Die ganz große Wilhelm-Pieck-Verschwörung

Geschrieben von messitschbyburns am 14. Januar 2009 | DDR, Geschichte, SPIEGEL/SPON


Heute laden wir Sie, liebe Leser, zu einem amüsanten Besuch in einer Hamburger Irrenanstalt ein. Bitte verhalten Sie sich ruhig, füttern sie keine Patienten und stellen Sie das Rauchen ein.

Vielen Dank.

In der geschlossenen Station “einestages” der psychiatrischen Klinik SPON saß Patient Christian Habbe allein in seiner Zelle. Man hatte ihm aufgetragen, einen Aufsatz für die Wandzeitung zu schreiben, die im Stationsflur hängt, neben dem Zimmer der Oberschwester, unter dem Dreifachportrait Buddha, Jesus und Augstein. Das Thema durfte er selbst wählen. Es interessierte sowieso keinen; reine Beschäftigungstherapie.

Habbe saß allein vor seinem Blatt.

Er nahm den Stift in seine Faust und versuchte sich im Schreiben. Steif krakelte er Buchstabe für Buchstabe. Von der Stirn klatschten dicke Schweißtropfen aufs Papier. Es fiel ihm schwer, denn das Schreiben war ihm noch weniger geläufig als das Denken. Aber wenn sein Aufsatz an der Wandzeitung hing, würde sich die Oberschwester freuen, und dann schob sie ihm vielleicht ein oder zwei Küchenschaben extra auf den Teller, zum Dessert.

Habbe gab sich Mühe, im Rahme seiner Möglichkeiten. Er schrieb:

“Eine Heilsfigur der KPD [spielte] in der Mordsache [Liebknecht und Luxemburg] eine höchst zweifelhafte Rolle - Wilhelm Pieck.”

Das las sich gut. Die erste Küchenschabe war ihm sicher.

Habbe bohrte tief in der Nase. Er strengte sich an, lose wirbelnde Erinnerungsfetzen an Hauptmann Waldemar Pabst in seinem Kopf zusammenzufügen. Pabst hatte als 1. Generalstabsoffizier der Garde-Kavallerie-Schützen-Division den Mord an Liebknecht und Luxemburg befohlen. Das war bekannt.

Später erklärte Pabst immer wieder, er habe den Mordbefehl indirekt vom Oberkommandierenden Gustav Noske (SPD) erhalten. Eine Exekution der beiden Revolutionäre — und damit auch des Sohnes des SPD-Urvaters Wilhelm Liebknecht — mit Duldung oder Billigung der SPD?

Das durfte nicht sein.

Habbe bohrte tiefer. Mit einem satten “Blop” holte er einen Klumpen aus der Nase und schnipste ihn zu den hundert anderen, die an der Zellenwand klebten. Er dachte nach.

Wie war das noch mal mit Wilhelm Pieck?

“[Pieck] hatte sich zusammen mit Luxemburg und Liebknecht versteckt und war gemeinsam mit den prominenten Genossen verhaftet worden. Er allerdings entkam, weil es ihm nach eigenen Angaben gelang, sich im Verhör herauszureden und später auf dem Transport ins Gefängnis abzusetzen.”

Warum sollte Hauptmann Pabst einen Kommi laufen und zwei Sozen erschießen lassen? Müßte es nicht umgekehrt sein?

“[Pabst] habe die Freilassung Piecks angeordnet, da der ausgiebig kooperiert haben soll: ‘Herr Pieck war nämlich so freundlich gewesen, mir alle militärischen Angaben zu machen’, wie Pabst notierte. Der gefangene KPD-Führer habe sich alles ‘aus der Nase ziehen lassen’ - über Wohnungen und Ausweichquartiere der Rebellenprominenz, ihre Telefonanschlüsse, ihre Waffenlager, ihre Alarmorganisation, ihre Sammelplätze ‘und so weiter’ (Pabst).”

Demnach wäre Pieck ein übler Verräter? Ein Judas, der um den Lohn der eigenen Entlassung die Revolutionäre Liebknecht und Luxemburg an ihre Mörder verschacherte?

Habbe rollte den nächsten Popel zwischen Daumen und Zeigefinger. Er grübelte: Wenn Wilhelm Pieck mit Liebknecht und Luxemburg verhaftet wurde, kann er sie nicht verraten haben. Ihr Versteck war ja bekannt.

Trotzdem: Verrat klingt gut. Darauf läßt sich aufbauen:

“Anfang der dreißiger Jahre dann gab es eine KPD-interne Untersuchung der Verratsvorwürfe, die offiziell mit Piecks Entlastung endete. Die Unterlagen dazu blieben jedoch unveröffentlicht. Mehr wusste womöglich der Untersuchungsführer, der damalige Parteichef Ernst Thälmann. Der jedoch wurde gleich 1933 von den Nazis verhaftet, während Pieck als Komintern-Sekretär im Moskauer Exil Karriere machte. Auffälligerweise wurde KZ-Häftling Thälmann offenbar nie für einen Gefangenenaustausch in Betracht gezogen, wie ihn Moskau mit dem Hitlerreich in mehreren Fällen praktizierte.”

Habbe huschten trübe Gedanken durch den Kopf. Stalin ließ nicht mal seinen eigenen, von den Deutschen gefangenen Sohn austauschen. Weshalb sollte Stalin also Thälmann befreien lassen? Und wäre es nicht albern, anzunehmen, ausgerechnet Stalin hätte Angst vor Thälmanns Plauderstündchen? In Moskau, unter Aufsicht des Geheimdienstes?

Habbe wurde nervös. Sein Thema entglitt ihm. Wie konnte er den Mord von der SPD zu Pieck umleiten? Mit einer reißerischen Überschrift!

“Dauerfehde um einen Doppelmord. Vor 90 Jahren töteten Rechtsextreme die KPD-Führer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht […] Bis heute gibt es Streit, ob sie ein Sozialdemokrat oder ein Kommunist ans Messer lieferte.”

Habbe lehnte sich zufrieden zurück. Er spürte, daß er geschrieben hatte, was die Oberschwester lesen wollte: Der Kommunist Pieck als möglicher Verräter, der — wenn er Verräter war — Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ans Messer geliefert hat. Was zwar durch die gemeinsame Verhaftung aller drei — objektiv betrachtet — unmöglich war, sich als spekulative Schlagzeile aber prima machte.

Habbe wartete auf seinen Lohn. Drei Küchenschaben und eine fette Spinne sollten es schon sein.

Zur gleichen Zeit, an einem anderen Platz:

Der Sozialwissenschaftler Klaus Gietinger machte sich ebenfalls Gedanken. Ein paar mehr Gedanken als Habbe. Gietinger veröffentlichte seine Gedanken in einem Buch: “Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere.”

Für das Buch hat Gietinger “in Archiven zahlreiche bisher unveröffentlichte Dokumente über Pabst aufgespürt, die u. a. dessen umfangreiche Zusammenarbeit mit der SPD bei der Niederschlagung der Novemberrevolution belegen.”

Zum Fall Pieck schreibt Gietinger:

“[Der stellvertretende Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Günther Nollau] erinnerte sich der Gerüchte, die seit Jahrzehnten über die Rolle Piecks bei der Verhaftung von Luxemburg und Liebknecht herumschwirrten.”

Nollau ging am 30. November 1959 zu Hauptmann Pabst:

[Pabst] gab bereitwillig Auskunft. Pieck habe die Adressen von Spartakusleuten und ihre Waffenlager preisgegeben (die es im übrigen nicht gab). Was Pieck damals Pabst wirklich erzählte, ist bis heute unklar. Jedenfalls kam er auf Pabsts Befehl frei.”

So kurz und bündig kann man die ganz große Pieck-Verschwörung abhandeln. Aber nicht, wenn man einen Platz in der geschlossenen Station “einestages” gebucht hat, unter dem Dreifachportrait von Buddha, Jesus und Augstein.

Keine Kommentare ↓

Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.

Mein Kommentar: