Ist Schäuble nicht mehr Herr seiner Sinne? Oder stellt er sich absichtlich dumm, um im Gestus des harmlosen Trottels den Demokratieabbau beschleunigen zu können?
Ausgerechnet Schäuble, der Lecksklave am Gemächt von George W. Bush, weigerte sich in dieser Woche, Gefangene aufzunehmen, die nach der Auflösung des US-Lagers Guantánamo nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren können, weil sie dort verfolgt werden.
Und ausgerechnet Schäuble, der seinen Amtseid auf die Bibel schwört, vergißt wegen einer Handvoll Menschen seine christdemokratische Nächstenliebe — und die Lehren aus jener Zeit der deutschen Geschichte, in der Aufnahmeländer für ausgebürgerte Deutsche zur puren Lebensversicherung wurden.
Statt dessen verlegt sich Schäuble auf einen irren Zick-Zack-Kurs:
22. Dember 2005: Guantánamo ist eine Schande
“Schäuble selbst habe schon bei seinem ersten Besuch in den USA nach dem 11. September gesagt, dass er ‘eine überzeugende Begründung für Guantanamo nicht kenne und dafür werben würde, es aufzulösen.’”
01. Dezember 2007: Guantánamo ist eine gute Lösung
“Diejenigen, die sagen, Guantanamo ist nicht die richtige Lösung, müssen bereit sein darüber nachzudenken, was die bessere Lösung ist. Denn allein mit der Kritik ist kein Problem gelöst.”
25. Januar 2009: Guantánamo ist irgendwie passiert
“Ich vermutete ja, daß die Amerikaner nicht nur lauter Menschen nach Guantánamo verbracht haben, die nicht Anlass dafür gegeben haben. Das heißt im Einzelfall noch nicht, daß es eine Schuldvermutung gibt, die Unschuldsvermutung gilt immer, aber — und das zweite, was man ja auch überlegen muß, wenn wir beide fünf Jahre unter solchen Umständen in Guantanamo gewesen wären, wären wir ja wahrscheinlich auch noch eher gefährlicher als ohne eine solche Leidenszeit.”
Der letzte Teilsatz ist ein Meisterstück zynischer Rhetorik. Wer unschuldig im Gefängnis sitzt und dort Jahr um Jahr verbittert, sollte möglichst lange hinter Gittern bleiben, damit die Verbitterung nach der Entlassung nicht in gefährliche Aggressivität umschlägt.
Denn selbst schuld ist, wer nach Guantánamo kam.
Noch Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg konnte man bei Deutschen, die die Nazizeit mit Goebbelsschnauze und Wochenschau aufgesogen hatten, zweifelnd hören: “Wer weiß, ob die KZler wirklich so unschuldig waren, wie sie heute tun …”
Denn ohne Grund wird niemand eingesperrt.
Auch nicht Andrej H. und Monika de M. — im zivilisierten Deutschland, weit weg von Guantánamo. Wollte man Schäubles Zynismus buchstabengetreu anwenden, müßte man beide unter strenge Beobachtung stellen.
Hoppla: “Die Ermittlungen gegen Andrej H. werden jedoch weitergeführt.”
Na, dann ist ja alles in Butter.
Keine Kommentare ↓
Es gibt noch keine Kommentare. Sie können das ändern. Schreiben Sie einen Kommentar in das Formular.
Mein Kommentar: