Unplugged in Berlin

Geschrieben von messitschbyburns am 06. April 2009 | Mark Lanegan


Gutter Twins
An Evening with Greg Dulli & Mark Lanegan
24. Januar 2009
Berlin, Babylon Mitte

Drei Stühle, drei Mikrofone, vier Gitarrenständer und ein schwarz verhangenes Keyboard: Die Gutter Twins spielten in ganz kleiner Besetzung.

Auf den Stühlen nahmen Platz: Greg Dulli, Mark Lanegan und Dave Rosser, ein schmächtiger Gitarrist mit schütterem Haar, der u.a. an der Produktion von Saturnalia beteiligt war.

Keine Backgroundsänger, kein Schlagzeug, keine E-Gitarren, kein Bass. Unplugged in Berlin.

Sie saßen — nein, sie hielten Audienz vor dem schweren, faltigen, samtrot angestrahlten Vorhang des wundervoll restaurierten Kinos Babylon. Greg Dulli und Dave Rosser hängten ihre Gitarren um. Mark Lanegan legte seine Hände auf die Oberschenkel und grub die Finger in den Hosenstoff, bis zum letzten Song.

Das Publikum verstummte. Mucksmäuschenstill schaute es mit leuchtenden Augen zur Bühne. Kindergeburtstag für Erwachsene.

Viele Zuschauer dürften Saturnalia Live erwartet und sich angesichts der spartanischen Besetzung irritiert gefragt haben: God’s Children und The Body als Trio, ohne Streicher, Harmonium, Mellotron und den Gesang von Martina Topley-Bird? Wie soll das klingen?

Großartig. Fantastisch.

Die Gutter Twins schenkten ihrem Publikum ein famoses Kammerkonzert, intim und voller Seele. Als säßen drei mittelalte Herren zufrieden auf einer Bank unter der Linde im Dorf, um miteinander zu singen: schwärmerisch, schmachtend oder todtraurig; die Lieder ihres Lebens.

Die Kraft, die live in der Verknüpfung ihrer Stimmen steckt, konnte man bisher nur ahnen. Greg Dullis heller, mächtiger Gesang legte sich verblüffend harmonisch über Mark Lanegans Tiefseegrollen und die dezent in den Hintergrund gerückte Stimme von Dave Rosser.

Die aufs Sparsamste reduzierte Musik füllte den großen Saal bis in den letzten Winkel. Es wurde einer der seltenen Abende, an denen Publikum und Band verschmolzen. Man hätte die sprichwörtliche Stecknadel auf den Boden fallen hören können. Vor dem legendär ungehobelten Berliner Publikum.

Ein Wunder.

Sicher auch Dank eines radikalen Fotoverbots. Greg Dulli erlaubte keine Armee glühwürmchenleuchtender Handys, keine blitzenden Fotoapparate und vor allem keine Fans, die vor der Bühne auf den großen Moment für das Ewigkeitsfoto warten, das später auf ihrer Festplatte versauert. Und was für eine Wohltat, einmal nicht von handtellergroßen, scheinwerferhellen iPhone-Displays angestrahlt zu werden, auf denen Filmchen für den virtuellen Papierkorb wackeln.

Die Gutter Twins spielten auch Saturnalia, gewiß — aber nur als Anreißer: The Body, God’s Children und The Stations; außerdem We Have Met Before von ihrer EP Adorata. Danach wühlten sie sich durch ihre eigene Geschichte: Greg Dullis Afghan Whigs und Twilight Singers, Mark Lanegans Solo-Platten.

Sie hatten Spaß. Dulli alberte vergnügt mit dem Publikum, plauderte im Kautschuk-Slang über dies und das und stimmte ewig seine Gitarre. Das Publikum lachte, und zur allergrößten Verblüffung lachte auch Mark Lanegan.

Und jetzt halten Sie sich fest, liebe Leser.

In einer von Dullis länglichen Gitarrenstimmpausen rief ein fröhlicher Zuschauer: “Uh”. Auf der Bühne wandt sich Mark Lanegan verlegen, nahm allen Mut zusammen, lächelte schelmisch und schmetterte ins Publikum: “Uh”.

Ein gut gelaunter Mark Lanegan, ein frohes und heiteres Konzert der Gutter Twins. Das hätte man nicht erwartet. Ach, wie schön.

Als man nach dem Schlußapplaus glaubte, der Abend hätte sein Finale gefunden, kehrte das Trio zurück und präsentierte drei verblüffend charmante Zugaben: den 1950er Country-Heuler Tennessee Waltz, den Engtanzschlurfer der Everly Brothers All I Have To Do Is Dream (mit dem leicht zu merkenden Text “Drea-ea-ea-ea-eam, dream, dream, dream, Drea-ea-ea-ea-eam, dream, dream, dream …”) und I Get A Kick Out Of You aus dem Musical Anything Goes von Cole Porter.

Letzteren Song kennt man vor allem in den Versionen von Frank Sinatra und — allerdings nur in Deutschland — Daliah Lavi: Nichts haut mich um, aber du.

Und wissen Sie was, liebe Leser? Verzwickte Umstände bugsierten uns am 16. März in den Friedrichstadtpalast, zum Abschiedskonzert von Daliah Lavi. Ein Kessel Buntes 2009, mit Carmen Nebel als Ehrengast.

Welches Lied sang Daliah Lavi nicht? Genau.

gutter_twins_ss.jpg

 Greg Dulli, Mark Lanegan, Dave Rosser
(11. Februar 2009, San Francisco)

Die Setlist, wie immer ohne Gewähr:

  • The Body
  • God’s Children
  • The Stations
  • We Have Met Before
  • Creeping Coastline of Lights
  • Resurrection Song
  • The Twilite Kid
  • The Lure Would Prove Too Much
  • Kimiko’s Dream House
  • Summer’s Kiss
  • King Only
  • Sunrise
  • River Rise
  • Sunset Machine
  • I Am In The Heavenly Way
  • Candy Cane Crawl
  • One Hundred Days
  • Tennessee Waltz
  • All I Have To Do Is Dream
  • I Get A Kick Out Of You

Foto (c) by Jonathan Koshi

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