Volksvertreter!

Geschrieben von messitschbyburns am 15. März 2009 | Immer wieder sonntags


Wir deuteten es in unserem Jahrespoll an, und nun habt ihr euch offenbar durchgesetzt. Auf Wunsch von 614 Abgeordneten und dem Marketendertroß aus Saaldienern, Herrenkutschern, Referenden und sonstigen Lakaien der Macht wird der S-Bahnhof unter dem Friedrich-Ebert-Platz nicht gebaut:

reichstag_friedrich_ebert_platz_s.jpg

Angeblich aus Sicherheitsgründen. Euer kluger Ausweichvorschlag, den Bahnhof südlich der Scheidemannstraße zu bauen, ist aus topographischen Gründen nicht durchführbar. Also gibt’s überhaupt keinen S-Bahnhof in eurer Nähe, und ihr könnt euch die Nachtmützen wieder über die Ohren ziehen.

Mal ehrlich: Euch ist es doch scheißegal, ob die Bürger Berlins — also die, die immer hier wohnen; nicht die, die hier die Praktikantin schwängern und sonntags mit der dicken Gattin und dem dummen Kind in Bayern in die Kirche gehen — eine S-Bahn brauchen, die den erbarmungswürdig schlecht an den Nahverkehr angebundenen Hauptbahnhof eine Spur attraktiver machen würde.

Eure Ruhe ist euch heilig. Und eure Bequemlichkeit. Denn ihr meidet die Berührung mit dem Volk wie die Begegnung mit der Krätze. Eure bucklichten Herrenkutscher reißen die Türen eurer hochmotorigen Dreckschleudern schon dann bis zum Anschlag auf, wenn ihr noch vom uniformierten Hausdiener in der Pförtnerloge mit einer Verbeugung bis runter zu den Kniekehlen verabschiedet werdet.

Dann trottet ihr aus dem Mief eurer Volksvertreterglocke ins Freie und schlurft über den Friedrich-Ebert-Platz, wo die Dienstkarosse parkt.

Und noch mal ehrlich: Euch ist es doch scheißegal, daß dieser Platz vom Architekten, von der Bundestagsverwaltung und der Stadt Berlin ursprünglich als offener Stadtplatz konzipiert war. Die Bürger sollten am Reichstag entlang zur Spree flanieren.

Das widerte euch an. Ihr konntet eure Audis, BMWs und sonstigen Luftvergifter nicht vor der Reichstagstür parken lassen. Man mutete euch ein paar Schritte zu Fuß zu. Unerhört!

Weil ihr aber eure eigene Macht und Herrlichkeit seid, 614 Sonnenkönige im Glanze fünfjähriger Unkündbarkeit, befahlt ihr euren Handwerkssklaven, Poller in den Platz zu rammen. Ihr habt ihn einfach abgesperrt und das teure Pflaster mit den rollenden CO2-Kanonen zugeparkt. Die Autos vor der Tür, das Volk drumherum. Der Senat guckte zu und sagte nichts.

Und damit ihr noch schneller aus Berlin ins Wochenende fliehen könnt — von Donnerstag mittag bis Dienstag vormittag –, baut euch der Senat eine sechsspurige Autobahn, von Neukölln bis zur Frankfurter Allee, inklusive Untertunnelung des Stadtbezirks Friedrichshain.

Wißt ihr, was dann passiert?

“300 Kleingärten fallen weg, an der Beermannstraße in Treptow werden vier Wohnhäuser abgebrochen […] Geplant ist, die sechsspurige Autobahn zwischen der Straßen- und der Bahnbrücke über die Spree zu führen - wofür ein Teil der Elsenbrücke abzubrechen ist. Am Nordufer steht das denkmalgeschützte Gebäude der früheren Osthafendirektion im Weg, es ist ebenfalls abzureißen.”

Toll, nicht wahr? Aber es wird noch besser:

“Vor der Hauptstraße taucht der Stadtring in einen Doppelstocktunnel ab […] Dazu muss die Neue Bahnhofstraße auf ganzer Länge aufgegraben werden.”

Könnt ihr euch vorstellen, was mit den Leuten geschieht, die jahrelang an einer aufgegrabenen Straße leben müssen? Oder mit Gewerbetreibenden, die zusehen dürfen, wie ihre Läden, in die sie ihr privates und von der Bank geborgtes Vermögen investiert haben, langsam aber sich insolvent werden, weil die Kunden ausbleiben?

Habt ihr euch mal erkundigt, wie hoch die Entschädigung ist, die der Senat in solchen Fällen zahlt? Wir verraten es euch: Null.

“Auch in der Gürtelstraße (wo Häuser im Weg stehen) gibt es eine tiefe Baugrube - für eine Rampe, auf der die Autos in den Tunnel fahren. Damit wird die Gürtelstraße Autobahnzubringer.”

Im 21. Jahrhundert werden quer durch Berlin Betonschneisen geschlagen, um ein irres Konzept der 60er Jahre wiederzubeleben: Die autogerechte Stadt.

Man möchte sich an den Kopf fassen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) will das dinosaurierhafte Projekt mit einer Klage stoppen. Das dauert, und die Richter sind nicht dafür bekannt, auf breite Autobahnen zu verzichten. Der Erfolg ist also sehr ungewiß.

Wir haben einen besseren Vorschlag. Ihr Volksvertreter zieht für ein Jahr in die Gürtel- und die Neue Bahnhofstraße. Eure Praktikantinnen dürft ihr mitnehmen, da sind wir nicht pingelig.

Sobald der erste Bagger rollt, mobilisiert ihr eure Anwälte und Pressereferenten, schickt Mails und Faxe an alle Sender, Zeitungen und Zeitschriften, gebt Interviews am laufenden Band und veranstaltet das gleiche Tamtam wie bei der Einweihung eines Kreisverkehrs in eurem Heimatdorf. Das dürfte genügen.

Der Senat, dem die eigenen Bürger wahlweise Luft, Wurst oder schnuppe sind, legt sich nicht mit euch Volksvertretern an — denn ihr seid gleicher als gleich, dank eurer Entscheidungsgewalt beim Länderfinanzausgleich und anderen Zuweisungen, ohne die Berlin etwas bedröppelt dastehen würde.

Nach vier Wochen Protest ist die sechsspurige Autobahn Makulatur. Ihr könnt wieder ins überteuerte Bötzowviertel ziehen, mit der Gewißheit, zum ersten Mal in eurem Leben ein gutes Werk vollbracht zu haben. Eure Untertanen kehren in ihre Wohnungen zurück, und alle sind glücklich und zufrieden.

Dafür verzeihen wir euch eure unglaubliche Arroganz, sich einen öffentlichen Platz widerrechtlich anzueignen und einer ganzen Stadt zu verbieten, ihren Nahverkehr nach eigenem Ermessen zu optimieren und einen S-Bahnhof dort zu bauen, wo er gebraucht wird.

Wählen werden wir euch trotzdem nicht.
Messitsch by Burns

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