Nach langer und reiflicher Überlegung traf unsere Jury einstimmig den Beschluß, Ihnen den Lyrikpreis der Redaktion anzutragen:
“Schönstes Gedicht des Jahres 2009″
Um Ihnen, verehrter Herr Grünbein, unsere schmale Auszeichnung zu überreichen, haben wir uns – Trommelwirbel – hier versammelt, in der endzeitlichen Baugrube des gewesenen Palastes der Republik. Nehmen Sie bitte – Fanfare — das PdR-Weinglas mit dunkelrotem Lippenstift, persönlich aufgetragen von Margot Honecker, als Zeichen unserer Wertschätzung, aber auch – Fanfare, Trommelwirbel, Fanfare – der demütigen Dankbarkeit für Ihr lyrizistisches Lebenswerk.
Wir bitten um Aufmerksamkeit für die Laudatio, gesprochen von der gesamten Jury im Chor:
Durs Grünbein schuf mit seinem Gedicht einen Gegenentwurf zur Sinndestruktion unserer sinn-entleerten, vom Sinn entleerten, ja, aller Sinne entleerten Zeit. In Grünbeins lyrischen Antipoden prallen Raumwolken und Klangkonstanten aufeinander; sie stieben funkensprühend durch die Tragödien unseres Alltags und hinterlassen eine unerbittliche Ahnung von den Strukturen des Hitlerismus und Stalinismus. Sie gelten als meisterliche, beklemmende Assoziationen des Heiligen Sozialistischen Reichs Deutscher Nation.
Der Schwerstarbeiter im Namen der Transzendenz nimmt uns mit auf die Wanderschaft durch die Auen der Anschauung. Er lehrt uns die Furcht vor dem Islam und betreibt eine unerbittliche Analyse der menschlichen Existenz, gespeist aus den Grundängsten und Zweifeln des Erdenmenschen im Angesicht der Inkontinenz der menschlichen Natur, der konstitutionellen Erfahrung der Endlichkeit des Daseins und Vergehens.
Unermüdlich rüttelt der protozoische Phänotyp Grünbein am Thalamus unserer behäbigen Alltagsroutine. Er packt unsere Verdrängungen, um sie mit den aberwitzigen Tragödien unseres Daseins zu versöhnen. Ein Zeitraffer des Großen im Kleinen und retour.
Grünbein nennt sich scherzhaft einen “poeta empiricus”, und darin besteht kein Zweifel. Mit seinem namenlosen Gedicht, das wir in respektvoller Anmaßung “Oh mein Palast, der du da gangest!” nennen wollen, gelang Grünbein ein lyrisches magnum opus, das zwischen Längstvergangenem und Ungedachtem, zwischen analytischer Kulturkritik, kulturkritischer Diagnose, diagnostischer Illusion und illusionsloser Existenzanalyse eine Brücke schlägt.
Nicht nur, aber auch!
Applaus, Trommelwirbel, Fanfare, Trommelwirbel, Applaus
Mit größter Freude begrüßen wir den Dichter, der sein Werk auf einem eigens aufgeschütteten Sandhügel rezitieren wird:
Oh mein Palast, der du da gangest!
Es gab mal ein Haus in Berlin,
Dort ging man zum Stasi-Ball hin.
Da traf sich zu Krimsekt und Tee
Die SED-Hautevolee.
Es gab mal ein Haus in Berlin,
Da tanzte die Honeckerin
Im Blauhemd, ganz unverschämt,
Mit den Jungs vom Wachregiment.
Das Haus aber war ein Palast,
Darin hatte der Stahlwerker Spaß,
Auch das einstige Dienstpersonal,
Bei Soljanka und Damenwahl.
Gebaut freilich hat den Palast
Der Kapitalist (schwedischer Trust),
Die Fassade voll kupferbedampft -
Als Oase im Klassenkampf.
Der Stil war Baracken-Barock,
Für manch Altgenossen ein Schock.
Doch draußen, von Weitem zu sehn,
Hing das Hammer-und-Zirkel-Emblem.
Das Wunderwerk prägte sich ein
Wie Schneewittchens gläserner Sarg,
In Kombination mit Karl Marx,
Sogar auf dem Hundertmarkschein.
So war für dies Haus in Berlin
Dem Staat manche Sünde verziehn.
Wer vom Land in die Hauptstadt kam,
Staunte lange den Glaskasten an.
Aus dem Innern erstrahlten satt
Lichter, ein paar zehntausend Watt.
Alt aussehn im Abendverkehr
Ließ den Dom die Vitrine der DDR.
Hier war in der Volkskammer tags
Beim Beschluß der Standpunkt gefragt.
Hier hing an der Mitternachtsbar
Der Bonze der Diseuse im Haar.
Bis am Vierzigsten Jahrestag
Der Wirtschaftsminister erschrak.
So schlecht war die letzte Bilanz,
Daß keiner mehr mitschwang im Tanz.
Es gab mal ein Haus in Berlin,
Da saß hinter schwedischen Gardinen
Beim Abschlußbankett, sehr allein,
Der Generalsekretär mit den Seinen -
Weil sein Moskauer Boss ihn verriet.
Denn draußen zog längst die Masse
Den Rammsporn durch alle Straßen.
Und das war das Ende vom Lied.
Es war mal ein schmucker Palast,
Der hat tausende Bürger gefaßt,
Mit Rolltreppen, Ölschinken, Bühnen
Verkündend: Das habt ihr verdient.
Nun ist dieses Haus abgeräumt,
Und mancher ist da, der noch träumt
(Saß er nicht Jahre im Knast)
Vom Arbeiter-und-Bauern-Palast.
Applaus, Jubelrufe, Fanfare, Jubelrufe, Applaus
Danke, tausend Dank, danke, danke, danke und nochmals danke, lieber Herr Grünbein. Von Ihrem Vortrag werden wir noch lange zehren. Er gibt uns Mut, aber auch Kraft und Zuversicht.
Applaus, Hochrufe, Trommelwirbel, Fanfare
Im Anschluß an unsere kleine Zeremonie wird Herr Grünbein im Wartehäuschen der Bus-Linie 100 handkopierte Exemplare seines Gedichtes signieren. Wir bitten um rege Teilnahme.
Hurz!
Messitsch by Burns
2 Kommentare ↓
Ich möchte mich mal bedanken, daß Sie diese Seite betreiben. Ihre Texte sind einfach schön und dazu auch noch informativ.
Und dann noch den “Hurz” anzuhängen, bei obigem Text Ihrerseits.
Bitte sehr, und danke für das Lob :)
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