Unsere kleine Liste des revolutionären Personals der 1989er Zeit- und Weltgeschichte wird immer länger. Doch bevor wir das neueste Mitglied im Club der Maueröffner begrüßen, wollen wir Ihnen, liebe Leser, eine Frage stellen:
Wer erklärte am 9. November 1989, “Privatreisen können nach dem Ausland ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden”?
Denken Sie scharf nach. Haben Sie’s?
Günter Schabowski, natürlich. War das zu leicht? Dann warten Sie’s ab. Jetzt wird es lustig.
Denn Günter Schabowski hat diesen Satz gesprochen, aber mitnichten den Fall der Mauer bekanntgegeben.
Verstanden? Nein? Wir erklären es:
Schabowski holte am 9. November 1989 in der berühmten Pressekonferenz den noch berühmteren Zettel aus der Jackentasche und antwortete um 18:53 Uhr — live vom DDR-Fernsehen übertragen — auf eine Frage des italienischen Korrespondenten Riccardo Ehrman zum Reisegesetz:
“Und deshalb haben wir uns dazu entschlossen, heute eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen.”
Soweit die Fakten. Aber: Das war erstens SED-Schabowski, der zweitens im DDR-Fernsehen sprach, was drittens keine Relevanz besitzt. Denn wo wird eine Meldung erst zur Nachricht?
In den Tagesthemen.
Das glauben Sie nicht? So ist es aber. Bert Hoppe kann es begründen:1
“Genaugenommen hat am 9. November 1989 nicht Günter Schabowski die Maueröffnung bekannt gegeben, sondern der damalige Moderator der ARD-Tagesthemen Hanns Joachim Friedrichs.
Denn als das Politbüro-Mitglied Schabowski gegen 19 Uhr zum Abschluss einer Pressekonferenz verkündete, dass fortan neue Reisebestimmungen für DDR-Bürger gelten würden, tat er dies so konfus und verwirrend, dass sein Orakelspruch einer Deutung bedurfte.
Da die DDR-Nachrichtenagentur ADN schwieg, übernahmen westliche Medien diese Aufgabe – und so kündigte Hanns Joachim Friedrichs in der ARD um halb elf Uhr abends eine ‘historische’ Nachricht an, mit der Schabowskis Aussage gewissermaßen weitergedacht wurde: ‘Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind. Die Tore in der Mauer stehen weit offen.’”
Das müssen Sie sich so vorstellen, liebe Leser:
Die DDR-Bürger, die am 9. November 1989 Schabowskis Pressekonferenz im DDR-Fernsehen verfolgten — und das waren nicht wenige; damals schossen die Einschaltquoten der täglichen Pressekonferenzen und sogar der Aktuellen Kamera in nie erreichte Höhen –, saßen blöde glotzend vor der Röhre. Sie hatten Schabowski gehört, gewiß, aber sie hatten ihn nicht verstanden.
Ein großes “Hä?” rollte durch die DDR. Nachbar klingelte beim Nachbarn, Kollege beim Kollegen, und die Menschen fragten einander: “Hä?” Denn Schabowski nuschelte konfus und verwirrend, was für die auf einfache Kommandos und klare Befehle gedrillten DDR-Bürger geistig nicht zu verdauen war.
Sie schalteten die Fernsehgeräte und Radios blitzschnell aus, um nicht zu hören, wie Schabowskis Sensation kommentiert wurde. Niemand lief spontan zur Mauer, und um 21:20 Uhr wurde auch nicht der Grenzübergang Bornholmer Straße zaghaft geöffnet.
Selbst unser Held Eppelmann hat vermutlich geflunkert, als er schrieb:
“Am frühen Abend des 9. November 1989 […] traf ich auf den Ostberliner Stadtjugendpfarrer Wolfram Hülsemann, der mich fragte, ob ich auch schon über die Medien davon gehört habe: die Mauer sei offen […]
Gemeinsam machten wir uns auf den Weg zur Bornholmer Straße. Ein Menschenstrom bewegte sich auf den Grenzübergang zu. An der Mauer, unmittelbar vor dem noch geschlossenen Schlagbaum, standen bereits etwa hundert Personen.
Sie hatten vermutlich alle im Fernsehen die Nachricht von den neuen Regelungen zur ständigen Ausreise gehört, die Politbüro-Mitglied Günter Schabowski auf einer Pressekonferenz versehentlich bekannt gegeben hatte. An diesem 9. November verstanden die einstigen Untertanen der Einheitspartei ihre Führung wörtlich und strömten an die Grenzübergänge.”
Über allen schwebte das große, verständnislose “Hä?”, und die Menschen in der Soffjetzone würden wohl heute noch auf der Straße stehen, wie Karpfen in die Gegend starren und immer wieder “Hä?” rufen — wenn nicht das Westfernsehen gewesen wäre.
Denn um 22.42 Uhr war es endlich soweit:
“Mit der Meldung der Tagesthemen jedoch, es sei nun offensichtlich möglich, ‘völlig komplikationslos nach West-Berlin zu kommen’, setzte ein Massenansturm auf die Grenzübergänge ein. Eine Stunde später wurden an der Bornholmer Straße alle Kontrollen eingestellt; der leitende Offizier hatte angesichts des gewaltigen Andrangs entschieden: ‘Wir fluten jetzt.’”
Der Menschenstrom hätte sich ohne Hanns Joachim Friedrichs nie in Bewegung gesetzt. Denn der konfuse und verwirrte Schabowski war einfach nicht zu verstehen. Durch die geöffnete Grenze würde nur der kalte Novemberwind fegen, von Ost nach West. Und was zuvor geschah, nach Schabowskis konfuser Verwirrung, am frühen Abend zwischen 18:53 Uhr und 22.42 Uhr, bleibt für immer im Dunkeln.
Gute, alte ARD. Wenn wir dich nicht hätten.
Dafür winden wir eine schwarz-rot-goldene Girlande um Hanns Joachim Friedrichs’ Grab und meiseln seinen Namen als Neuzugang auf die marmorne Ehrentafel des Clubs der Maueröffner:
- Günter Schabowski
- David Hasselhoff
- Wolf Biermann
- City
- Scorpions
- Ronald Reagan
- Michail Gorbatschow
- Papst Johannes Paul II.
- Dr. Helmut Kohl
- Unser Held Eppelmann
- Pfarrer Christian Führer
- Gott
- Papst Benedikt XVI.
- George Bush
- Hanns Joachim Friedrichs
Sie fragen sich vielleicht: Hä? Warum macht Friedrichs den Schabowski?
Ganz einfach: Der bürokratische Vollzug der Maueröffnung im Rahmen des neuen Reisegesetzes war ein reines DDR-Gewächs. Das ist für die westdeutsche Geschichtsschreibung ein gewaltiges Problem. Schließlich ist man gewohnt, über die gesamte deutsche Geschichte zu gebieten.
Jetzt hat man eine Lösung gefunden: Abwertung Schabowkis als konfus und verwirrt — d.h., nicht Herr seiner Sinne — wirkenden Mann, Delegitimierung des DDR-internen Verwaltungsaktes der Maueröffnung und Umdeutung zum westdeutschen Hosiannah: Der Erlöser saß im Fernsehstudio des NDR.
Der Gnadenakt der Befreiung der 16 Millionen Ostzonesier aus den Klauen des Politbüros der SED als quasi-religiöse Verkündung durch einen kleinen grauhaarigen Dauerblinzler im Nachrichten-Tempel der ARD.
Gesegnet sei Hanns Joachim Friedrichs.
Die üppig blühende Maueröffner-Phantasie ist beileibe nicht der einzige Unfug des Autors. Über die Wirtschaftskraft der DDR schreibt Hoppe, daß “außer dem Verkauf eigener Landeskinder in die Bundesrepublik kein Wirtschaftszweig so richtig aufblühen wollte.”
Die Verabsolutierung “kein Wirtschaftszweig” ist potenzierter Schwachsinn. Davon abgesehen scheint der Autor die im Verhältnis zur Bevölkerungszahl und Wirtschaftskraft überproportionalen Reparationen, Demontagen und Besatzungskosten nicht zu kennen. Auch Sabotage, Spionage und Firmenabwanderungen — inklusive der Marken und Patente — sind ihm unbekannt; ebenso der Alleinvertretungsanspruch der BRD, verbunden mit Embargo, Wirtschaftsboykott, CoCom-Liste und dem Ausfuhrverbot für strategische Güter wie z.B. Computer.
Alles beste Voraussetzungen für den Aufbau einer Wirtschaft auf Augenhöhe mit den USA.
Walter Ulbricht neigte zwar zur Autarkie, aber selbst, wenn er gewollt und der RGW eine konvertierbare Währung unter dem Diktat von IWF und Weltbank eingeführt hätte, wäre ein freier Handel mit dem Westen nicht möglich gewesen. Wo Staaten landen, die vom freien Handel abgeschnitten sind, könnte Hoppe heute noch in Afrika studieren.
Nächster Unfug. Der Autor kannte den Zeitpunkt des Ablebens der DDR:
“Nichts vermochte den nahenden Untergang des SED-Regimes deutlicher auszudrücken, als die Tatsache, dass die Stasi im Mai 1989 Broschüren der sowjetischen Nachrichtenagentur ‘Nowosti’ mit den ‘Hetzblättern’ der Opposition gleichsetzte.”
Das sind die Klügsten unter der Sonne: Die im Jahr 2009 genau gewußt haben wollen, daß im Mai 1989 der Untergang der DDR nahte. Warum sich diese Klugen im November 1989 erschrocken auf den Mund schlugen, weil sie vom Mauerfall doch ein wenig überrascht wurden, werden wir nie erfahren. Wer nachfragt, riskiert einen bösen Blick.
Weiter mit dem Unfug. Warum demonstrierten die DDR-Bürger erst 1989 gegen ihre Regierung?
“Bis in das Frühjahr 1989 hinein war es [für das MfS] vergleichsweise einfach gewesen, die ostdeutsche Opposition zu überwachen und zu kontrollieren – die Szene war nicht nur recht überschaubar, sie ließ sich zudem durch Ausbürgerungen in die Bundesrepublik gezielt verkleinern. Die Möglichkeit, auf diese Weise den oppositionellen Überdruck zu verringern, war einer der wesentlichen Faktoren, weshalb es in der DDR, anders als in Polen, lange Zeit keine Massenproteste gegeben hat.”
Weil Biermann & Co. ausgebürgert wurden, kam es nicht schon früher zu Protesten? Grundgütiger Klabautermann.
Von der strategischen Funktion der DDR als Schaufenster des RGW mit entsprechend komoden Lebensverhältnissen, die eben nicht nur, wie Sportskanone Tiefensee unermüdlich schwadroniert, darin bestanden, “die Kohlen die Treppe hochzutragen, um dann am Ende in einer staubgeschwängerten Luft unsere Kinder großzuziehen”, sondern mit ihrem überschaubaren Komfort einen Gedanken an Ausreise nicht zwingend nahelegten, hat der Autor nie gehört.2
Macht nichts. Jeder Mensch darf dumm sterben.
Noch mehr Unfug. Warum demonstrierten die DDR-Bürger überhaupt gegen ihre Regierung?
“[Ab 1988] war nun nichts leichter, als ‘die Bearbeitungsfrist eines Ausreiseantrags durch quasipolitische Aktivitäten erheblich zu beschleunigen.’ […]
Tatsächlich hat wohl nichts die Protestbewegung in der DDR so beflügelt, wie der Wunsch vieler Ostdeutscher, in den Westen zu gehen: Freiheit bedeutete für sie vor allem, frei reisen zu dürfen.”
Die ersten, mächtigen Demonstrationen fanden statt, weil die Regierung der DDR nach Öffnung der ungarisch-österreichischen Grenze paralysiert war. Täglich zogen DDR-Karawanen gen Ungarn, auf Nimmerwiedersehen, und Honecker schwieg.
Das Potential derjenigen, die die DDR verlassen wollten, wurde auf zwei Millionen Menschen geschätzt.3 Doch der große Rest, der im Lande blieb, wollte nicht zusehen, wie alles vor die Hunde ging.
Deswegen — und NUR deswegen — formierte sich der Widerstand unter den beiden zentralen Losungen “Wir bleiben hier!” und “Wir sind das Volk!”4
Die von Hoppe so geschätzte Opposition bestand damals fast ausschließlich aus dem Neuen Forum, das allein in der Lage war, Massen zu binden und zu mobilisieren. Alle anderen Grüppchen blieben bedeutungslos.
Im berühmten Aufruf des Neuen Forums vom 11. September 1989 wird sehr viel über eine demokratische Öffentlichkeit und einen Dialog zwischen Staat und Gesellschaft nachgedacht. Forderungen nach ungehindertem Abflug in den Westen findet man mit keiner Silbe. Das wäre auch eigentümlich gewesen, denn die NFler wollten die DDR stabilisieren und demokratisieren — und nicht für immer verlassen.
Daß die Reisefreiheit auch ein Bestandteil der Proteste war, ist selbstverständlich. Doch das launische “Visafrei nach Hawaii” beinhaltete den unausgesprochenen Zusatz “… und zurück”. Denn im Gegensatz zu Hoppes Behauptung vom Wunsch vieler Ostdeutscher, mit einem Ausreiseantrag — und damit endgültig und ohne Chance auf Rückkehr — in den Westen zu gehen, wollten die meisten wiederkehren. So, wie es tatsächlich nach dem Mauerfall geschah.
Die frühen Massenproteste, die ihre Höhepunkte zwischen dem 7. und 23. Oktober 1989 erreichten, als bauernschlaues Mittel zur Beschleunigung der eigenen ständigen Ausreise zu beschreiben, ist deshalb hirnverbrannter Stuß.
Doch Hoppes Stuß paßt wunderbar zum ideologisch aufgeladenen Gestus der staatlich verordneten Jubelwochen. Immerhin.
- Der Name Hoppe ist uns schon einmal begegnet. Im Oktober 2008 widersprach er einer ekelhaften Schmiere des Russenhassers Hubertus Knabe. Doch das macht Hoppe nicht automatisch zum sakrosankten Menschen für uns, dessen Unsinn wir schweigend übergehen. [↩]
- Undankbare Leser protestierten hier und hier gegen Tiefensees Kohlentrauma. Man sollte sie ausbürgern. [↩]
- Diese Zahl deckt sich inzwischen mit der Ost-West-Binnenwanderung nach dem Mauerfall. [↩]
- Sekundiert von Sprüchen wie “Gehen ist Silber, Bleiben ist Gold”, “Bleibe im Lande und wehre dich täglich” und “Alles Unkraut ausreißen ist besser als ausreisen”. [↩]
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