Als Scientologe Tom Cruise im Sommer 2007 in Berlin einige Szenen seines Stauffenberg-Films Valkyrie drehte, war sich das deutsche Feuilleton einig: Der Film wird ein Flop.
Seit Weihnachten 2008 läuft Valkyrie in den USA. Die Einnahmen sind nicht berauschend, aber auskömmlich. Von einem Flop kann auch beim bösesten Willen nicht mehr gesprochen werden.
Kein Problem für die Fähnchenschwenker des Feuilletons. Sie orientieren sich um. Und zwar mit Schmackes.
Der Journalist Christoph von Marschall, der zum erweiterten Autorenkreis des rechtsgedrallten, INSM-fürchtigen Cicero gehört, wo man u.a. den Leugnern des Klimawandels eine publizistische Heimat bietet, huldigt im Tagesspiegel Tom Cruise, Valkyrie und den deutschen Nazis:
“Es [ist] ziemlich unerheblich, ob Tom Cruise Scientologe ist.”
Dieser Satz ist beinahe originell. Zwar bringt Tom Cruise in einigen seiner Filme propagandistische Reklamestückchen für die Sekte unter, aber für Marschall ist das unerheblich.
Und er geht noch viel weiter.
Marschall setzt Valkyrie in eine Reihe mit den Filmen Schindlers Liste und The Good German. Eine Frechheit, gewiß — doch ehrlich, liebe Leser: Was soll man von einem Cicero-Laffel erwarten?
Nach dieser Kanonisierung folgt die Seligsprechung:
“Und nun, als weitere Steigerung, der deutsche Widerstand, von dem Amerika bisher nichts wusste […] Das Geschichtsbild der Amerikaner von Naziherrschaft und Weltkrieg bekommt eine weitere Facette.”
Der deutsche Widerstand.
Marschall will tatsächlich die elende Nazi-Clique um Stauffenberg als deutschen Widerstand verkaufen. Und zwar als alleinigen deutschen Widerstand: Der deutsche Widerstand, von dem Amerika bisher nichts wusste.
Mit keiner Silbe erwähnt Marschall den wirklichen, blutigen, tödlichen Widerstand der Sozialdemokraten, Kommunisten und Christen; den Widerstand jener Menschen, die schon vor 1933 gegen Faschismus und Krieg kämpften und denen keine bundesdeutsche Regierung je ein Denkmal errichten wird.
Stattdessen huldigt Marschall schamlos einer Gruppe ranghoher Nazis, die ihrem Führer jahrelang treu folgten, die als Generäle und Offiziere einen Staat nach dem anderen überfielen, die ihre Soldaten morden, plündern und vergewaltigen ließen und die nach dem Attentat auf Hitler weder den Krieg noch die Judenverfolgung beenden wollten.
Das ist nicht nur eine Frechheit. Das ist Geschichtsrevisionismus vom äußersten rechten Rand. Und der wird nicht zufällig forciert.
2010 feiern wir den 65. Jahrestag der bedingungslosen Kapitulation der faschistischen Wehrmacht. Bis dahin muß die Reinwaschung der Nazis um Stauffenberg abgeschlossen sein. Das geschieht zweigleisig: Auf der einen Seite durch den Neubau einer Wahlhalla für kryptofaschistische Totenkulte im Bendlerblock, der Hinrichtungsstätte Stauffenbergs; auf der anderen Seite durch die Umdeutung des deutschen Widerstands mit Hilfe publizistischer Mietmäuler wie Marschall.
Dafür gibt’s dann einen Orden. Marschall ist Träger des Arthur F. Burns Kommentarpreises. Den bekommt nur, wer dem jeweiligen US-Präsidenten mit Gefälligkeitsjournalismus ganz tief in den Arsch gekrochen ist. Bis zum Magenpförtner, mindestens.
Wenn sich dann das Mietmaul in der warmen Brühe eingerichtet hat, werden die Nivellierung der totalitären Scientology-Sekte und die Glorifizierung deutscher Nazis zur Selbstverständlichkeit.
Von Max Liebermann wird ein passendes Zitat überliefert, gesprochen im Januar 1933: “Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.”
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