Die sensationelle Renaissance der Atomkraft

Geschrieben von messitschbyburns am 10. Februar 2009 | INSM, Schlandt


Über intellektuell tiefergelegte Leckzungen, die am Stiefelabsatz der INSM kleben, muß man nicht viel Worte verlieren. Erst recht, wenn sich ein neoliberaler Bückling so dummdreist zur Medienhure der Energiewirtschaft macht wie Jakob Schlandt.

Der bei der Berliner Zeitung — mangels redaktioneller Alternativen — vom Volontär zum Wirtschaftsexperten hochgeschossene Vattenfall-Versteher ist harmlos, ein Fall für’s Kabarett.

Manchmal juckt es trotzdem, die schwachdünstigen Anfälle Schlandts zu lesen. Und zu kommentieren.

“Schlechte Zeiten für Atomkraftgegner”, jubelt Schlandt, und im Hintergrund kann man sich den Pressechef von Vattenfall denken, der ihm gönnerhaft auf die Schulter klopft, zwei Karten für das nächste Heimspiel von Alba Berlin — sponsored by Vattenfall — über den Tisch schiebt und beifällig murmelt: “Guter Einstieg, mein Junge.”

“Was nicht sein darf, das kann auch nicht sein. Mit dieser Haltung begegneten die Kritiker der Atomenergie gern der oft beschworenen weltweiten Renaissance der Kernkraft. Die Skepsis hat sich nun als Illusion herausgestellt. Allein im Jahr 2008 wurde laut Internationaler Atomenergiebehörde mit dem Bau von zehn neuen Anlagen begonnen, so viele also, wie seit 1985 nicht mehr.

Dass Schweden nun wieder neue Atomkraftwerke erlauben will, China und Indien ihre Pläne aufgestockt haben und auch Russland, die USA, Frankreich und Großbritannien verstärkt auf Atomkraft setzen, legt nahe, dass die Zahl der konkreten Projekte bald noch steigen wird.”

Das können wir präzisieren:

In den USA haben die Reaktorbauer seit 1973 keine Bestellung mehr erhalten, die später nicht annulliert wurde. In Westeuropa warteten die Reaktorhersteller ein Vierteljahrhundert lang (bis 2004) auf einen Neubau-Auftrag (eine Ausnahme ist Frankreich).

Derzeit werden in Europa genau zwei Atomkraftwerke gebaut: Eines in Frankreich (seit 2007) und eines im finnischen Olkiluoto (seit 2005).

Insgesamt waren Ende 2008 nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien weltweit 38 Atomkraftwerke im Bau. An einem guten Dutzend davon wird schon zwischen 18 und 36 Jahren gearbeitet. Nicht alle dieser Langzeit-Neubauten werden beendet; einige müssen demnächst als Bauruinen gesichert werden.

Die verbleibenden Projekte, mit deren Fertigstellung wirklich gerechnet werden kann, entstehen fast alle in Ostasien, also in einem nicht oder nur bedingt marktwirtschaftlichen Umfeld, in dem der Staat den Neubau direkt (über Anschubfinanzierungen und Zuschüsse) oder indirekt (über die garantierte Abnahme von Atomstrom zu überteuerten Preisen) subventioniert.1

Die tatsächliche nukleare Auftragslage ist also niederschmetternd. Für Investoren, die heute vor der Entscheidung stehen, ihren Kraftwerkspark zu erneuern, gehören Atomkraftwerke nicht zur ersten Wahl.

“Deutschland steht mit seinem Atomausstieg bis 2021 nun tatsächlich isoliert da.”

Das wäre der Fall, wenn sich auch nur ein Konzern entschließen könnte, Atomkraftwerke zu bauen — und zu finanzieren. Doch bis heute ist es unmöglich, einen Atomreaktor ohne staatliche finanzielle Hilfe zu errichten. Diese Einsicht in die ökonomischen Realitäten lassen Energiekonzerne vor dem Neubau von Atomkraftwerken zurückschrecken.

Sie wollen etwas ganz anderes.

Das Geschrei nach Unabhängigkeit von importiertem Gas und Öl, nach Klimaschutz und billigem Strom ist Hokuspokus, reine Augenwischerei. Im Kern gibt es für die Konzerne nur ein Ziel: Laufzeitverlängerung abgeschriebener Atomkraftwerke.

Im Ausstiegsvertrag, den auch die Chefs der Energiekonzerne mit wachem Verstand unterschrieben haben, wurde die Laufzeit eines Atomkraftwerks auf 32 Jahre fixiert. Gelänge es den Konzernen, ihren eigenen Vertrag zu canceln und die Laufzeit auf 45 Jahre zu strecken, gäbe das einen Extragewinn von 30 Milliarden Euro.

Wenn nur nicht das kritische Volk wäre.

Das Stimmungsbild in Deutschland ist wenig kernkraftfreundlich. Die im Ausstiegsvertrag ausgehandelte Laufzeit der Kraftwerke per Federstrich zu verlängern, würde massive Proteste der Bevölkerung provozieren. Diese Anti-Haltung soll sich ändern, und um die Stimmung zu drehen, bedienen sich die Konzerne Mietmäulern wie Schlandt, die als stille U-Boote in fast allen Redaktionen sitzen:

“Der Ausstieg aus dem Ausstieg ist angesichts der internationalen Entwicklung wahrscheinlicher denn je.”

Für diesen Gefälligkeitsjournalismus könnte der Pressechef von Vattenfall zwei Karten für Hertha BSC spendieren, sponsored by Vattenfall. Denn die Profession von Schlammfingern wie Schlandt besteht darin, den Lesern die angebliche Renaissance der Atomkraft und die ebenso angebliche Selbstisolierung der Bundesrepublik einzureden. Er soll in Panik versetzt werden, bei ihm ginge demnächst der Fernseher aus, wenn die Kraftwerke vertragsgemäß abgeschaltet würden.

Dafür muß Schlandt einige Details weglassen.

Zum Beispiel die Tatsache, daß Uran nicht endlos verfügbar ist. Die wichtigsten Atomkraft-Nationen verfügen über so gut wie keine eigene Uranförderung (Frankreich, Japan, Deutschland, Südkorea, Großbritannien, Schweden, Spanien) oder über erheblich weniger Kapazitäten, als sie für den dauerhaften Betrieb ihrer Reaktoren benötigen (Russland, USA).

Die EU bezieht rund ein Drittel ihrer nuklearen Brennstoffe von Russland. In ca. 15 Jahren werden die Uranvorkommen in Russland drastisch abnehmen. Wer heute eine Loslösung vom russischen Gas fordert, sollte sagen, womit er die absehbaren Lieferausfälle beim russischen Uran kompensieren will.

Schlandt muß auch die CO2-Thematik verschleiern. Oft wird behauptet, Atomkraftwerke trügen zur Verbesserung der CO2-Bilanz bei. Atomkraft besitzt aber nur zwei Prozent Anteil an der weltweiten Stromerzeugung.

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat errechnet, daß im Jahr 2050 weltweit 25 bis 40 Mrd. Tonnen CO2 eingespart werden müssen, um das Klima im Takt zu halten. Um aber wenigstens fünf Mrd. Tonnen CO2 bis 2050 einzusparen, wäre die weltweite Kernkraftwerksleistung schlicht zu verdreifachen.

Heute sind weltweit 439 Atomreaktoren in Betrieb, und seit Jahrzehnten stagniert der Ausbau. Nach Schätzungen der OECD wird sich an dieser Situation bis 2030 nicht viel ändern. Hinzu kommt, daß viele Reaktoren in den Jahren 1970 bis 1990 errichtet wurden und sich unaufhaltsam ihrem technischen Lebensende nähern. Die Zahl der Atomkraftwerke wird also eher sinken denn steigen. Auf die CO2-Bilanz haben sie jedenfalls so gut wie keinen Einfluß.

Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück.

Schlandt beschwört eine Renaissance der Atomkraft. Tatsächlich gibt es keinen privat finanzierten Neubau eines Atomkraftwerkes. In liberalisierten Strommärkten — wie in Deutschland — ist der Atomkraftwerksbau ohne staatliche Unterstützung nicht konkurrenzfähig. Die von Schlandt zitierten Länder China und Indien pumpen enorme Summen in ihre Atomkraftwerke, teils aus Prestigegründen, teils aus Staatsdoktrin. In Deutschland wäre das schon aus EU-rechtlichen Gründen nicht machbar.

Die Renaissance der Atomkraft ist ein Phantasma, der Wunsch der Konzerne nach Verlängerung der Laufzeiten dagegen sehr real. Schlandt muß den Ausstieg aus dem Ausstieg noch oft beschwören, bis das Volk weichgeklopft ist und die Extraprofite in die Konzernkassen fließen.

Der Pressechef von Vattenfall dürfte zufrieden lächelnd den Raum verlassen. Auf dem Tisch liegen zwei Karten für das Auswärtsspiel der Hamburg Freezers — sponsored by Vattenfall — gegen die Eisbären Berlin — und ein Blatt mit den neuesten Umfragewerten, als Ansporn für die nächsten Artikel:

59 Prozent der Bundesbürger glauben nicht, daß die Stromversorgung in Deutschland gefährdet ist, wenn der Atomausstieg wie geplant vollzogen wird.

Ein unangenehmes Resultat. Viel Arbeit für Jakob Schlandt.

  1. siehe auch: Gerd Rosenkranz, Die Mythen der Atomindustrie, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 12/2008, S. 37 ff. []

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