Im letzten Jahr lief uns CDU-Mann Peter Krause über den Weg. Der thüringische Rechtspopulist sollte Kultusminister werden, um für seinen nicht minder populistischen Ministerpräsidenten Althaus die Stimmen der Burschenschaftler und “Ausländer Raus”-Rufer zu sichern. Das Amtszimmer in Erfurt war schon für Krause reserviert.
Daraus wurde nichts. Krause mußte draußen bleiben. Am 5. Mai 2008 erklärte er seinen Verzicht. Unter dem Hohngelächter der deutschen Medien juckelte er zurück nach Weimar.
Dort ist er König. Ein rachsüchtiger König, der seine Wut über den verlorenen Posten am Köcheln hielt. Jetzt sieht er die Stunde der Abrechnung gekommen.
Krause ist CDU-Stadtrat von Weimar und Vorsitzender des CDU-Kreisverbandes Weimar. Ein nationaler Phrasendrescher, der die CDU Thüringens als “volkskonservativ” apostrophiert, gegen den Willen seines Landesverbandes, und der jüngst von seiner gut organisierten Basis mit einem DDR-bekannten Wahlergebnis zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2009 bestimmt wurde: 100 Prozent Zustimmung.
Wie eine schwarz-weiß-rote Spinne hockt Krause im Zentrum eines dicht gewobenen Netzes aus Abhängigkeiten und Seilschaften. Sein Beutetier würde kommen, eines Tages. Er mußte nur warten.
Das Beutetier heißt Stephan Märki.
Der Schweizer Märki leitet seit 1999 das Deutsche Nationaltheater Weimar (DNT) als Generalintendant. Seine mit unorthodoxen Methoden erzielten Erfolge faßt die Welt so zusammen:
“Märki befreite das DNT aus dem Dschungel des Tarifdiktats, die Mitarbeiter verzichten auf Lohnsteigerungen und bekommen im Gegenzug Arbeitsplatzsicherheit und Gewinnbeteiligung durch ein Bonussystem. Seither wirtschaftet das DNT erfolgreich.”
Um zu verstehen, was Märki geleistet hat, muß man wissen, daß der kulturferne Ministerpräsident Althaus nach dem Jahr 2000 plante, seinen Landeshaushalt von Subventionen zu entlasten. Und wo streicht ein MP besonders gern?
Bei der Kultur.
Die Landesregierung wollte das DNT zur Fusion mit der Erfurter Bühne zwingen und zum künstlerisch bedeutungslosen, aber haushaltstechnisch preiswerten Nebenspielplatz schrumpfen. Märki verhinderte diese rein kaufmännisch gewollte Degradierung und schuf das Weimarer Modell, gegen alle Widerstände aus Landespolitik, Gewerkschaft und Deutschem Bühnenverein.
Anfang 2008 hob die Landesregierung das DNT in den Rang eines Thüringer Staatstheaters. Das DNT lebt und wird als deutsche Bühne respektiert.
Damit vergrätzte Märki eine Menge Leute mit langem Gedächtnis. Doch der wirkliche Feind wuchs ihm erst 2008.
Der Griff von Kamerrad Krrause nach dem Amt des Kultusministers wurde nicht vom Ministerpräsidenten, sondern von einer entsetzten Öffentlichkeit abgeblockt. Sie protestierte gegen die Inthronisierung eines schwarzbraunen Provinzpolitikers in das höchste kulturpolitische Amt Thüringens, das u.a. die Aufsicht über das KZ Buchenwald führt.
Einer von Krauses öffentlichen Gegnern war Stephan Märki, Indendant des DNT.
Ein Mitglied des Aufsichtsrates des DNT heißt Peter Krause.
Die Intrige nahm ihren Lauf.
Im Sommer 2008 scheiterte der erste Versuch von Krause, eine Verlängerung des bis 2010 laufenden Vertrags mit Märki zu sabotieren. Zwar standen Krauses Hinterzimmerbataillone Gewehr bei Fuß, aber wieder funkte ihm die Öffentlichkeit dazwischen.
1.000 Bürger Weimars demonstrierten für ihren Theatermann. Quer durch das deutsche Feuilleton griff man sich an den Kopf, daß in der thüringischen Provinz ein erfolgreicher Intendant von einem beileidigten CDU-Gesicht abgeschossen werden sollte.
Krause mußte klein beigeben und den Verhandlungen über eine dritte Intendanz zustimmen. Selbst MP Althaus und sein Ersatz-Krause, Kultusminister Bernward Müller (CDU), sahen sich gezwungen, Stephan Märki für geeignet zu erklären. Krauses Reaktion: “Ich setzte keinen Fuß mehr in dieses DNT.”
Aber eine Spinne ist geduldig.
