2008 … war was?

Geschrieben von messitschbyburns am 03. Januar 2009 | AC/DC, Jahrespoll 2008, Neurosis, Sarrazin


Was vom Jahre übrig blieb. Eine Blütenlese von Messitsch by Burns.


 

Volk des Jahres:

Im Oktober 2008 lüftete Sat.1 ein großes Geheimnis. Das Volk der DDR bestand aus vier obskuren Gestalten:

wir_sind_das_volk_s.jpg

Ein triebgesteuerter Quartalstrinker, ein magenkrankes Schichtgesicht, ein bulimistisches Knochengirl und ein Pummelchen mit Babyspeck.

Mehr Volk braucht kein Mensch. Jetzt mit Gewinnspiel.


 

Volksvertreter des Jahres:

Berlin-Mitte ist eine Baustelle. Der Alexanderplatz wird permanent umgepflügt, das sandige Fundament des Palastes der Republik formiert sich allmählich zur Wanderdüne, und Unter den Linden werden Bäume abgeholzt, U-Bahn-Röhren gegraben und der Boulevard an der prominentesten Kreuzung Ecke Friedrichstraße für Jahre lahmgelegt, weil Helmut Kohl vor langer Zeit eine Stummel-U-Bahn vom Hauptbahnhof zum Brandenburger Tor wünschte, mit Verlängerung zum Alexanderplatz und einem Bahnhof vor dem Roten Rathaus, irgendwann. Diese U-Bahn braucht kein Mensch, und deshalb wird sie gebaut.

Berlin-Mitte ist also eine Baustelle. Ganz Berlin-Mitte? Nein. Die Baukommission des Bundestages weigerte sich Ende 2008, dem seit Jahren geplanten unterirdischen S-Bahnhof unter dem Friedrich-Ebert-Platz zuzustimmen:

reichstag_friedrich_ebert_platz_s.jpg

Ausnahmsweise würden dieser Bahnhof und die neue S-Bahn-Linie, die den Wedding mit dem Hauptbahnhof verbindet, tatsächlich gebraucht.

Doch die Politiker fürchten sich vor Baulärm und um ihre Sicherheit. Der Bahnhof soll verschoben werden, weit weg vom Reichstag. Was den Berlinern und ihren Gästen zuzumuten ist, gilt noch lange nicht für die gewählten Volksvertreter.


 

Familienbande des Jahres:

Ende 2007 stuft eine Berliner Grundschullehrerin eine als hochbegabt attestierte Schülerin aus der dritten in die zweite Klasse zurück. Die überraschte Mutter akzeptiert die Rückstufung, um eine Eskalation auf Kosten der Tochter zu vermeiden, bittet aber Anfang 2008 den Schulrat von Charlottenburg-Wilmersdorf um Hilfe.

Der lädt die Grundschullehrerin mehrfach zu einem Gespräch mit ihm und der Mutter ein. Doch die denkt nicht daran, zu erscheinen.

Im Sommer 2008 reicht die Mutter deshalb eine Beschwerde gegen die Grundschullehrerin ein. Parallel dazu will der Schulrat, der das sonderbare Verhalten seiner Untergebenen ebenfalls mißbilligt, die Grundschullehrerin an eine andere Schule versetzen.

Gegen ihre Versetzung legt die Grundschullehrerin Eilbeschwerde bei Bildungssenator Jürgen Zöllner ein.

Zu den Sommerferien 2008 wird tatsächlich eine Versetzung angeordnet: Des Schulrats, nicht der Grundschullehrerin. Er muß von Charlottenburg-Wilmersdorf nach Neukölln wechseln.

Zur neuen Schulrätin von Charlottenburg-Wilmersdorf wird die ehemalige Schulleiterin jener Schule benannt, in der das Drama begann. Ihre Nachfolgerin möchte aber dienstrechtlich nicht von einer früheren Kollegin beaufsichtigt werden. Sie fürchtet Interessenkonflikte und bittet um ihre eigene Versetzung in einen anderen Schulbezirk. Bäumchen wechsle dich unter den Augen eines überforderten Bildungssenators.

Nur die Grundschullehrerin sitzt ungerührt und unangreifbar auf ihrem Platz:

ursula_sarrazin_s.jpg

Ihr Name ist Ursula Sarrazin, Gattin von Thilo Sarrazin (SPD): Berliner Finanzsenator, Senatskollege und Parteigenosse von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD).

Alle Seiten bestreiten, sich gegenseitig geholfen zu haben. Daß eine kleine Grundschullehrerin die Macht besitzt, einen seit 17 Jahren tätigen Schulrat mit einer Eilbeschwerde aus dem Amt zu kegeln, ist offenbar normal. Zumindest, wenn man Sarrazin heißt.


 

Gutachter des Jahres:

Anfang Oktober 2008 wies der Bundesfinanzhof (BFH) mehrere Klagen gegen das Steuerprivileg der Abgeordneten zurück.

Normale Bürger müssen ihre Kosten detalliert nachweisen, um sie von der Steuer absetzen zu können. Abgeordnete erhalten dagegen eine jährliche Pauschale von 45.432 Euro, steuerfrei und ohne Nachweis der Ausgaben.

Die Kläger wollten eine Gleichstellung erreichen: Entweder stellt der Staat alle Bürger pauschal steuerfrei, oder die Abgeordneten weisen ihre Ausgaben nach.

Die Abgeordneten ließen sich ein gefälliges Gutachten erstellen. Darin heißt es:

“Die Abgeordnetenpauschale sei unter anderem notwendig, um zu verhindern, daß aus den Abrechnungen der Abgeordneten ein politisches Bewegungsprofil erstellt werden könne. Hier gehe es um wichtige Informationen. Das Mandat des Abgeordneten sei nun einmal mit keinem anderen Beruf vergleichbar, deswegen könne es hier auch andere Regelungen geben.”

Der BFH stimmte dieser Argumentation zu. Damit bleibt auch in Zukunft geheim, wenn beispielsweise der Abgeordnete Wiefelspütz mit dem politischen Gegner zur wöchentlichen Kungelei in den Puff geht oder für seine Freunde im Wahlkreis eine Vorratspackung Spice ordert. Denn die Belege kann er sofort wegwerfen; das Finanzamt braucht sie nicht.

Im Gegensatz zu Klempnermeister Krause, der vielleicht auch seine Geschäftsbeziehungen im Puff pflegen und seinen treuen Kunden zu Ostern eine Portion Spice schenken möchte, die Quittungen jedoch beim Finanzamt einreichen muß, was peinliche Befragungen der Tiefenprüfer und spätere Vorladungen der Polizei nach sich ziehen kann, wenn Spice tatsächlich verboten wird.

Denn sein eigenes Bewegungsprofil muß Krause zehn Jahre aufbewahren. Da ist viel Zeit für nachträgliche Ermittlungen, wenn sich die politische Wetterlage wieder mal geändert hat.


 

Edelhure des Jahres:

BWL-Student Florian Lucke verkauft Anteile seines späteren Gehalts an private Investoren, um sein Studium an der privaten Zeppelin University in Friedrichshafen zu finanzieren. Im Gegenzug verleihen ihm die Investoren Geld, das garantiert zurückgezahlt wird (sofern er einen Job findet). Zusätzlich erhalten sie einmalig einen prozentualen Anteil des Jahresgehalts zu einem definierten Zeitpunkt (sofern er einen Job findet).

Das ist ein studentisches Finanzierungsmodell, das Bildungsministerin Schavan und Finanzminister Steinbrück mit Wohlgefallen betrachten werden: Weg von Bafög und staatlichen Stipendien, hin zur totalen Selbstversklavung des Studenten mit vertraglich fixierter Verschuldung bei Privatgläubigern.

Das Modell Lucke ist aber nicht neu. Jeder Zuhälter investiert zuerst in seine Huren, die diese Investition dann über Jahre abbezahlen müssen. Insofern ist Lucke nur die Edelhure der Generation Extradoof.

florian_lucke_s.jpg

Humankapital Lucke


 

 Risse des Jahres:

Das Brandenburger Tor wurde 1791 als Berliner Stadttor eingeweiht. Das Tor überstand mehr als 200 Jahre deutscher Geschichte: Napoleons Demontage der Quadriga 1806 und deren Rückkehr 1814, die Märzrevolution 1848, die Novemberrevolution 1918 und den Zweiten Weltkrieg.

Es überstand auch die Sanierung durch die berüchtigte Stiftung Denkmalschutz Berlin, einer immer wieder unter Filz- und Mauscheleiverdacht stehenden Organisation, die ihr Geld damit verdient, daß sie ihre prominenten Baustellen vollständig mit blickdichter Werbung internationaler Großkonzerne verhängt und niemand hinter die Werbebanner blicken läßt. Ob dort wirklich saniert oder nur übertüncht wird, soll keiner erfahren.

22 Monate sah man kleine Bautrupps hinter die bewachten Planen huschen. Am 3. Oktober 2002 wurde die Sanierung für beendet erklärt und das Brandenburger Tor von den Werbepostern eines Kohle- und Atomstromkonzerns befreit.

Nur sechs Jahre später klaffen meterlange und bis zu 30 cm tiefe Risse im Putz am nördlichen Torhaus:

brandenburger_tor_risse_s.jpg

Die damalige Baufirma ist pleite; die Gewährleistung muß vorläufig von der Stiftung finanziert werden, bis sich die Gutachter einigen, wer für den Schaden verantwortlich ist.

Für besorgte Menschen hat die zuständige Senatsverwaltung ein tröstendes Wort parart: “Es besteht keinerlei Gefahr, daß das Tor umfällt.”

Schade eigentlich. Das wäre doch mal eine echte Sensation.


 

Knallcharge des Jahres:

Die Rede von Marcel Reich-Ranicki während der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises hat unterschiedliche Reaktionen ausgelöst.

Eine besonders amüsante stammt von Bastian Pastewka:

“Im Gegensatz zu den Verleihungen des Deutschen Fernsehpreises in den Vorjahren hatte man sich diesmal entschieden, die Zahl der Entertainer unter den Laudatoren deutlich zu reduzieren. Allein Atze Schröder, Ingolf Lück, Ralf Schmitz und das Schweizer Duo ‘Ohne Rolf’ liefen auf und machten ihre Sache allesamt bestens.”

Knallchargen wie Atze Schröder und Ingolf Lück als Entertainer zu bezeichnen, ist eigentlich ein guter Gag. Die grauenvollen, quälend langweiligen Fernsehpreis-Peinlichkeiten von Atze Schröder, Ingolf Lück, Ralf Schmitz und Ohne Rolf “allesamt bestens” zu nennen, ist sogar ein Spitzen-Gag.

Allerdings meint Pastewka seine Worte ernst. Wir auch: Pastewka ist unsere Knallcharge des Jahres.

pastewka_s.jpg


 

Blamage des Jahres:

Am 26. Februar 2008 spielte Neil Young im Un-Ort ICC, der brutalsten, häßlichsten, unwirtlichsten und obendrein asbestverseuchtesten Betonzumutung Berlins.

In der Berliner Zeitung jubelte Kulturbeutel Junghänel unter der Überschrift “Die letzte Vorstellung”:

Es fällt schwer, das zu denken, aber im Grunde war es ein grandioses letztes Mal.”

Am 18. August 2008 spielte Neil Young wieder in Berlin, in der Zitadelle Spandau:

neil_young_spandau_s.jpg

Denn die angeblich letzte Vorstellung, die im Februar weder von Neil Young noch von seinem Management angekündigt oder auch nur angedeutet wurde, bollerte lediglich als Furzidee in der leeren Hirnschale von Kulturbeutel Junghänel.

Neil Young tourt selbstverständlich weiter, solange es seine Gesundheit erlaubt.

Foto (c) by Ina Wagner


 

Lachnummer des Jahres:

 Guns N’ Roses
“Chinese Democracy”
(p) 2008, Geffen/Universal

chinese_democracy_s.jpg

Um ihre grottenschlechte CD Chinese Democracy in den USA zu vermarkten, schlossen Guns N’Roses einen Exklusivvertrag mit dem Elektronik-Einzelhändler Best Buy.

Der glaubte an ein Bombengeschäft und ließ für den erwarteten Ansturm 1,3 Millionen CDs pressen.

In der ersten Woche konnten aber nur 318.000 CDs verkauft werden; danach ging das Käuferinteresse gegen Null. Jetzt wird der große Rest der Halde bei Best Buy verramscht.


 

Entgleisung des Jahres:

Kajagoogoo sangen 1983 Too Shy, verkauften 4 Millionen Singles und lösten sich 1985 auf.

kajagoogoo_alt_s.jpg

Im Februar 2008 wollten sie es noch mal wissen und kündigten die große Kajagoogoo mit Limahl Reunion-Tour an.

Tatsächlich spielten Kajagoogoo im November 2008 in acht kleinen deutschen Clubs. Für 2009 sind auf ihrer Website sagenhafte vier Termine angekündigt: Je einer im Mai, August, September und November, irgendwo in England.

Eine Reunion ist nicht verwerflich; das machen viele Bands, denen das Finanzamt einen Steuerbescheid geschickt oder deren Manager die Einnahmen des ersten und letzten Hits krisenfest bei Lehman Brothers investiert hat.

Aber wer, zur Hölle, ist auf die einmalig bescheuerte Idee gekommen, 23 Jahre später die gegen alle Artenschutz- und Menschenrechtskonventionen verstoßenden, abartig scheußlichen Frisuren der 80er Jahre auf Altmännerköpfen zu toupieren? Udo Walz?

kajagoogoo_neu_s.jpg


 

 Narziss des Jahres:

Lenny Kravitz
28. Februar 2008
Columbiahalle, Berlin

Was braucht Lenny Kravitz im Konzert? Gitarre, Mikrofon — und Sonnenbrille. Die trägt er meistens vor den Augen, manchmal auf dem Kopf. Vom Kopf ploppt sie sekundengenau auf die Nase, wenn ein neuer Song beginnt; so exakt, als gäbe es dafür eine Choreographie, die Lenny Kravitz wochenlang vor dem Spiegel geübt hätte.

lenny_kravitz_s.jpg

Und neidlos muß man anerkennen: Jeder andere sähe mit dieser Sonnenbrille wie ein Idiot aus. Bei Lenny Kravitz war sie einfach sexy.


 

 Respekt des Jahres:

Neurosis
18. August 2008
UT Connewitz, Leipzig

Ch. Brinkmann fotografiert Neurosis im dunklen Saal des UT Connewitz. Rechts und links am Bühnenrand stehen Boxentürme, aus denen infernalischer Lärm dröhnt.

Selbst das abgehärtete Neurosis-Publikum, bei Konzerten ihrer Lieblinge an herzmassierende Schallwellen gewöhnt, hält respektvoll Abstand.

Ch. Brinkmann nutzt den freien Platz, stellt sich unbekümmert vor die höllischen Schallquellen und fotografiert seelenruhig Bild für Bild.

Anschließend gefragt, ob es nicht zu laut war, kam die lapidare Antwort: “Das ist mein Job.”

Dafür noch mal allergrößte Hochachtung. Das Gehör ist auch wieder intakt.

neurosis_till_edwardson_kelly_s.jpg

Foto (c) by Ch. Brinkmann


 

Zugabe des Jahres:

Calexico
9. Oktober 2008
Columbiahalle, Berlin

Nach dem Konzert verläßt die Band um den Sänger mit dem sympathischen Namen Joey Burns die Bühne. Okay, denkt man, das war’s, und wandert zum Ausgang.

Plötzlich tauchen die Musiker neben der Bühne auf und mischen sich unter das Publikum. Calexico, die schon im ersten Zugabenteil auf der Bühne mit dem Boban i Marko Marković Orkestar spielten, vereinen sich noch einmal mit den Balkan-Gypsy-Jazzern.

boban_markovic_s.jpg

Jetzt ziehen 20 Mann durch das Publikum und intonieren Crystal Frontier mit feuriger Seele. Voller Inbrunst schmettert das Balkan-Blech, und Joey Burns wirkt wie ein schöner, altersloser Gott.

Ob sie Crystal Frontier 10, 15 oder 20 Minuten lang spielten, ist nicht mehr nachvollziehbar. Die Zugabe nahm kein Ende, und niemand verließ den Saal. Denn in diesem Moment packten die Musiker ihr Publikum und ließen die Menschen jauchzen und strahlen, wie kleine Kinder unterm Weihnachtsbaum.

Nur in diesem einen Augenblick. Doch er war wunderschön.


 

Enttäuschung des Jahres:

 AC/DC
“Black Ice”
(p) 2008, Sony BMG

ac_dc_black_ice_s.jpg

Live sind sie eine Macht. 80.000 Tickets für sieben deutsche Hallen-Konzerte in 12 Minuten verkauft, 300.000 Karten für fünf zusätzliche Stadionshows in 77 Minuten. Vorverkaufs-Weltrekord. Tickets gibt’s nur noch bei ebay, Preise nach oben offen.

Black Ice, die erste CD nach acht Jahren, erschien am 17. Oktober 2008. In der Woche vor der offiziellen Veröffentlichung wurde sie über 500.000 mal bei BitTorrent getauscht. Rekord, Rekord.

Zwischen Oktober und Dezember verkauften AC/DC in Deutschland mehr als 750.000 CDs. Dreifach-Platin, deutscher Verkaufsrekord 2008 und nach Radioheads Erfolg die nächste Widerlegung der von der Musikindustrie gepflegten Legende, massive Downloads schadeten den Verkaufszahlen.

AC/DC verkaufen Black Ice nur als physische CD, nicht als Downloads von Einzelsongs, wie z.B. bei iTunes üblich. Angus Young betrachtet seine Musik als in sich geschlosssenes Gesamtkunstwerk, das seine Wirkung nur im Block entfaltet. Die Wiedergeburt des Konzept-Albums, ausgerechnet bei AC/DC.

Denn die CD Black Ice ist so saft-, kraft- und einfallslos wie ihre Songtitel: Rock N Roll Train, She Likes Rock N Roll, Rock N Roll Dream, Rocking All The Way. Es macht keinen Unterschied, ob man die Songs in der von Angus Young arrangierten Titelfolge oder im Shuffle-Modus hört. Oder ob man alle 15 Songs hört oder nur die Hälfte in der Repeat-Schleife. Black Ice ist schlaff und müde.

Niemand erwartet von AC/DC auch nur die Spur einer Entwicklung. Ihre einfachen, metallisch scharfen Gitarrenakkorde, ihr kraftvoll rumpelndes Schlagzeug und die heißer gepreßte Stimme — das ist Musik für Männer, die beim vierten Pils davon träumen, daß sich Babes mit Körbchengröße XXL auf dem Rücksitz einer Harley an ihren starken Körper schmiegen, um von Lichterfelde-West nach Tempelhof zu cruisen. Diese Musik ist die Quintessenz des Hard Rock ganz alter Schule, abgeguckt bei Lehrern, die noch Blues und Boogie kannten.

Daran gibt es nichts zu mäkeln, und wohl jeder Freund guter Musik hat AC/DC remastert und komplett im Regal stehen. Man spielt sie zwar nicht oft, aber man könnte sie spielen, wenn man wollte.

Black Ice will man nicht mehr spielen. Hier fehlt alles, was AC/DC so wunderbar räudig gemacht hat. Sie sind nicht mehr rotzig, derb, grob, großmäulig, sexistisch, spätpubertär, halbstark, trinkfreudig und sinnlos laut. Sie kotzen nicht mehr genial simple Riffs aus der Gitarre, sie provozieren nicht mehr mit hirnlos blutigen Texten, sie schwingen nicht mehr ihre größenwahnsinnigen Höllenglocken.

Black Ice ist nett und aufregend wie ein Tanztee im Seniorenheim.

Ach ja: Angus Young spielt in Stormy May Day eine Slidegitarre. Boah, eh.


 

 Totenstille des Jahres:

Das Jahr 2008 war auch ein Jahr der geplatzten Illusionen, untergegangenen Traditionszeitschriften und am Publikum vorbei geschriebenen Drehbücher.

Gedenken Sie mit uns der ca. 93 Publikumszeitschriften, 4 Computerspielehefte und mehr als 70 TV-Sendungen, die 2008 eingestampft, abgesetzt oder still und leise entsorgt wurden.


 

Überraschung des Jahres:

Kitty, Daisy & Lewis
“Kitty, Daisy & Lewis”
(p) 2008, Sunday Best/Rough Trade Deutschland

kitty_daisy_lewis_s.jpg

Drei Geschwister im unglaublichen Alter von 15, 20 und 18 Jahren, die aussehen, als wären sie Kleindarsteller in einem schmalzigen Doris-Day-Film.

Kitty, Daisy & Lewis Durham aus Kentish Town in London spielen seit ewigen Zeiten zusammen, gemessen an ihrem zarten Alter, und hatten vor sieben Jahren ihren ersten Auftritt. Sie stylen sich nicht nur für die Kameras, sondern tragen ihr 50er-Jahre-Outfit auch in der Schule und im Supermarkt, passend zu ihrer Musik.

Denn sie spielen unschuldigen Rockabilly, Swing und Blues. Unschuldig als Gegenteil von aufmüpfig. Kein Rock’n'Roll und erst recht kein Rock der 60er Jahre. Sie lieben die Tanzmusik der Nachkriegsjugend, bevor Elvis Presley obszön die Hüfte schwang.

Die drei Geschwister sind Multiinstrumentalisten auf Gitarre, Hawaii-Gitarre, Banjo, Bass, Klavier, Mundharmonika, Ukulele, Schlagzeug, Posaune, Xylophon und Akkordeon. Live werden sie von Mutter Ingrid Weiss am Bass und Vater Graeme Durham an der Gitarre unterstützt.

Die Äpfel fielen nicht weit vom Stamm: Ingrid Weiss war in den 80er Jahren Schlagzeugerin der Post-Punk-Band The Raincoats, und Graeme Durham bestreibt in London das renommierte Mastering-Studio The Exchange.

Die Musik von Kitty, Daisy & Lewis ist purer Frohsinn. Rebellion fällt aus. Ihre Debüt-CD dauert nur eine knappe halbe Stunde, und von den zehn Songs sind acht Coverversionen wie Going Up The Country von Canned Heat oder I Got My Mojo Working von Preston Foster, das seit Muddy Waters’ Version jedes Kind pfeifen kann.

Aufgenommen wurden alle Songs im Heimstudio auf originalem Equipment der 40er und 50er Jahren, das sie als Schrott aufgesammelt haben, weil es aus modernen Studios rausgeflogen war: Röhrenverstärker und Bandmaschinen, in die sie die Songs direkt eingespielt haben, ohne Nachbearbeitung.

Inzwischen bereuen die ersten Studios ihre Entrümpelungen und fragen bei Kitty, Daisy & Lewis nach, ob sie die Geräte mieten dürfen. Wegen der extremen Reparaturanfälligkeit der methusalemen Technik ist das aber nicht so einfach. Es kommt öfter vor, daß mitten im Song ein Verstärker verraucht. Dann muß der Lötkolben ran und jemand, der weiß, wo er löten muß.

Normalerweise lassen Kitty, Daisy & Lewis ihre Songs in Schallplatten ritzen. Für Normalos wie uns, die zwar noch Schallplatten, aber leider kein Schallplattenabspielgerät mehr besitzen, machten sie eine Ausnahme und produzierten diese CD.

Sound-Puristen und Menschen, die gekühlte Lautsprecherkabel auf Keramiksockel verlegen, um die empfindsamen Frequenzen auf dem Weg von der Goldbuchse des Verstärkers zur handgewirkten Lautsprechermembran nicht durch die Eigenschwingungen des Kabels zu erschrecken, haben sich darüber bitter beklagt: Die CD klinge ganz furchtbar, und nur Vinyl sei das einzig Wahre; aber bitte ausschließlich mit 78 und niemals mit 45 Umdrehungen.

So hat ein jeder sein Pläsierchen, und wir haben unseren Spaß. Denn für unsere Ohren sind Kitty, Daisy & Lewis ein Genuß und eine dauernde Freude, an der man sich nicht so schnell satt hört. 50.000 CDs sind schon verkauft, Tendenz steigend.

Auf dem Backcover steht dick und fett der Satz: “For maximum enjoyment we recommend that you turn the volume up as loud as possible.” Das sollte man beherzigen, auch ohne Vinyl.

Keine Kommentare ↓

Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.

Mein Kommentar: