Gesundes neues Jahr, Madame. Kommen Sie herein, legen Sie ab. Ein fesches Stirnband tragen Sie, sehr charmant. Zum Glück ist der Winter nicht mehr so bitterkalt wie letzte Woche, als wir in einer Panikattacke unsere einzige Balkonpflanze mit einem weißen Laken umhüllten. Jetzt steht sie da wie ein Möbelstück in Lenins Arbeitszimmer.
Apropos Lenin — kennen Sie den Spruch von Bertolt Brecht: “Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?”
Was das mit Lenin zu tun hat, fragen Sie? Äh … reichen Sie bitte Ihre Tasse? Nehmen Sie unbedingt ein Stück vom köstlichen Stollen. Wir haben ihn extra aufgehoben, denn heute wollen wir die Stollensaison feierlich beenden.
Wo waren wir … ach ja, die Bank. Lassen Sie uns einen kleinen Bogen schlagen, bevor wir über die Bankenkrise sprechen.
Neulich schlenderten wir über einen Wochenmarkt. Dort lag Obst und Gemüse kunstvoll zu kleinen Bergen geschichtet. Jede Menge Obst und Gemüse. Viel mehr, als die Händler verkaufen konnten.
Wir besuchten den Markt erst kurz vor Feierabend. Im Grunde ist das eine gute Zeit, denn je später es wird, desto hektischer versuchen die Händler, ihre Berge zu verkleinern. Die mit heißerer Stimme gerufenen Preise sinken minütlich, und die für den kleinen Preis angepriesene Menge erhöht sich kilo- und stiegenweise: Eine Stiege Mangos drei Euro drei Euro drei Euro!
Das freute die Kunden, reduzierte aber das Überangebot nur unwesentlich. Dann erschien der Marktleiter, kassierte seine Gebühren, und die Händler wuchteten ihre unverkauften Kisten voller Obst und Gemüse in die Lieferwagen.
Haben Sie sich jemals gefragt, was die Händler mit all dem Obst und Gemüse machen, das auf dem Wochenmarkt nicht verkauft wird? Man könnte es am nächsten Tag verramschen, sofern das nicht verboten ist — die deutschen Hygienevorschriften sind gnadenlos, Madame, die kennen kein Pardon –, oder dem Tierpark spenden. So oder so: Es bleibt ein unverkäuflicher Rest. Eines Tages wird er faulen.
Wohin mit dem fauligen Obst? Zum Senat! Da staunen Sie, Madame! Haben Sie das noch nicht gewußt? Dabei ist die Sache recht einfach: Der Senat ist Eigentümer des Grundstücks, das er an die Händler verpachtet. Als Landesregierung wiederum besitzt er eine Fürsorgepflicht für die Bürger, die auf seinem Grundstück handeln.
Deshalb müssen sich die Standbetreiber keine Gedanken machen. Sie können so viel Obst und Gemüse auf dem Großmarkt ordern, wie ihnen beliebt. Je mehr, desto billiger. Die preiswert eingekaufte Ware verhökern sie zu guten Preisen auf dem Markt. Was am Abend übrigbleibt, kauft der Senat ab, um es einzulagern. Das Rote Rathaus ist unterkellert, dort ist viel Platz für faules Obst.
Zwar haben sich die Händler ganz allein mit dem Obst verkalkuliert — und nicht der Senat, der keinen Händler zwingt, mehr Obst zu horden, als er zu verkaufen mag –, doch das Vertrauen in die Händler soll nicht schwinden, und kein Händler soll seinen Stand wegen dahinschmelzender Eigenkapitalreserve schließen, um seine Helfer in die Arbeitslosigkeit zu entlassen. Nach drei Jahren müssen die Händler ihre schimmligen Kisten zurückkaufen.
Das wußten Sie nicht, Madame? Wir auch nicht. Die Geschichte mit dem Senat, der die Spendierhose trägt, haben wir erfunden. Aber den Markt und seine Obstberge gibt es wirklich.
Sie dürfen gern das allerletzte Stück Stollen essen, Madame, als Entschuldigung für unseren kleinen Schabernack. Wir schenken derweil den Kaffee nach.
Heute haben wir den guten Rondo durch einen ökologisch korrekten Filter aus nachwachsenden Rohstoffen tröpfeln lassen. Das schmeckt man, nicht wahr? So aromatisch und rund, mit schokoladiger Blume im Abgang. Na bitte, jetzt lachen Sie wieder. Dann können wir fortfahren mit unserer kleinen Geschichte.
Die Idee, dem Senat faules Obst zu verkaufen, das er nicht bestellt hat, kam uns, als wir lasen, daß die privaten deutschen Banken eine staatlich finanzierte Müllhalde für ihre faulen Wertpapiere wünschen. Sie wollen ihren Dreck direkt beim Kanzleramt abladen. Der Innenhof des Reichstags wäre auch genehm. Oder eine sogenannte Bad Bank, eine schlechte Bank, die all den Murks abkauft, der sich bei den Banken stapelt. Nur weg damit, raus aus dein Bilanzen.
Da bleibt Ihnen die Luft weg? Moment, ich schenke den Rest Kaffee nach. Trinken Sie, das belebt. Besser?
Den Banken geht es ähnlich wie Ihnen, Madame. Die Luft wird knapp. Und sie haben damit ein echtes Problem, denn die faulen Wertpapiere drücken das Rating. Banken mit schlechtem Rating können sich von Banken mit besserem Rating entweder kein Geld oder nur Geld zu höheren Zinsen leihen. Das vermasselt gewaltig das Geschäft.
Die Banken sind ja nicht auf Sie und uns angewiesen, Madame. Uns duldet man als lustige Figuren, die den Hundedreck in die Filialen latschen und nur Arbeit machen. Das richtige Geld wird mit anderen Banken verdient, und für diese Geschäfte sind die faulen Wertpapiere äußerst lästig.
Sie fragen, woher diese Wertpapiere kommen? Dafür gibt es zwei Antworten.
Die erste Antwort heißt: Gier.
In den 90er Jahren wurden in den USA die Vorschriften zur Eigenkapitalreserve der Banken aufgeweicht. Mit ein paar anderen, kapitalfreundlichen Regelungen führte das zur besseren Liquidität; die Banken konnten mehr Kredite anbieten. Dann senkte die US-Notenbank zwischen 2001 und 2002 den Leitzins von 6 auf 1,24 Prozent. Das schlug drastisch auf die Hypothekenkosten durch. Sie rauschten in den Keller.
Wir wollen Sie nicht mit Details langweilen, Madame. Es spielten noch mehr Faktoren eine Rolle, doch das Resultat dieser sehr speziellen Finanzpolitik war pure Freude für die US-amerikanischen Hausbauer: Die monatlichen Hypothekenkosten für ein 500.000-Dollar-Haus lagen kaum noch höher als die gleichen Kosten für ein 250.000-Dollar-Haus zwei Jahre zuvor.
Jetzt wollte jeder ein Haus bauen, und die Banken schickten ihre Berater raus, um Kredite zu verkaufen; auch an Leute, die vor kurzem nicht mal einen Kontokorrent über 10 Dollar bekommen hätten, weil sie arbeitslos oder überschuldet waren. Die Berater störte das nicht, sie kassierten Provisionen ohne Ende, und ihre Banken ermunterten sie, weiterzumachen. Jeder wollte ein Stück vom großen Kuchen haben.
Ab 2003 wuchs eine Immobilienblase. Bis Mitte 2007 schwoll der fiktive Wert der US-Immobilien auf zwölf Billionen Dollar an. Die damalige Staatsverschuldung der USA war niedriger.
Um immer mehr Kapital für immer mehr Kredite einzusammeln, erfanden die Banken neue Finanzprodukte. Sie mischten sichere und riskante Darlehen und Hypothekenkredite und bündelten sie zu neuen Produkten. Diese Produkte verkauften sie immer weiter. Auf diese Weise konnte die Hypothek eines amerikanischen Eigenheimes über 20 mal um die Welt gereicht und an den internationalen Finanzmärkten weiterverkauft werden, jedesmal mit Gewinn.
Die Umverpackung der Ramsch-Kredite in einen Pool mit neuem Namen verhalf den Produkten zu einem höheren Rating. Sie ließen sich teurer an andere Banken verkaufen, und mit dem kassierten Geld finanzierte man neue Hypotheken für finanzschwache Hausbauer mit eher geflunkertem als realem Familieneinkommen.
Das Ende vom Lied kennen Sie: Weltweite Finanzkrise.
Ihr Kaffee wird kalt, Madame. Rondo schmeckt warm am besten. Nicht heiß, aber auch nicht kalt. Vertrauen Sie uns; wir haben die optimale Geschmackstemperatur monatelang getestet.
Die zweite Antwort heißt: Gier.
Allerdings nicht die Gier der Banken, sondern der Hausbauer. Anfang Dezember 2008 sendete Spiegel TV einen vierstündigen Jahresrückblick. Die geladenen Experten — u.a. Gabi Bauer, Hajo Schumacher, Johannes B. Kerner, Sandra Maischberger, Giovanni di Lorenzo, Wolf von Lojewski, Fritz Pleitgen und Carola Ferstl — erklärten die Finanzkrise mit einem köstlichen Bonmot:
Die Hausbauer sind schuld. Hätten sie nicht nach Häusern gegiert, wäre nichts geschehen. Denn ohne Nachfrage kein Angebot. Ohne Kreditwunsch kein Kredit. Ergo: Die Hausbauer sind schuld.
Zerwühlen Sie nicht Ihre Frisur, Madame, wenn Sie sich an den Kopf fassen. Das sind diese Flitzpiepen nicht wert.
Wir wollten Ihnen das absurde kleine Fernsehstückchen als Stream zeigen, aber weder Spiegel noch Vox haben es archiviert. Man kann sich eine Kopie schicken lassen, für 142,80 Euro. Wenn man will.
Tatsache ist, daß die faulen Wertpapiere nicht verschwinden. Im Gegenteil, sie scheinen sich zu vermehren. Die Commerzbank muß eine Viertelverstaatlichung — allerdings zu sehr großzügigen bankfreundlichen Konditionen — erdulden, weil sie mit dem Kauf der Dresdner Bank viel mehr faule Eier übernommen hat, als in den Büchern stand. Insgesamt zahlt der Staat 18,2 Milliarden Euro Stütze für eine Bank, deren Wert zwischen fünf und sechs Milliarden Euro betragen soll.
Und all das faule Obst, daß diese Banken über Jahre angehäuft haben, möchten sie dem Staat übergeben. Bilanzreinigung auf Kosten des Steuerzahlers. Wir könnten wetten, ob sich der Finanzminister sehr lange gegen eine Bad Bank wehren kann.
Der Spruch, der uns dazu einfällt, ist wirklich nicht mehr originell, aber trotzdem zutreffend: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.
Sie fragen, ob denn kein Spezialist bemerkt hat, was in der Finanzwelt passiert? Das wäre in der Tat merkwürdig. Es ist ja kaum anzunehmen, daß niemand im riesigen Angestelltenheer an den Finanzplätzen New York und London rechtzeitig gewarnt haben soll, daß es krachen wird. Die Frage ist, ob jemand auf sie hören wollte. Solange der Bonus am Jahresende steigt, ist die Welt in Ordnung.
Aber es wird noch viel mehr fachfremdes Personal gegeben haben. Analysten wie Geraint Anderson, dessen Portrait in der ARD zu sehen war. Anderson bekennt ohne Skrupel, aus dem Bauch heraus entschieden zu haben, ob seine Bank die Aktien eines Unternehmens kaufen oder verkaufen soll. Sein Bauchgefühl hat ihn nur selten im Stich gelassen, aber seine Vorkenntnisse sind erschütternd:
Er studierte Geschichte und lebte als Hippie in Indien. Nach seiner Rückkehr durchlief er einen halbstündigen Crash-Kurs, um als Analyst in London zu arbeiten.
Betrachten wir für eine Minute in stummer Fassungslosigkeit den leeren Stollenteller und lassen diese Nachricht kurz sacken: Analyst Anderson, zwölf Jahre lang Dirigent größter Geldströme an einem der wichtigsten Börsenplätze der Welt, besaß keine ökonomischen Kenntnisse. Nur die Grundrechenarten — und seinen Instinkt.
Danke.
Kennen Sie die Geschichte von Apple und den Analysten? Keine Angst, sie ist kurz, und wir wollen auch zum Ende kommen.
Am 23. Januar 2008 gab Apple die Ergebnisse des ersten Quartals im Geschäftsjahr 2008 bekannt, das in den USA am 29. Dezember 2007 endet. Die Bruttogewinnspanne lag bei 34,7 Prozent, verglichen zu 31,2 Prozent im Vorjahresquartal. Es war ein Rekordergebnis.
Trotzdem fiel der Aktienkurs nachbörslich um 11,7 Prozent. Apple enttäuschte die Analysten. Sie hatten eine optimistischere Prognose von Apple für das nächste Quartal erwartet.
Am 29. September 2008 brach der Kurs von Apple-Aktien um 16,95 Prozent ein. Analysten von Morgan Stanley hatten ein höheres Kursziel ausgegeben und mußten es senken. Für ihr zu optimistisches Kursziel wurden nicht die Analysten, sondern Apple bestraft.
Kommen Sie, wir begleiten Sie zur Tür. Wenn Sie einen Anruf von Ihrer Bank erhalten, weil man Ihnen eine Riester-, Rürup- oder sonstige, auf jeden Fall totsichere kapitalfinanzierte private Rentenversicherung verkaufen möchte, dann behalten Sie die Vorbildung von Geraint Anderson im Kopf. Es könnte sein, daß auch in Ihrer Bank mehr Geraint Andersons sitzen, als Ihnen und uns lieb ist.
Geraint Anderson verlor übrigens durch die Finanzkrise 400.000 Pfund. Er hatte allen Freunden geraten, ihre Aktien rechtzeitig zu verkaufen. Seine eigenen Aktien behielt er. Die Süddeutsche Zeitung nennt ihn trotzdem einen “ziemlich genialen Analyst.”
Er sieht zumindest nicht übel aus. Nicht im Vergleich zu Ihnen, Madame, bewahre. Nur zu unserer Bescheidenheit.
Achten Sie auf den gefrorenen Schneematsch. Wir ziehen jetzt in die verschneiten Brandenburger Wälder, um mit den Wölfen zu ringen, wenn wir sie treffen.
Bleiben Sie optimistisch und heiter. Wir bleiben es auch.
Keine Kommentare ↓
Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.
Mein Kommentar: