Lange schrieben wir nichts über die skurrilen Methoden der Musikindustrie, mit Geistesblitzen aller Art zu versuchen, ihr gerupftes Imperium zu stabilisieren und zu retten.
Nun ist es an der Zeit, das Sterbeglöckchen zu schwingen. Noch nicht für die Kulturbanausen, aber ihr heißgeliebtes DRM.
Apple schaltet im April den Kopierschutz in seinem Online-Store ab. Schon jetzt sind 8 Millionen Songs im iTunes Store DRM-frei. Nach EMI mußten auch die anderen großen Musikverweser Universal, SonyBMG und Warner einsehen, daß sie in einer Sackgasse stecken und dort täglich mit dem Kopf gegen die Wand donnern.
Amazon (USA) und Napster (USA) haben sich schon 2008 von DRM verabschiedet, der deutsche Online-Händler Musicload wird folgen. Ab 1. April sind 95 Prozent seiner Songs DRM-frei.
Der Bundesverband Musikindustrie begrüßte den Schritt von Apple und Musicload:
“Durch die Differenzierung sei es nun möglich, dass die Plattenfirmen ‘auf die Begehrlichkeiten des Marktes reagieren können’, sagte Geschäftsführer Stefan Michalk. Neue Titel ließen sich nun zu höheren Preisen als bisher anbieten.”
So blumig umwölkt formuliert man als Lobbyist seine eigene Niederlage. Denn die Einigung über die Preisspreizung — alte Songs werden billiger, neue Songs teurer — bei gleichzeitigem Wegfall des DRM hätte schon früher erzielt werden können. Doch wo kein Wille ist, ist auch kein Weg.
Und nun der schlechte Witz:
Apple läßt sich die DRM-Freischaltung bereits gekaufter Songs mit 30 Cent je Stück bezahlen. Wer sich also seine Lieblings-CD von DJ Ötzi mit 12 Songs zu je 99 Cent zusammengestellt und 11,88 Euro an Apple überwiesen hat, der legt noch mal 3,60 Euro drauf. Dann ist er bei 15,48 Euro. Dafür ohne DRM.
Überraschend ist die negative Presse für Apple. Nicht wegen der 30-Cent-Strafgebühr, die Apple seinen Kunden aufbrummt, die den iTunes Store mit millionfachen Käufen als Online-Händler groß und stark gemacht haben. Das vereinigte Expertentum mault, es würde keinen jucken, ob Songs DRM-verseucht sind oder nicht:
“[Den] meisten iTunes-Kunden [dürfte] der Wegfall der DRM-Fesseln herzlich egal sein […] Der durchschnittliche Musikfan wolle seine Songs kaufen, herunterladen und auf seinem Computer, iPhone oder iPod hören und nicht mehr. Daran ändere auch die angekündigte ‘Befreiungsaktion’ nichts.”
Der durchschnittliche Experte vergißt, daß der Musikfan nicht nur bei Apple kauft, Apple aber die Richtung bestimmt, in die marschiert wird. Wenn Apple den Kopierschutz in die Tonne tritt, müssen die anderen folgen.
Bei Microsoft und Sony kam es nämlich durchaus vor, daß der Kunde nicht jeden Song, den er DRM-geknebelt online erwarb, auf seinen Computer downloaden oder gar auf eine CD brennen durfte. Dafür mußte er damit rechnen, daß die gekauften Songs eines Tages entschädigungslos im Orkus verschwanden. Ein fairer Deal, der ganz sicher zur DRM-Akzeptanz beitrug.
Wie man sich überhaupt fragt, warum die vier Großkonzerne nach dem stillen Ende der DRM-verseuchten CDs nun auch auf DRM in Online-Shops verzichten, wenn es dem durchschnittlichen Musikfan piepegal ist, ob seine Songs an DRM gekettet sind oder nicht. Fragen über Fragen …
DRM verabschiedet sich also leise, doch die Gängelung ihrer Kunden bleibt oberstes Ziel der Medienindustrie.
Die Einführung von HDTV wird beispielsweise nicht deshalb vorangetrieben, weil die Konzerne Mitleid mit flimmergeplagten TV-Konsumenten hätten. Es geht ausschließlich um die Kontrolle der Programmaufzeichnung. Wenn in Zukunft ein Rechteverwerter nicht wünscht, daß der Film XY, der vertragsgemäß auf ProSieben läuft, von den Fernsehzuschauern digital mitgeschnitten werden darf, dann wird ihm dieser Wunsch von ProSieben erfüllt.
Das ist im Moment kaum möglich, doch mit dem neuen Standard und dessen begleitender Technik ein Klacks. Wer sich eine HDTV-ready-Kiste kauft, wird eines Tages seinen Digitalrecorder und DVD-Player einmotten können.
Die restriktiven DVD-Ländercodes und die IP-Sperren, die verhindern, daß ein Europäer in Online-Shops anderer Kontinente Waren kauft, die den Rechteverwertern nicht genehm sind (was wiederum der hochgelobten Globalisierung widerspricht), fallen ebenfalls nicht weg.
Aber das Verröcheln des DRM ist ein gutes Zeichen dafür, daß die Medienindustrie nicht allmächtig ist. Auch nicht ihre gut bezahlten Anwälte und Lobbyisten.
Genug gefreut. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Unser Schatten heißt Brigitte Zypries.
Die Bundesjustizministerin will 2009 das Urheberrecht auf europäischer Ebene ausbauen:
“Als mögliche Bereiche für einen Ausbau von Verbotsrechten gelten unter anderem die Wissenschaft, die Abgabe gebrauchter Software und die ‘Durchsetzung von Rechten des geistigen Eigentums im Internet’.”
Das Verbot der Abgabe gebrauchter Software kam im letzten Jahr von anderer Seite auf den Tisch. Universal Music wollte den “Weiterverkauf und das Wegwerfen von CDs als Copyright-Verletzungen darstellen können.”
Was Universal Music für Musik-CDs im Auge hat, kann Microsoft und anderen Software-Produzenten nur recht sein. Freuen wir uns also auf das Verbot des — in Deutschland unter Einschränkungen erlaubten — Weiterverkaufs gebrauchter Software.
“Bereits beschlossene Sache ist, dass die ‘europäische Harmonisierung’ bei Immaterialgüterrechten weiter vorangetrieben werden soll. Hier nennt die Ministerin eine ‘einheitliche Regelung der Privatkopie‘ sowie Vergütungsregelungen für diese.”
Das Ergebnis der Harmonisierung kann man sich an einem Finger abzählen: Wegfall der Privatkopie.
Seit Jahren laufen die Lobbyisten der Medienkonzerne Sturm gegen das Recht deutscher Kunden, von ihrer gekauften CD eine Kopie anfertigen zu dürfen. Es würde wohl niemand wundern, wenn Zypries das Verbot der Privatkopie auch auf die Zusammenstellung persönlicher Compilations ausdehnt.
Dabei zahlt jeder Kunde Urheberrechtsabgaben für Leer-CDs und Brenner, deren Erlöse an die Rechteinhaber verteilt werden. Damit dürfte sich das Problem der angeblichen Einnahmeausfälle durch massenhaftes Brennen relativieren, wenn nicht erledigen.
Davon ist natürlich keine Rede, denn die Rechteinhaber betrachten die Urheberrechtsabgabe wie ein Bonbon, daß man nebenbei lutscht, während die fette Gans tranchiert wird.
Wenn aber die Privatkopie tatsächlich verboten wird: Fallen dann auch die Urheberrechtsabgaben weg? Oder heftet man sie in den Ordner “Ewige Steuern und Abgaben”, neben Schaumweinsteuer und Solidaritätszuschlag?
Fragen über Fragen …
Nachtrag:
Wie auf Bestellung legt SPON mit einer alarmistischen Warnung vor den Gefahren des Wasserzeichens in jeder gekauften iTunes-Plus-Datei nach. Mit diesem Wasserzeichen könne ein Bösmensch überführt werden, der den Song zum Filesharing anböte. Deshalb wäre der Wegfall des DRM Augenwischerei, denn hintenrum hält Apple den Daumen auf jedem Song.
Heilige Einfalt! Was für eine Neuigkeit! Diese Wasserzeichen sind älter als Kaisers Bart, lassen sich aber leichter entfernen. Man hat den Eindruck, als nähme der servile Haufen um Patalong, Knoke, Meusers und den hauseigenen Deppen Wieschowski das Abhandenkommen eines ihrer Lieblingsthemen übel.
Vielleicht hat ihnen Apple den Journalistenrabatt gestrichen. Das wäre natürlich unverzeihlich und für das Expertenquartett ein Grund, noch öfter gegen Apple zu husten.
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