Am 14. Januar 2009 schrieben vier Mitglieder des Aufsichtsrates des DNT einen Brief an Kultusminister Müller. Sie erklärten darin mit vielen Schlenkern, daß sie einer Vertragsverhandlung mit Märki nicht zustimmen könnten. Einer der Unterzeichner ist Peter Krause.
Die Thüringer Allgemeine, die sich pro Märki positioniert, fand den Brief so bemerkenswert, daß sie ihn als pdf zum Download bereitstellt.
Neben Krause unterschrieb auch Bürgermeister Christoph Schwind (CDU), aus tiefer Sorge um das DNT. Schwind wünscht sich mehr volkstümliche Stücke. Das Wort volkstümlich, von ihm selbst ausgesprochen, war ihm dann doch zu peinlich. Er möchte es lieber durch volksbekannt ersetzt wissen. Was hiermit geschehen ist.
Die Thüringische Landeszeitung (TLZ) interviewte den Besorgten: Was weiß er über das DNT?
Nichts. Wirklich gar nichts. Selten gelang die Demaskierung einer Intrige so elegant und wirkungsvoll. Dank TLZ steht Schwind für alle Zeiten als lächerlicher Tropf da, als dummer August und dienernder Handlanger seines Führungsoffiziers Krause.
Doch die vier Aufsichtsräte können nicht übergangen werden. Als Abgesandte der Stadt Weimar besitzen sie ein Vetorecht. Die Idee, das städtische Vetorecht in den Theatervertrag aufzunehmen, um Weimar vor unsinnigen Entscheidungen der Landesregierung zu schützen, stammt von Stephan Märki. Shit happens.
Um Märki schon 2010 aus der Stadt zu jagen, fehlt Krauses Intrigantenstadel nur noch eine Stimme zur Sperrminorität. Die könnte von der SPD kommen. Oberbürgermeister Stefan Wolf wäre ein denkbarer Kandidat. Er gilt als beinharter Gegner des Weimarer Modells, denn die Aufwertung des DNT zum Staatstheater bedeutet für ihn eine Aufstockung des Theater-Etats aus kommunalen Mitteln.
Weil die Bürger Weimars ziemlich geschlossen hinter Märki stehen, kann sich Wolf nicht direkt gegen den Indendanten stellen. Das wäre ein Affront gegen seine eigene Stadt. Aber neben Wolf sitzt Joachim Tromsdorf im Aufsichtsrat, ebenfalls SPD und ein gesichtsloser Kofferträger seines OB. Sollte Tromsdorf die Order empfangen, mit Krause gegen Märki zu stimmen, ist der Keks gegessen.
Doch was wären Parteien ohne faule Kompromisse?
Vor der entscheidenden Abstimmung über die Vertragsverhandlung schlugen einige Aufsichtsratsmitglieder (u.a. die Vertreter der Grünen und der Linken) vor, den Vertrag um fünf Jahre zu verlängern — mit sofortiger Wirkung. Die dritte Intendanz von Stephan Märki würde dann am 31. August 2014 enden, 12 Monate früher als geplant.
Am 27. Januar 2009 wurde der Kompromiß angenommen.
Aktendulli Tromsdorf trat vor der Abstimmung zurück und verließ den Raum. Oberbürgermeister Wolf nahm teil, wagte aber nicht, die CDU-Hardliner öffentlich zu unterstützen. Damit fehlte den Putschisten eine Stimme zum Sieg.
Die SPD war zufrieden. Sie hat eine komplette dritte Vertragslaufzeit verhindert, ohne mit den Intriganten von der CDU gestimmt zu haben. Und Krauses national gesinnte Rotte weiß, daß Märki definitiv aus Weimar verschwindet. Eine vierte Indendanz ist ausgeschlossen.
Am 18. Januar 2009 legte der Geschäftsführer des DNT, Thomas Schmidt, die Bilanz für 2008 vor: 140.000 Besucher brachten 2,1 Millionen Euro Einnahmen aus Kartenverkäufen.
Es ist das beste Ergebnis aller Zeiten.
Klarer Fall: Stephan Märki hat versagt. Mehr volkstümliche volksbekannte Stücke, und der Laden würde brummen.
Wir hätten einen Vorschlag: Heesters spielt Hitler und liest aus “Mein Kampf”. Beide Figuren sind volksbekannt, das Buch ebenfalls, und die Kosten für Darsteller und Kulisse blieben überschaubar. Wenn die Bundes-CDU Busreisen ihrer Ortsgruppen nach Weimar organisiert, wäre das DNT auf Jahre ausgebucht.
In der ersten Reihe säße Krauses CDU.
Keine Kommentare ↓
Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.
Mein Kommentar: