Piko lebt

Geschrieben von messitschbyburns am 09. Februar 2009 | DDR, Medien


In den letzten Tagen flossen viele Tränen ältlicher und vor allem männlicher Journalisten, die sich mit Wehmut ihrer verstaubten Modelleisenbahn der Marke Märklin erinnerten, deren ewige Kreisfahrerei sie zwar als Kind gehaßt, doch in der verklärenden Rückschau fest ins Herz geschlossen haben.

Märklin ist insovlent.

Nachdem das Unternehmen die Finanzinvestoren Kingsbridge und Goldman Sachs 2006 unter lautem Jubel als Heilsbringer begrüßte, ging es bergab, wie bei Finanzinvestoren üblich. 2007 schloß Märklin die Produktion in Sonneberg (Thüringen) und warf 220 Leute auf die Straße, um das Stammhaus in Göppingen (Baden-Württemberg) zu retten.

In Sonneberg wurden trotzdem Modelleisenbahnen gebaut; vom kleinen Konkurrenten Piko. Der machte zwar nur 6 Millionen Euro Umsatz im Jahr, gegen 150 Millionen Euro bei Märklin. Doch Märklin schmerzte jeder Euro, der in fremde Kassen floß. Deshalb dachte man sich 2006 etwas ganz Besonderes aus: Bei Androhung eines Ordnungsgeldes von 250.000 Euro sollte Piko der Vertrieb des Modells des ICE 3 verboten werden. Er sei ein Plagiat des eigenen Modells.

Parallel zum Prozeß schwärmten Märklins Lobbyisten aus. Sie instrumentalisierten erfolgreich den Verein Plagiarius, der jedes Jahr Produktkopien mit einem Negativpreis auszeichnet. 2006 traf es Piko und ihren ICE 3:

piko_ice3_s.jpg

Wenn ein Modellbahnproduzent seine Kunden beglücken will, dann bemüht er sich um maximale Detailtreue. Produzieren zwei Modellbahnbauer den gleichen Zug, werden sich beide Modelle verdammt ähneln. Schließlich liegt es in der Natur der Sache, daß ein Modellbahnbauer keine Bugspoiler oder Auspuffrohre an einen ICE 3 bastelt, die dort nicht hingehören.

Das Gericht sah folglich keinen Grund, Piko zu verurteilen, und Märklin verlor die Klage. Der Verein Plagiarius zog den Negativpreis freiwillig zurück und löschte Piko von seiner Website.

Nun sind die Schienbeintreter insolvent, und bei all dem Lamento könnte man glauben, Piko sei es schon lange — denn niemand spricht von den noch existierenden Modellbahnbauern (neben Piko sind das u.a. Fleischmann und Roco).

Aber Piko lebt.

Mit dieser positiven Nachricht wollen wir Sie, liebe Leser, in die neue Woche starten lassen, bevor die nächste Bank in ihren eigenen Trümmern verraucht und die Stimmung wieder sinkt.

3 Kommentare ↓

#1 g. haase am 09.02.09 um 11:36

Hallo,

wenn “eine Bank in ihren eigenen Trümmern verraucht” ist das kein Grund, daß die Stimmung sinkt …
(OK, außer bei den dortigen Beschäftigen)

GvH

#2 admin am 10.02.09 um 00:34

Ja — wenn die Implosion nicht mit Staatsgeld abgefedert werden würde. Und wenn den Leuten am unteren Ende der Glücklichkeitsskala nicht immer rabiater das Geld weggenommen würde, um es den Bankvorständen als Trost für ihre selbstverschuldete Misere zu geben:

“Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, hat sich für eine Reduzierung der Hartz-IV-Regelsätze für Menschen unter 25 ausgesprochen. Sein Argument: Jugendliche in der Ausbildung dürften finanziell nicht schlechter gestellt sein, als Gleichaltrige, die nicht arbeiten.”

http://www.stern.de/politik/deutschland/:BA-Vorstand-Alt-Hartz-IV-S%E4tze-Jugendliche/654170.html

Alt könnte auch fordern, die Lehrlingsrente anzuheben, um seinen geliebten Einkommensabstand zu wahren. Geht aber nicht, kostet Geld, und das brauchen wir für die Banken …

#3 g. haase am 10.02.09 um 08:36

Es wäre schon viel gewonnen, wenn sich die Politiker an das halten würden, worauf sie geschworen haben:

(1) Kapitalbildung ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel zur Entfaltung
der Volkswirtschaft.
(2) Das Geld- und Kreditwesen dient der Werteschaffung und der
Befriedigung der Bedürfnisse aller Bewohner.

Quelle: Verfassung des Freistaates Bayern, Art. 157.

GvH

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