Gelebte deutsche Leitkultur (13)

Geschrieben von messitschbyburns am 17. Januar 2009 | Gelebte deutsche Leitkultur


Komm’se rin, wir ha’m jeheizt! Häng’se sich uff, wie der Berliner sagt, und jehn’se in die jute Stube.

Keine Sorge, wir sind nicht betrunken; nur gut gelaunt. Wir haben nämlich etwas vorbereitet, wie der Sternekoch im ZDF.

Sie kennen doch unseren schicken gläsernen Beistelltisch, auf dem die Calla blüht. Darauf liegt ein kleiner Stapel bunter Illustrierter. Die brauchen wir heute, denn wir wollen ein Spiel mit Ihnen spielen.

Sitzen Sie bequem? Fehlt was? Der Kaffee! Quelle Malheur. Würden Sie die Tasse reichen? Danke.

Jetzt aber los. Wir wollen Ihnen unser kleines Spiel erklären.

Sehen Sie die leere Weinflasche? Die legen wir auf den Boden und drehen sie im Kreis. Derjenige, auf den der Flaschenhals zeigt, muß sich au … Au!

Das war nur ein Scherz! Ein schlechter, und wir schämen uns; ein bißchen. Sie stoppten uns schneller, als wir dachten. Stiletto auf Zeh, das tut weh. Wir würden doch mit Ihnen nicht Flaschendrehen spielen, Madame. Obwohl … Au!

Wir haben unsere Lektion gelernt, Madame, unter Schmerzen. Einen Schluck Kaffee, als Friedensangebot?

Jetzt aber zum richtigen Spiel — bitte halten Sie Ihre Füße still, es ist ganz harmlos. Nehmen Sie die Ausgaben des Magazins DER SPIEGEL vom Stapel und schauen Sie sich die Titelblätter an. Nur die Titelblätter; der Inhalt soll uns nicht interessieren.

Hier ist unsere Quizfrage: Welche Titelblätter verkauften sich im letzten Jahr am besten?

Haben Sie’s? Nein … nein … nein … auch nein. Spiel verloren.

Dabei läge die Antwort auf der Hand. Wovor gruselt sich der Deutsche am liebsten? Vor seinem Führer.

Das meistverkaufte Titelblatt klebte auf Ausgabe 03/2008:

spiegel_03_2008.jpg

Hitler, Hakenkreuz und der wohlige Schauer des fett gedruckten Wortes “Untergang” beschenkten den Spiegel-Verlag mit sagenhaften 519.626 Einzelverkäufen, d.h., Verkäufen am Kiosk, nicht im Abonnement.

Einzelverkäufe sind aussagekräftiger als Abonnements, um die Wirkung eines Titelblattes zu messen. Am Kiosk entscheidet sich der Kunde spontan: Hitler? Geil! Gekauft!

Seinen toten Führer darf der Deutsche nicht mehr lieben, zumindest offiziell. Aber den spirituellen Führer und Wegweiser in ein anderes Reich hat er fest ins Herz geschlossen. Platz 2 für Ausgabe 13/2008:

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Jesus geht immer. Ein dürrer junger Mann in Woodstock-Pose, dazu die lockenden Worte “Jesus” und “Guru”. Das brachte 494.025 Einzelverkäufe.

Allerdings ist Jesus ist eben nur Jesus, und der Deutsche läßt seinen Führer nicht im Stich. Platz 3 für Ausgabe 45/2008:

spiegel_45_2008.jpg

Ein Großfoto von Himmler und Hitler, auf dem schmucke schwarze Mützenschirme glänzen und ein blutroter Mantelkragen leuchtet, dazu eine Gratis-DVD für Himmler im Heimkino — das spülte 455.353 Einzelverkäufe in die Kassen des Sturmgeschützes der Demokratie.

Was lehrt uns das?

Die Deutschen sind vollständig entnazifiziert und kaufen sich alle Ausgaben, auf denen ein grimmig blickender oder verkniffen lächelnder Hitler prangt, um sich stündlich zu belehren und jederzeit nachzulesen, wie schlimm das war, damals, als der Österreicher Adolf Hitler und seine fesch gekleideten Vollstrecker Schande über Deutschland brachten.

Und zur seelischen Erbauung zwichen Hitler, Tod und Teufel flüchten sich die Deutschen zu ihrem metrosexuellen Ersatzführer Jesus. Der ist nicht anrüchig, den kann man prima finden, und außerdem ist er schlank wie Amy Winehouse, sieht aber gesünder aus und hat mehr echte Zähne.

Das Spiel ist kniffliger, als es scheint, nicht wahr?

Machen wir eine kurze Pause, trinken ein Tässchen Rondo und erholen uns bei einem anderen Spiel. Geben Sie uns bitte die verschlossene Packung Kaffee, die auf dem Tisch steht.

Auch Rondo möchte uns zum Spiel verführen. Auf der Packung steht:

Zum 100. Geburtstag verlost Röstfein Preise zum Verlieben: Eine Reise nach New York und 99 Liebesfilm-DVD-Pakete.

Wollen wir gemeinsam nach New York fliegen, Madame? Dann müssen wir folgende Frage beantworten:

Wie viele Jahre Kaffee-Erfahrung hat Röstfein? 10 Jahre — 100 Jahre — 33 Jahre.

Eine knifflige Frage. Wir bleiben wohl besser zu Hause, bevor wir uns mit einer falschen Antwort blamieren.

Haben Sie sich erholt? Dann möchten wir unser erstes Spiel mit der gegenteiligen Frage fortsetzen. Gleiche Zeitschrift, gleiches Jahr, aber: Welche Titelblätter haben sich am schlechtesten verkauft?

Nein … nein … nein … das ist wohl doch zu schwer. Zugegeben, wir hätten es auch nicht gewußt. Wir kennen aber die Lösung.

Beginnen wir mit dem drittletzten Platz. Ausgabe 49/2008:

spiegel_49_2008.jpg

Nur 325.560 Einzelverkäufe für Angela Mutlos. Ehrlich — das hätten wir dem Spiegel vorher sagen können. Ein albernes Trotzköpfchen-Foto, das alles mögliche signalisiert, aber keine Mutlosigkeit, kombiniert mit dem gequälten Kalauer “Angela Mutlos” und einer düsteren Photoshop-Ausleuchtung.

Wußten Sie, daß die Spiegelgrafiker von Deutschlands Kreativen mit dem Zusatz “berüchtigt” apostrophiert werden? Wenn Sie sich das mutlose Titelblatt anschauen, können Sie sich denken, warum.

Vorletzter Platz für Ausgabe 16/2008:

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Ein typographisches Schlachtfeld mit Siemens-Banderole. Dafür konnten sich nur 324.688 Einzelkäufer begeistern. Zu recht.

Und hier ist der letzte Platz für die am schlechtesten verkaufte Ausgabe — Heft 05/2008:

spiegel_05_2008.jpg

Ist es die Kaaba in Mekka, verhüllt von Christo und Jeanne-Claude? Ein römischer Tempel hinter Gerüstplanen? Die Alte Börse in Leipzig während der Restaurierung? Verbunden mit einem Rätsel für Bildungsbürger (“Finde den Fehler im Brecht-Zitat!”) und dem mehrdeutigen Wortspiel “Casino Global”, das von James Bonds “Casino Royale” geklaut wurde und vermutlich zum Denken anregen sollte? Denn Spiegel-Leser wissen mehr und exegieren Titelblätter.

Lächerliche 322.567 Käufer wollten dieses Heft erwerben. Sagten wir schon, daß die Spiegelgrafiker als berüchtigt …? Wir sagten es.

Noch ein Käffchen zur Stärkung? Danach möchten wir Ihnen noch etwas Lustiges zeigen.

Apropos Käffchen: Auch in Brandenburg wird inzwischen Rondo gekocht. Und getrunken. Ist das nicht schön?

Was wir Ihnen zeigen wollten, ist eine Grafik. Zuvor müssen wir ein wenig ausholen. Haben Sie noch Kaffee? Auch Milch und Zucker?

Alles schick? Alles schick.

Sie haben sicher gehört, daß die Berliner Zeitung am 14. Januar 2009 an den Verlag M. DuMont Schauberg verkauft wurde. Am gleichen Tag begrüßte der Tagesspiegel den Verkauf seiner Konkurrenz mit einer hauseigenen Jubelmeldung. Daraus wollen wir Ihnen ein paar Köstlichkeiten vorlesen.

Ein Anonymus, der den Artikel ganz bescheiden mit Tsp zeichnete, hob zuerst die im bundesweiten Vergleich einzigartige und besonders schwierige Situation für die Medienhäuser in der Hauptstadt hervor:

Zehn Tageszeitungen werden hier herausgegeben, davon sind sieben Abonnementsblätter - ‘Der Tagesspiegel’, ‘Berliner Zeitung’, ‘Berliner Morgenpost’, ‘Welt/Welt kompakt’, ‘taz’, ‘Neues Deutschland’, ‘Junge Welt’ - und drei Boulevardzeitungen (’Bild’, ‘B.Z.’, ‘Berliner Kurier’).”

Lassen Sie uns gemeinsam schluchzen, Madame.

Weil er nicht sicher war, ob diese Aufzählung genügend Eindruck schinden würde, packte der unbekannte Autor noch die Funkhäuser dazu:

“Dazu suchen mehr als zwei Dutzend Radiostationen, der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) mit Hörfunk und Fernsehen sowie private TV-Regionalsender wie FAB und TV.Berlin die Aufmerksamkeit der Bewohner in Berlin und in der Hauptstadtregion.”

Und Messitsch by Burns, bitte sehr.

“Bis auf den gebührengestützten RBB müssen sich die Medien der Hauptstadt über den Markt finanzieren. Bei den Zeitungen sind der Vertrieb und die Anzeigen die wichtigsten Erlösfaktoren, und das bei scharfer Konkurrenz, geringer Kaufkraft und einer fortwirkenden publizistischen Ost-West-Teilung.”

Schnief. Ist es eine Träne der Rührung, die in Ihrem Auge glänzt, Madame?

“Vor diesem Hintergrund ist das Zeitungmachen in der Hauptstadt, die eben auch Sitz von Regierung und Parlament ist, eine Leistungsschau sondergleichen.”

Diese Leistungsschau der Unterhaltungskunst beschrieb der unbekannte Autor als Elefantenrennen:

“Die maßgeblichen Blätter haben potente Verlage im Rücken. Bei Tagesspiegel und dem Schwesterblatt Potsdamer Neueste Nachrichten sind das die Verlagsgruppe Holtzbrinck (’Zeit’, ‘Handelsblatt’), bei ‘Welt’ Gruppe, ‘B.Z.’, ‘Bild’ und ‘Berliner Morgenpost’ die Axel Springer AG, bei ‘Berliner Zeitung’/'Berliner Kurier’ ist es der M.-DuMont-Schauberg-Verlag.”

Was sollen wir sagen, Madame? Der Mann hat recht. Tatsächlich steht der Verlag Verlag M. DuMont Schauberg hinter der Berliner Zeitung. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des anonymen Artikels seit etwa 12 Stunden. Da kann man nicht meckern.

Dieser überlange redaktionelle Vorspann war dem Anonymus wichtig für die Sensibilisierung der Tränendrüse des Lesers. Denn nur, wer die einzigartige und besonders schwierige Berliner Situation einzuschätzen weiß, kann würdigen, wie tapfer sich der arme kleine Tagesspiegel im hauptstädtischen Haifischbecken behauptet:

“Der Tagesspiegel hat da seinen festen Stand. Seit Jahren kann er steigende, respektive stabile Auflagenzahlen vorweisen (siehe Grafik).”

Und das ist die zugehörige Grafik, die wir Ihnen zeigen möchten (zum Vergrößern hier klicken):

tagesspiegel_auflagenzahlen_s.jpg

Die Kurven sehen auf den ersten Blick beeindruckend aus. Tagesspiegel: 6,3 Prozent Auflagenzuwachs, Berliner Morgenpost: 20,7 Prozent Schwund, Berliner Zeitung: 30,6 Prozent Verlust, jeweils seit III. Quartal 1995.

Doch auf den zweiten Blick entdeckt man merkwürdige Dinge. Der Tagesspiegel hat einen Index erstellt. Von einem imaginären Nullpunkt im Jahr 1995 läßt der Grafiker die Kurven der Auflagengewinne und -verluste im Verhältnis zum Ausgangspunkt verlaufen.

Da der Tagesspiegel als einzige Zeitung seine Auflage stabil hielt, macht sich diese Kurve prächtig. Um sie noch mehr aufzupeppen, addierte der Anonymus den Ableger Potsdamer Neueste Nachrichten (PNN) zur Auflage des Tagesspiegels hinzu.

Und um wirklich sicher zu gehen, daß die Kurve nach oben und nicht nach unten zeigt, bezog er sein Rechenkunststück auf die Auflage von Montag bis Sonntag. So wird die Zahl dick und rund: 146.911 verkaufte Zeitungen im III. Quartal 2008.

Die Berliner Zeitung druckt aber keine Sonntagsausgabe. Nur sechs Ausgaben erscheinen pro Woche, vom Montag bis zum Sonnabend. Wollte man verläßliche Zahlen vergleichen, hätte sich der Tagesspiegel auf diese Wochentage beschränken müssen.

Ein Schwesterblatt besitzt die Berliner Zeitung auch nicht. Der Berliner Kurier, der im gleichen Verlag erscheint, ist Boulevard, keine Tageszeitung.

Weil der Anonymus entschied, nur verschwesterte Tageszeitungen zu summieren, fehlen der Berliner Zeitung die Verkaufszahlen des Kuriers. Seriöser wäre gewesen, die PNN aus der Zahlenmagie des Tagesspiegels herauszulassen — aber die Kurve, Madame, denken Sie an die Kurve. Sie soll nach oben zeigen, nicht nach unten.

Denn das Fazit dieser Grafik lautete:

“Der Tagesspiegel behauptet sich als meinungsführende Tageszeitung Berlins.”

Man kann die Zahlen auch anders deuten: Vom dramatischen Auflagenrückgang der anderen Zeitungen Berlins konnte der Tagesspiegel nur minimal profitieren. Das ist beschämend für eine meinungsführende Tageszeitung. Aber eine gerechte Strafe für die rechtspopulistische Volksverblödung der Holtzbrinck-Prawda.

Denn wenn wir wirklich vergleichbare Verkaufszahlen statt flotter Indizes verwenden, bereinigt um die Sonntagsausgaben und die PNN, sieht die Sache ganz anders aus (zum Vergrößern hier klicken):1

auflagenentwicklung_1998_2008_s.jpg

Berliner Morgenpost 1999 rasant in den Keller gerauscht, Berliner Zeitung im konstanten Sinkflug, und der Tagesspiegel als nur leicht flackernde Linie wie am Boden angekettet, mit einer Auflage von nur noch 134.144 statt der oben posaunten 146.911 Exemplare.

Aber der optische Effekt der Index-Verläufe ist natürlich viel beeindruckender.

So wird in Deutschland mit Verkaufszahlen jongliert, Madame. Der Tagesspiegel hat es besonders nötig, denn seit dem 14. Januar ist die Berliner Zeitung wieder ein echter Gegner und kein halbtoter Sparringspartner mehr. Da tut es gut, im dunklen Wald zu pfeifen und sich Mut zu machen.

Ach, weil wir gerade vom Wald sprechen: Letzte Woche trafen wir keine Wölfe in den Brandenburger Wäldern. Schade. Dabei hatten wir uns gründlich vorbereit und den unsterblichen Satz von Groundskeeper Willie auswendig gelernt:

“Hey, Wolfie, put down that hors d’ ouvre — it’s time for the main course!”

Vielleicht hätten wir nicht nur über zugefrorene Seen gleiten sollen, auf knackendem Eis und elfengleich wie Katarina Witt ohne Schlittschuhe. Die Seen kuschelten sich zwar idyllisch in die Wälder, aber Wölfe mögen wohl kein Eis.

Der Kaffee ist alle. Heben wir die Tafel auf, um Sie, Madame, zur Haustür zu begleiten. Die Sturmgeschütze entsorgen wir in der Gelben Tonne. Sie zu lesen lohnt nicht. Kaufen und wegwerfen genügt. Oder gleich am Kiosk liegenlassen.

Bleiben Sie optimistisch und heiter. Wir bleiben es auch.

  1. Quelle: Meedia.de []

2 Kommentare ↓

#1 emma peel am 19.01.09 um 01:14

“Ich habe Journalisten nie gemocht.
Ich habe sie alle in meinen Büchern sterben lassen.”

- Agatha Christie -

…eine Träne für den Tagesspiegel. ;-)

#2 admin am 23.01.09 um 00:00

Wir weinen mit! :)

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