Der Nazi als Superstar

Geschrieben von messitschbyburns am 16. Februar 2009 | Braune Soße, Geschichte, Medien


Die folgende Nachricht ist nicht neu. Wir wollen sie trotzdem in Erinnerung rufen, weil sie ein Symptom für die immer schamlosere Umdeutung der Bewertung des Dritten Reiches ist: Quasireligiöse Überhöhung alles Militärischen bei konsequenter Mißachtung des zivilen Widerstands.

Am 22. Januar 2009 eröffnete Oliver Pocher die Show Schmidt & Pocher als Stauffenberg-Karikatur, mit Wehrmachtsuniform und Augenklappe (hier auf Youtube):

“Sie sehen natürlich schon, worum es heute geht. Alle fragen natürlich, was soll dieses Outift. Klar, Free-TV-Premiere ‘Mission Impossible 2′ am Wochenende bei ProSieben, deswegen das Tom-Cruise-Outfit, das ich mir zugelegt habe über den Film des Jahres ‘Operation Walküre’ […] Das ist wirklich ein Film, der die Welt verändern wird. Die ARD hat ein neues Logo: Mit dem ersten sieht man besser. Viele werden sich freuen, gerade mein Opa, daß er das noch erleben darf.”1

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Pocher als Stauffenberg bei einer Filmpremiere

Ber der katholischen SWR-Rundfunkrätin Therese Wieland, die Pocher besonders innig zugeneigt ist, schoß der Blutdruck durch die Decke:

“Was da wieder gelaufen ist, ist unsagbar pietätlos und ehrabschneidend.”

Bevor man einem Nazi die Ehre abschneiden kann, müßte er erst mal eine haben. Ein ehrenvoller Nazi ist ein Antagonismus, wie süßes Salz oder trockenes Wasser.

Dann ließ die Rundfunkrätin einen Satz vom Stapel, der in seiner Glorifizierung der Figur Stauffenberg einmalig sein dürfte:

“Es ist nicht hinnehmbar, dass man den Helden des deutschen Widerstandes so ins Lächerliche zieht.”

Ein anderer Freund der Stauffenberg’schen Nazi-Clique, Christoph von Marschall, beließ es neulich bei der Formel “der deutsche Widerstand”. Er meinte damit den gesamten Nazihaufen um Stauffenberg.

Wieland macht den nächsten Schritt. Sie rückt die faschistischen Generäle und Offiziere beiseite und verherrlicht nur noch den feschen Nazi Stauffenberg — als den Helden des deutschen Widerstands.

Den Helden. DEN Helden. Den einzigen Helden.

Der Prozeß des fortlaufenden deutschen Geschichtsrevisionismus’ beschleunigt sich. Man muß sich vergegenwärtigen, was hier geschieht: Mit der Reduzierung des deutschen Widerstands auf eine einzige Person aus dem Kreis der reaktionärsten deutschen Adels- und Offizierskaste, die fanatisch ihrem Führer die Treue schwor und rücksichtslos morden, rauben und brandschatzen ließ, wo der Führer ihre Truppen hinbefahl, wird der Kampf gegen den faschistischen deutschen Staat auf einen schlichten — und auch noch jämmerlich vergeigten — Tyrannenmord heruntergebrochen.

Der deutsche Widerstand vor Juli 1944, als der deutsche Militäradel seine Interessen bedroht sah und sich endlich dazu durchrang, Hitler zu beseitigen und durch einen Grüßaugust zu ersetzen, wird in den bundesdeutschen Medien weitgehend übergangen. Auch Guido Knopp bekleckerte sich in seinen Hitler-Endlos-Serien nicht übermäßig mit dem Ruhm der umfassenden Würdigung des zivilen deutschen Widerstands, der lange vor 1933 begann.

Mit diesem Verschweigen suggeriert man unterschwellig, daß die Invasionen der Wehrmacht — insbesondere nach Osten, ins Reich des Bolschewismus — , an denen Stauffenberg & Co. mit größter Begeisterung und ausgestrecktem rechten Arm teilnahmen, für sich genommen nichts Verwerfliches waren. Kein böses Wort, wie diese Kamarilla in den besetzten Ländern wütete, kommt den Stauffenberg-Fanboys und -girls über die Lippen.

Man übergeht diese üble Seite der Stauffenberg-Geschichte mit einer verblüffenden Nonchalance. Die faschistische Wehrmacht wird reingewaschen, nicht erst seit Valkyrie. Vor Jahren durfte Bundeskanzler und Oberleutnant a. D. Helmut Schmidt über seine Wehrmacht sagen:

“Sie war die ‘einzige anständige Organisation im Dritten Reich.’”

Und wäre Hitler weniger Psychopath und mehr Mensch gewesen, könnten wir heute in Deutsch-Moskau oder in Germania leben, wo adrette slawische Haushaltshilfen die Betten schütteln. Der pensionierte Stauffenberg hielte mit dem vier Jahre älteren Heesters launige Matineen, und Oberleutnant Helmut Schmidt dürfte als Ehrengast seine Naziuniform spazieren tragen.

Die Atomisierung des deutschen Widerstands auf wenige aristokratische Einzelgänger hat einen für die aktuelle deutsche Außenpolitk wichtigen Nebeneffekt. Sämtlichen zivilen Widerstandskämpfern wird die Legitimation entzogen, sich für ein demokratisches Deutschland und gegen die Diktatur engagiert zu haben. Beinahe alles, was sich außerhalb eines genau abgesteckten militärischen Zirkels mit dem Kulminationspunkt Stauffenberg befindet, wird totgeschwiegen.

Ob christlicher, sozialdemokratischer oder kommunistischer Widerstand, ob Partisanenkampf oder Sabotage durch Zwangsarbeiter — sie verblassen wie im Zeitraffer und verschwinden hinter der götzenhaften Anbetung des Nazihelden Stauffenberg.

Zwei Beispiele.

Die Verfolgung der Kommunisten und ihre abnorm hohen Opferzahlen sind bekannt. Die Bundesregierung wird die Kommunisten trotzdem nicht ehren — weil sie Kommunisten sind; untragbar für das bundesdeutsche Politik-Establishment.

Anerkennung finden sie nur versteckt, in Spartenliteratur mit Auflagen zwischen 500 und 1.000 Stück — oder als Schlußsatz einer Rezension, in der ein Buch über den Geheimdienst der KPD (“BB-Ressort”) vorgestellt wird:

“[Der Autor gibt] zum Schluss die von ihm geübte Werturteilsfreiheit für einen Moment auf und pflichtet den doppelt verratenen Landesverrätern moralisch bei: Jeder Versuch, das verbrecherische Hitlerregime zu schwächen, sei eine gute Tat gewesen. Die BB-Mitarbeiter hätten ein ‘Gleiches getan wie die heute ohne Vorbehalt als Widerstandskämpfer anerkannten Verschwörer des 20. Juli 1944.’”

Womit er zweifellos recht hat. Nur interessiert das Wieland, Knopp & Co. einen feuchten Kehricht.

Zu den ersten prominenten Opfern des Faschismus gehörte Carl von Ossietzky. Der Herausgeber der Weltbühne, der Kurt Tucholskys Text Der bewachte Kriegsschauplatz mit dem bekannten (und sofort strafrechtlich verfolgten) Zitat “Soldaten sind Mörder” veröffentlichte, wurde bereits 1931 im berühmten Weltbühnenprozeß vom Reichsgericht wegen “Verbrechen gegen den § 1 Absatz 2 des Gesetzes über Verrat militärischer Geheimnisse vom 3. Juni 1914″ zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Ossietzky hatte 1929 in der Weltbühne den heimlichen Aufbau der deutschen Lufwaffe — unter Umgehung des Versailler Vertrags — aufgedeckt. Am 22. Dezember 1932 entließ man ihn im Rahmen einer Amnestie vorzeitig.

Nach dem Reichstagsbrand wurde Ossietzky am 28. Februar 1933 erneut verhaftetet, über das Gefängnis Berlin-Spandau in die KZs Sonnenburg und Esterwegen verschleppt, schwer mißhandelt und zum Sterben ins Berliner Krankenhaus Nordend überstellt — immer noch als Häftling, inzwischen aber mit dem Friedensnobelpreis geehrt, den er auf Befehl Hitlers nicht empfangen durfte.

Carl von Ossietzky starb am 4. Mai 1938. Im Jahr 2008 hätte die Bundesregierung seines 70. Todestages gedenken können. Ein Festakt am 4. Mai im Bundestag wäre für einen der bedeutendsten deutschen Pazifisten, der von den Nazis buchstäblich totgeprügelt wurde, angemessen gewesen.

Das offizielle Gedenken an Ossietzky fiel aus. Statt dessen wurde 2008 der Bau einer Ruhmeshalle beschlossen, in der nach alter deutscher Militaristentradition im weihevollen Pomp eine kultische Zeremonie für das Kanonenfutter abgehalten werden soll, das bei der weltweiten Sicherung deutscher Interessen von jenen getötet wurde, die sich keine deutschen Truppen in ihren Dörfern wünschen.

Ossietzky ist noch immer rechtskräftig verurteilt. Das Wiederaufnahmeverfahren, das seine Tochter Rosalinde von Ossietzky-Palm 1990 beantragte, wurde vom Berliner Kammergericht 1991 für unzulässig erklärt. 1992 lehnte der Bundesgerichtshof eine Beschwerde gegen diese Entscheidung ab.

Dem Pazifisten flicht die Regierung keine Kränze. Den Kommunisten sowieso nicht. Dem Nazi huldigt sie mit Feierstunden.

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Carl von Ossietzky im KZ Esterwegen

  1. Das Stotterdeutsch haben wir nicht korrigiert. Pocher spricht wirklich so. []

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