicht gemacht.”
Da hätte ein lautes Lachen durch das Hotel rollen müssen. Stümperhafter als die deutsche Regierung hat wohl keine westliche Administration auf die Krise reagiert. Oder nicht reagiert:
“Brüssel hat sich enttäuscht über das deutsche Investitionspaket geäußert.”
“CDU, CSU und SPD streiten über ein zweites Maßnahmenpaket gegen den Wirtschaftsabschwung.”
“Kanzlerin rügt andauernde Forderungen nach zweitem Konjunkturpaket/Schavan will 4,6 Milliarden für die Schulen, Glos niedrigere Kassenbeiträge/Krisengipfel am Sonntag”
“Die Koalition und die Ministerpräsidenten ringen um ein zweites Rettungspaket. Doch selbst innerhalb der Union gibt es Streit um den richtigen Weg.”
Das könnte man dem Chef des Bundeskanzleramtes schriftlich geben, zwischen Kaffee, Tee und Gebäck. Es stand nämlich in der Berliner Zeitung.
Doch das bucklichte Trio wollte nicht. Still aß man Schnittchen, hielt das Mündchen und trollte sich von dannen. Noch schnell ein Foto mit dem Bundesminister für besondere Aufgaben, und dann ist das Frühstück beendet.
Der Rest wird eingepackt. Das reicht für drei Tage oder vier. Mit etwas Glück bis zum nächsten Frühstück im Hotel.
Was für ein schönes Leben.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:
Das ist das offizielle Foto von Thomas de Maizière.
Wir haben uns ebenso erschrocken wie Sie, liebe Leser.
2 Kommentare ↓
Gabs Rondo? Das wäre ja mal ein Beitrag zur Einheit …
Wenn sich jetzt dahergelaufene West-Politiker die Deutungshoheit über die Wende (wo es ja bekanntlich nur und ausschließlich um die Einheit ging …) verschaffen, ist das einfach nur lächerlich.
Aber was soll man von publicitygeilen Luschen, die Lügen in den Berufsstand erhoben haben, auch anderes erwarten.
Ich hätte gern die Kraft, diese Menschen NOCH mehr zu ignorieren, als ich es bis jetzt schon tue.
Grüße aus Leipzig (bekanntlich in Sumpfgelände errichtet …)
Hse
Wohl eher Dallmayer Prodomo, oder Kaffee HAG, koffeinfrei.
Mal sehen, ob es in dem Tempo weitergeht. Dann dürfte nämlich bis zum Frühsommer jeder Politiker seinen Senf zur deutschen Einheit gegeben haben. Und dann gibt es ein publizistisches Loch bis Oktober :)
Oder die fangen wieder von vorne an …
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